Laudatio für Günther Domenig von Thom Mayne

Anlässlich der am 6.Juli von Hausherrn Peter Noever im MAK ausgerichteten Geburtstagsfeier für Günther Domenig zu seinem 70er hielt Thom Mayne folgende Laudatio.

09/07/2004

Rede von Thom Mayne zum 70. Geburtstag von Günther Domenig

Es ist für mich eine große Freude, heute hier Gunther Domenig anlässlich seines 70. Geburtstags zu ehren.

Das wegweisende Werk „ The Poetics of Space/Die Poetik des Raums“ von Gaston Bachelard erkundet die Verbindung zwischen Worten und räumlicher Erfahrung unter dem Aspekt, dass überall, wo Architektur den Konnex zwischen diesen beiden Bereichen meidet, die gebaute Form in dem Versuch, uns einzunehmen, versagen und in Verfremdung resultieren wird.

Architektur, die das Poetische über das Prosaische stellt, ermöglicht, statt der bloßen Anordnung von Materialien die Schaffung von Orten, an denen Tagträume greifbare Traumformen mit ihren eigenen Modulationen, ihrer eigenen Tektonik und Ethik heraufbeschwören.

Architektur ist, in den Händen gewisser Menschen, eine Sprache, deren Verwendung es ermöglicht, poetische Bilder zu bauen und dadurch zur essentiellen Menschlichkeit ihrer Form zu finden. Es ist diese Menschlichkeit, die deine Arbeit auszeichnet und ihren Wert begründet.

Ich habe viele Projekte von Domenig besucht, aber am meisten hat mich die Reinheit der physischen Erfahrung seines Steinhauses beeindruckt.

Anfangs hat diese Erfahrung Ähnlichkeit mit dem Seiltanz durch einen zerborstenen Spiegel. Das Werk scheint auf Basis eines andersartigen logischen Systems zu funktionieren, vielleicht ähnlich den Gesetzen der Kristallisation von Mineralen, bei der Vorsprünge, Gletscherspalten, Asymmetrien und Lücken Linien der Spannung und Energie kreieren.

Aber dann, kurz bevor die Desorientiertheit einsetzt, wird man sich eines Gefühls der Geborgenheit bewusst, umfangen wie in einer Umarmung.

Es ist wie ein Märchen, das sich oberflächlich wie ein Stück liest, geschrieben, um die Kleinen und Unschuldigen zu erschrecken, und das erst später als eine Landkarte einer psychologischen Reise verstanden wird, deren Pfade Fallen säumen, aber an deren Ende eine mächtige Katharsis steht.

Nimm Platz auf dem Thron im Scheisszimmer (oder ist es der Scheissepalast) – dies ist kein Ort, den man betritt, ausscheidet, und verlässt, sondern vielmehr ein besonderer Schauplatz, an dem wir wiederkäuen und Freude finden können an der rituellen Produktion dessen, was unser Dasein bestätigt.

Das Steinhaus ist das Ergebnis intensiver Selbstreflexion und Erforschung des tiefsten Inneren. Es ist ein Projekt, das die Visionen des Träumers vollkommen offenbart, er selbst schafft als Reisender seiner eigenen Psyche Räume, zu deren Erklärung nur die Poetik fähig ist.

Fantasie (Erfindungsgeist) ist Domenigs Art, zu sehen und seinen Weg in die Schaffung eines Gebäudes hineinzufühlen, wo menschliche Schwäche und Eventualität seine Themen, Zufall und Überraschung seine Methoden sind und Lyrik das Ergebnis ist.

Ich wurde auf Günther Domenig in den frühen siebziger Jahren als junger Architekt aufmerksam, als ich bei einem Wienbesuch zufällig auf die Z-Bank stieß.

Dieses Gebäude hat mich sehr fasziniert: seine „flüssige“(liquide) Fassade – war sie im Begriff zu schmelzen – und sein tentakelartiges Inneres – man hatte den Eindruck, das Innere eines lebendigen Wesens zu betreten – Knochen, Eingeweide, Organe – als ob man die Welt der Chirurgie beträte. Am meisten beeinflusste mich jedoch die experimentelle Natur des Gebäudes, die mir half, meine eigenen Instinkte zu erkennen, um eine Architektur des Denkens, Sehens und Beobachtens der Welt zu verfolgen.

Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich, dass dieses Werk ein Wegbereiter für die heutigen Strömungen in der Architektur war. Die Formensprache kann heute mittels Computer realisiert werden und entwickelt sich zum Mittel der nächsten Generation.

Ich traf Domenig Jahre später in Graz und war sofort von seinem dualen Wesen fasziniert.

Wir verbrachten unzählige Nächte im Santa Clara, ins Gespräch über Architektur (grotto) vertieft. Er ist gleichzeitig sehr zurückhaltend und reserviert mit einem hochsensiblen Gespür für Unaufrichtigkeiten, dennoch entwaffnend in seiner emotionalen Offenheit und Verwundbarkeit mit der Angewohnheit, den Gesprächspartner zu berühren.

