ARCHITEKTUR A wie Anfang, A wie Architektur: Bis dato ist "projekt A-graz" noch nicht aus seinen Startlöchern gekommen. 2008 soll das ehrgeizige Graz-2003-Folgeprojekt aber abheben.
Nachhaltigkeit, dieses schöne Wort, und dann das: Ein Jahr nach Graz 2003 war der Begriff in einer Jahresrückschau der Kleinen Zeitung neben Austrokoffer, Barbarella und Starmania zum Flop des Jahres 2004 erklärt worden. "Was von, Graz 2003' blieb: Nachhaltigkeit - das nutzlose Unwort des Jahres."
Nachhaltigkeit - dieser Begriff wurde nicht nur in Zusammenhang mit dem Kulturhauptstadtjahr wiederholt in den Mund genommen. Er beherrscht auch heute die Zukunftsprojekte der Stadt. Aktuelles Beispiel: projekt A-graz, vormals Architekturhauptstadt. Vergangene Woche wurde das Projektkonzept Kulturlandesrat Kurt Flecker seitens der Plattform Architektur, der Vereinigung aller in Graz tätigen Architekturinstitutionen, vorgestellt. Flecker zeigte sich interessiert, präsentiert sich das Vorhaben doch weniger als einmaliges Event denn als Auslöser vielfältiger Projekte mit Langzeitwirkung; dies zweifelsfrei auch in Reaktion auf Graz 2003, dessen Schwung nur unzureichend für die Zeit danach mitgenommen wurde. Aus Fehlern gelernt?
Vor einem Rückfall in eine Leider-net-möglich-Mentalität hatte 2003-Intendant Wolfgang Lorenz jedenfalls schon während des Kulturhauptstadtjahres gewarnt und das Fehlen eines Nachnutzungskonzepts für 2003 kritisiert. Nach dem überaus positiven Medienecho und den kräftig angestiegenen Übernachtungen im Kulturhauptstadtjahr ist Graz heute nicht nur mit empfindlich gesunkenen Nächtigungszahlen konfrontiert. Auch die drängende Frage quält, wie sich Graz angesichts leerer Kassen im Konkurrenzkampf der Städte neu positionieren kann. In einer Studie des Joanneum Research zur Nachhaltigkeit von 2003 wurden Kultur und Kunst zwar als zukunftsweisende Entwicklungsschienen für Graz anerkannt. Ein Kulturentwicklungskonzept für Graz ab 2004, vom ehemaligen Kulturstadtrat Christian Buchmann 2003 einigermaßen hastig initiiert, verlief allerdings ebenso ergebnislos im Sand wie Buchmanns Versuch, durch die Umwandlung der 2003-Gesellschaft in eine Kulturmarketing GesmbH die Erfahrungen der 2003-Organisatoren für Graz weiterhin nutzbar zu machen. Hier scheiterte es am Geld.
Alle Querelen überdauert hat allerdings Buchmanns Idee, Graz in Zukunft zum Ort kultureller Jahresschwerpunkte zu machen. Mit Blick auf Glasgow, das nach seinem Kulturhauptstadtjahr die Architekturhauptstadt ausrief, überlegte Buchmann 2004 für Graz Ähnliches: "2006 könnte so etwas unter Einladung von Kulturproduzenten aller Sparten auch in unsere Stadt passen, mit dem Bogen vom Weltkulturerbe bis zur Grazer Schule."
"Eine Anstrengung wie Graz 2003 macht nur dann Sinn, wenn man auf dem Thema der Kultur draufbleibt", schließt auch Günter Koberg, Mitglied der Plattform Architektur, aus den Ergebnissen der Studie des Joanneum Research. 2004 war die Stadt Graz an die Plattform herangetreten, um die Entwicklung eines Konzepts für die Architekturhauptstadt Graz anzuregen. projekt A-graz, so der gegenwärtige Arbeitstitel, steht für A wie Anfang ebenso wie Architektur und ist nach der konzeptionellen Überarbeitung durch die Plattform nicht mehr auf Graz beschränkt, sondern steiermarkweit angelegt. Zentraler Gedanke: Architektur soll ein Jahr lang ins Gespräch gebracht werden, was auf unterschiedlichsten Ebenen
geschehen soll. "Die Auseinandersetzung mit Architektur soll aber nicht ausschließlich der Sparte Architektur zugute kommen. Wir haben ,projekt A-graz' von Anfang an transdisziplinär angelegt", unterstreicht Koberg den spartenübergreifenden Charakter des Projekts. Gespräche zu Kooperationen gab es bereits mit dem steirischen herbst, dem Kunsthaus Graz und La Strada. Weitere Treffen mit den Bühnen und der freien Szene werden folgen.
