Gemeinsames Merkmal vieler Publikationen der letzten Jahre über Adolf Loos ist, dass sich dessen Image als radikaler Wegbereiter der modernen Architekturbewegung, Referenzfigur für Tabula rasa-Theorien und Autor von – oft allzu wörtlich genommenen – Streitschriften hin zu einem wesentlich facettenreicheren, vielfältigeren Bild verschoben hat. Loos ist auch längst nicht mehr nur Studienobjekt für Kunst- und ArchitekturhistorikerInnen mit traditionellen Zugangsweisen, sondern interessiert zunehmend auch aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Die vielfältigen Interessensfelder Loos‘ (neben Handwerk und Design auch Kleidung und Stil, angelsächsische Lebenskultur, Küche und Esskultur etc.), die er in meist kurzen kulturkritischen Texten darlegt, bieten Stoff für eine multidisziplinäre Auseinandersetzung.
Hier setzt der von Inge Podbrecky und Rainald Franz herausgegebene Sammelband „Leben mit Loos“ an, bei dem das Loos’sche Textwerk ausdrücklich im Vordergrund steht. Die HerausgeberInnen heben die Notwendigkeit hervor, Loos‘ Texte in einem interdisziplinären Rahmen zu kommentieren und in ihrem zeitgenössischen Umfeld zu untersuchen. Doch nicht alle Beiträge des Bandes basieren auf Textkritik im eigentlichen Sinn. Einige der AutorInnen untersuchen Loos‘ Persönlichkeit und Lebensumstände, sein Essverhalten, die Beziehung zu Frauen, zu seinen Schülern etc., wobei der Buchtitel „Leben mit Loos“ diese Gegenstandsbereiche als gemeinsame Klammer zutreffender umschließt. Was sich hinter den Beiträgen als gemeinsamer Nenner in jedem Fall abzeichnet, sind die Widersprüche, Ungereimtheiten, ja mitunter Skurrilitäten seiner Texte und Anschauungen und die Tatsache, dass sich Loos als Autor und Polemiker nur schwer festlegen lässt.
Den Anfang macht ein Beitrag von Hermann Czech zum Gegenwartsbezug von Adolf Loos, in dem er vor einer allzu simplen Sicht auf Loos warnt und auf dessen Werk als „offenes System hinweist. Loos‘ Entwurfsethos wurzle nicht in konstruktiven oder funktionellen Vorstellungen, sondern vielmehr in kulturellen, gedanklich-ideellen Konzeptionen.
Manfred Russo stellt in seinem Beitrag mit dem Titel „Hätte Loos adidas getragen?“ die Frage, ob Loos‘ Empfehlungen zur Kleidung angesichts des gegenwärtigen Massenkonsums für Künstler heute immer noch Geltung hätten. Er setzt das Textwerk Loos‘ in den Kontext der kunsttheoretischen Positionen des 19. Jahrhunderts, die von der Frage nach dem Formprinzip als der hinter der Materie stehenden Idee geprägt waren. Elana Shapira, die sich mit der Wiener modernen Architektur in Bezug auf die jüdische Assimilation beschäftigt, interpretiert die Befürwortung des englischen Kleidungsstiles als kulturelle Strategie Loos‘, um seinen Auftraggebern Michael und Leopold Goldmann zu ermöglichen, ihr „Anderssein“ zu leben.
Rainald Franz geht der sukzessiven Entwicklung des Loos’schen Kulturbegriffs nach, wobei das mit Absolutheitsanspruch postulierte Primat der angelsächsischen Kultur und deren Streben nach Vervollkommnung – als modernes Äquivalent zur klassischen Antike – ein Schlüsselmotiv bildet. Franz hebt die Rolle des plumbers, des „Mannes im Overall“ als Vorkämpfer der modernen Kultur besonders hervor, ebenso wie Inge Podbrecky. Diese geht in ihrem Text davon aus, dass Loos erst durch sein Engagement für die Siedlerbewegung eine Möglichkeit gesehen habe, sein Verständnis von moderner Kultur und die Vereinheitlichung des Lebensstiles auf breiter Basis um- und durchzusetzen.
Wie fruchtbar das in sich widersprüchliche Werk Adolf Loos’ immer wieder für den Bereich der Gender-Forschung sein kann, zeigt der Text von Anne-Katrin Rossberg. Diese verfolgt die Frage nach dem Frauenbild von Adolf Loos am Beispiel der von diesem für Frauen gestalteten Architektur im Vergleich zu jener für Männer.
Besonders aufschlussreich ist der Beitrag des Germanisten Sigurd Paul Scheichl, der die Verfahrensweisen der Loos’schen Selbststilisierung als Reformator und Einzelkämpfer gegen das niedrige Kulturniveau seiner Umgebung untersucht. Als hierzu eingesetzte „mediale Gesten“ führt er die Zeitschrift als „Sprachrohr des Propheten“, den Vortrag als „säkularisierte Predigten“ und die Typografie als Mittel der Hervorhebung der eigenen Modernität an.
Quasi als Pendant zur Untersuchung der Selbststilisierung lässt sich die Fremdstilisierung Loos‘ als „gütiges Genie“ durch seine Schüler, Mitarbeiter und Anhänger verfolgen. Iris Meder arbeitet das Lehrer-Schüler-Verhältnis im Vergleich mit jenem bei Oskar Strnad, Josef Frank und Josef Hoffmann heraus und beschreibt die geradezu „messianische“ Faszination, die der charismatische Lehrer ausübte.
Das zwiespältige Verhältnis Adolf Loos‘ zur Wiener Küche zeigt Markus Kristan auf. Hier wäre interessant, etwa die von Kristan angesprochene Beziehung von Einbrenn und Roastbeef zur Loos‘schen Architektursprache und dem Postulat der Ornamentlosigkeit noch zu vertiefen. Bei zwei Beiträgen, über einen Sittlichkeitsprozess und einen weiteren über Loos und die Wiener Küche, überwiegt hingegen in der chronikartigen Beschreibung des Verhaltens des Architekten das Anekdotische gegenüber der methodischen Interpretation.
Inge PODBRECKY, Rainald FRANZ (Hrsg.):
Leben mit Loos
Schriften des Verbands österreichischer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, Bd. 3
Wien-Köln-Weimar
Böhlau, 2008
294 Seiten
ISBN: 978-3-205-77743-4
Preis: € 35.00
- Verfasser/in:
- Antje Senarclens de Grancy, Buchrezension
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