Seine Arbeit handelt letztendlich von einer Beziehung, die bis an das Ende, an die Grenzen, zu einem Platz führt, wo der Zerfall eine Quelle der Erneuerung ist; aber seine eigene Lebenskraft formt dieses Gebäude so stark, dass es seine Vollendung verhindert.

Als ich ihn im Steinhaus besuchte, lernte ich den Menschen Domenig auf einer persönlichen und tiefen Ebene zu verstehen.

Für gewöhnlich unsichtbare Energie wird greifbar durch diese Arbeit. Konflikt als Ausgangspunkt ist allgegenwärtig. Und das ist der Schlüssel. Keines seiner Werke würde existieren ohne seinen intensiven Optimismus, seinen Willen zu kämpfen, seine Hartnäckigkeit und seine kompromisslose Natur... letztendlich besitzt er neben seinem Talent die angeborene Gabe unendlichen Fingerspitzengefühls.

In der erfolgreichen Verbindung der poetischen und räumlichen Erfahrung lässt Domenigs großes Werk das Prosaische hinter sich und verführt uns zum Träumen.

Der vorliegende Text wurde für GAT aus dem Englischen übersetzt von Chrystal o'Brien.

Die englische Originalfassung:

lt is really a pleasure to be able to be here today to honor Günther Domenig on bis 7Oth birthday.

Gaston Bachelard‘s seminal work "The Poetics of Space" explores the links between words and spatial experience, arguing that where architecture avoids the nexus between these two realms, built form will fail to engage us and alienation will result. Architecture that privileges the poetic over the prosaic is able to break through the mere arrangement of materials to the creation of places, in which daydreams conjure concrete dream-forms with their own modulations, tectonics and ethics. Architecture is, in certain hands, a language that can be used to build poetic images and thereby find the essential humanness of its form. lt is this humanness that so characterizes your work - establishes its value.

I have visited many of Domenig‘s projects, but was particularly struck by the purity of the physical experience of bis Steinhaus. Initially the experience is somewhat akin to walking a tighttope through a shattered mirror. The work seems to operate on a different System of logic, perhaps something like the laws of mineral crystallization where juttings, crevasses, asymmetries and gaps create lines of tension and energy. But then, before disorientation sets in, one becomes aware of a sense of encapsulation, of being compressed as if by an embrace. lt is rather like a fairy-tale that reads superficially as something designed to scare the small and innocent and only later is understood as the map of a psychological journey whose path is littered with traps but whose end embodies powerful catharsis.

Sit on the throne in the Scheisszimmer (or is it the Scheissepalace?) - it is not a place to enter, eliminate, and depart but rather a privileged location where we can ruminate and take pleasure in the ritualistic production of that which confirms our being. The Steinhaus is the outcome of intense self-reflection and deep inward exploration. lt is a project entixely self-revealing of the dreamer who ttavels deeply within bis own psyche to create spaces that can only be explained in terms of poetics. lnvention is Domenig‘s way of seeing and feeling his way into creating a building where human frailty and contingency are his subjects, accident and surprise his methodology, and lyricism his result.

I became aware of Günther Domenig in the early 70's as a young architect when, on a visit to Vienna I stumbled across the „Z-Bank“. lt really amazed me, this buildling with its liquid fassade - or was it melting - and its tentacle-like interior - it felt almost as if you were entering into the interior of a living thing.. . bones, intestines, organs.... Like entering the world of surgery. But what affected me most was its experimental nature which helped validate my own instincts to pursue an architecture as a method of thinking, of seeing, of observing the world. But today when I look back at it I realize that it was a pre-cursor of what is going on today with architecture. The form language is just now able to be realized by computer and is becoming the currency of the next generation. I met Domenig years later in Graz and was immediately struck by his dual nature. We spent many nights at the Santa Clara talking about architecture (grotto). He is at once intensely private and reserved with a hypersensitive snout for the disingenuous, yet disarming in his emotional openness and vulnerability with a habit of reaching out and touching the person to whom he is speaking. His work is ultimately about a relationsbip to the end, to the finite, to a place where ruin is a source of renewal; but his own life-force informs this building so deeply as to preclude its completion. I came to understand him personally and more deeply when I visited him at Steinhaus.

Energy, which is not normally visible, is made palpable through this work. Conflict as source rnaterial is ubiquitous. And this is key. None of his work would be with us without his intense optimism, his willingness to fight, his tenacity and bis uncompromising nature... finally, though we‘re talking about his talent - he has an enorrnous facility that he was born with... (“fingerspitzengefühl“). In successfully bridging the nexus between poetic and spatial experience, Domenig‘s large body of work abandons the prosaic and invites us to dream.

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Blitzlichtgewitter für den Jubilar
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Domenig dankt auf seine Art
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Domenig am Pult, Noever ehrend
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Thom Mayne ergreift das Wort (und das Mikrofon)

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