"Im Unterschied zur Kulturhauptstadt wollen wir nicht ein paar Leuchtfeuer abbrennen, sondern mit dem Projekt Entwicklungen einleiten und Maßnahmen setzen, die nach dem Architekturjahr installiert sind und fortwirken", erläutert Koberg die langfristige Komponente des Projekts. Im Konzept der Plattform zum projekt A-graz ist daher viel von Architektur als Voraussetzung für Lebensqualität und Standortattraktivität die Rede; im Gespräch erläutert Koberg näher die dahinter stehenden konkreten Themen wie Wohnen oder Ghettobildung (siehe LINK am Ende dieses Artikels).
Mag es am noch recht allgemein gehaltenen Konzept der Plattform liegen oder an den sozialen Ambitionen des Projekts, die sich im Unterschied zu steigenden Übernachtungszahlen wie bei Graz 2003 schwerer vermitteln lassen: Bis heute steht ein politischer Beschluss zu projekt A-graz jedenfalls aus. In einer Sitzung des Grazer Gemeinderats im Juli 2005 war die Fixierung des Projekts am Veto der Grazer SPÖ gescheitert - aus Finanzierungsgründen. "Das ist derzeit absolut unverantwortbar, so fahren wir budgetär an die Wand", ließ SP-Kultursprecher Karl-Heinz Herper seinerzeit zur anvisierten Beteiligung der Stadt mit 2,4 Millionen Euro wissen.
Der Weggang Buchmanns aus der Grazer Stadtpolitik, aber auch die Neubildung der steirischen Landesregierung taten ihr Übriges, um das Projekt politisch neun Monate auf Eis zu legen - mit ein Grund dafür, dass das Vorhaben nun ins Jahr 2008 verschoben wurde. Seit die Plattform Architektur das Projekt in der vergangenen Woche Kulturlandesrat Flecker präsentierte, ist allerdings wieder Wind in den Segeln der Architekten. "Das Konzept gefällt", bestätigte Fleckers Pressesprecher Heinrich Fischer den positiven Verlauf des Gespräches. Für einen politischen Beschluss des Projekts sei allerdings eine präzisere Ausarbeitung des Konzepts notwendig. Ebenso nötig sei die anteilige Finanzierung des Projekts durch Stadt, Land und Bund. Flecker beziffert die Kosten des Projekts mit etwa zehn Millionen Euro, die "aus außerbudgetären Mitteln aller Ressorts" finanziert werden sollen.
Angesichts der zu erwartenden Unterstützung des Landes kann sich mittlerweile auch Herper eine Beteiligung der Stadt vorstellen. Er dämpft aber Erwartungen an eine ausschließliche Finanzierung des Projekts aus öffentlicher Hand: "Auch die Bauwirtschaft sollte höchstes Interesse haben, die Qualität des Bauens in Graz entsprechend zu bewerben und in den eigenen Vorteil umzumünzen. Bauwirtschaft und Genossenschaften sollten in die Projektierung miteinbezogen werden."
Die Zeit drängt. Im Falle einer Beauftragung will die Plattform Architektur bis Juni das ausgearbeitete Umsetzungskonzept fertig stellen, das im besten Fall noch vor dem heurigen Sommer beschlossen werden soll. "Das Fehlen einer Jahreszahl wie bei einer Kulturhauptstadt ist ein Manko des Projekts", kommentiert Koberg das Risiko einer neuerlichen Verschiebung, sollte der Sommer ergebnislos vorüberziehen. Denn 2009 ist Linz Kulturhauptstadt. Glasgow, das 1990 Kulturhauptstadt war, realisierte seine Architekturhauptstadt allerdings auch erst neun Jahre danach. Will Graz so lange warten?Der Falter Steiermark erscheint wöchentlich, jeweils am Mittwoch.
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller, Kommentar; erschienen im Falter Stmk. Nr. 10/06
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