LAPIDARIUM anstelle ORANGERIE

Oder wie schön kann es im Orkus sein: Mit dem neuen Lapidarium der Architektengruppe PURPUR im Park des Schlosses Eggenberg ist Graz um ein kleines, aber feines Stück Arc

17/04/2004

Oder wie schön kann es im Orkus sein: Mit dem neuen Lapidarium der Architektengruppe PURPUR im Park des Schlosses Eggenberg ist Graz um ein kleines, aber feines Stück Architektur reicher. Eröffnung: 17.04.2004, 11:00 Uhr

Am nördlichen Ende des Planetengartens von Schloss Eggenberg befand sich ursprünglich eine Orangerie aus dem 18. Jahrhundert. Aufgabenstellung eines vor zwei Jahren ausgeschriebenen geladenen Wettbewerbes war es, ein Museum für die Zurschaustellung von historischen Steindenkmälern unter Miteinbeziehung der Restbestände der einstigen Überwinterungsstätte für Gartenpflanzen zu errichten.

Die Architektengruppe PURPUR (Christian Tödtling, Alfred Boric, Thomas Längauer, Alex Löbel) konnte mit ihrer Lösung, den Ausstellungsraum in die Erde zu versenken, was nicht nur angesichts der Belichtung ebenso logisch wie selbstverständlich erscheint, knapp überzeugen.

Und so entstand eine Behausung für 96 Steine, Inschriften, Reliefs und Rundskulpturen - sowie drei Bodenmosaike, allesamt archäologisch bedeutende Werke provinzialrömischer Plastik, die sowohl in ihrer Gesamtkonzeption als auch im Detail überzeugt.Nachfolgender Text stammt von den Architekten selbst:

"EIN LAPIDARIUM ALS EREIGNISSREICHER N(L)ICHT ORT"

Am nördlichen Ende des neu errichteten Planetengartens des Schlosses Eggenberg (Graz/Austria) wird der städtebauliche Abschluss der Gartengestaltung durch den Neubau eines Lapidariums definiert.

Am Platz der ehemaligen Orangerie aus dem 18.jhd. wird ein Museum errichtet, welches neben der Zurschaustellung von historischen Steindenkmälern, eine Synergie mit den vom Bundesdenkmalamt als schützenswert eingestuften Restbestände der einstigen Überwinterungsstätte für Gartenpflanzen und dem Planetengarten eingehen soll.

Das Lapidarium beherbergt neben dem Ausstellungsraum Sanitäreinheiten, welche zum einen dem angrenzenden Kinderspielplatz dienen, und zum anderen öffentlichen Veranstaltungen im Parkbereich.

Des weiteren sind spezielle Lagerräumlichkeiten für die Parkpflege und das Museum vorgesehen.

Dem Bauauftrag ging ein geladener Wettbewerb voraus.

Zum einen basiert der Entwurf auf der Trinität zwischen Altbestand in mittelbarer und unmittelbarer Umgebung, dem kürzlich neu gestalteten Planetengarten und dem neu zu errichtenden Lapidarium an der Stelle der alten Orangerie, und zum anderen auf dem Ausstellungs- und Raumkonzept für die zur Zeit in diversen translozierten, zugemieteten Lagern befindliche historische Steinsammlung.

Das neue Lapidarium situiert sich zwischen den historischen Altbeständen der alten Orangerie aus dem 18.jhd. und ist nördlich von der Begrenzungsmauer und nach Osten beziehungsweise Westen von den Flügelmauern mit den kapitellbestückten Frontsäulen umschlossen.

Dieses „zwischen“ spiegelt sich auch in der Lesbarkeit und in der Erlebbarkeit des musealen Konzeptes wider.

Der Kern des Ausstellungskonzeptes liegt in der Ambivalenz zwischen objektiven und subjektiven Bildern und der diesem Dipol innewohnenden Spannung. Das Durchschreiten von (Bild)Ebenen, das Überschreiten

von Schwellen und Niveaus bzw. massiven als auch transparenten Begrenzungen definiert die Grenzen des dazwischen aufgespannten Raumes.

Dieser Raum hebt die Grenzen zwischen Betrachter und Betrachtetem, zwischen Besucher und musealer Inszenierung auf. Der Besucher agiert auf den Ebenen der aufgelösten Trennungen von Sicht und Tat.

Das Gebäudekonzept scheint sich weniger an einer aufdringlichen Symbolhaftigkeit als an einer „lebendigen Zurückhaltung“ zu orientieren.

Die Ausformulierung geschieht im Erdgeschossbereich mit einem transparenten Erschließungskörper der mit horizontalen und vertikalen Beschattungsmaßnahmen versehen ist.

Diese Maßnahmen ermöglichen ein veränderbares auf diverse Veranstaltungen reagierendes

Erscheinungsbild, welches dem Besucher nicht nur einen Bezugspunkt geben soll, sondern beim Annähern auch einen Einblick auf das darunter befindliche Lapidarium.

Der angesprochene Bezugspunkt erfährt seinen Abschluss nach oben über das schwebende,

semitransparente, beschattende, fliegende [Licht]Dach und zum Planetengarten hin über eine 7,20m hohe, goldgelb reflektierende Sonnenscheibe, welche wiederum das symbolische Zentrum der bereits bestehenden

„botanisch ausformulierten Sonne“ in sich spiegelt.

Die Sonnenscheibe ist Teil des vorgelagerten „neuen Orangeriekörpers“.

Das „Darunterliegende“ definiert sich über ein neutrales das Ausstellungsobjekt unterstreichendes und sich selbst zurücknehmendes Raumbild, welches über die langgezogene Rampentreppe mit der Eingangszone verbunden ist und für den Besucher auch über eine zweite, behindertengerechte Eingangssituation [durch

eine Geländekante] erreichbar wird.

Die raumgestaltenden Sichtbetonflächen als Träger der historischen Steindenkmäler sind über eine längsgeneigte Bodengestaltung erlebbar, aus der heraus sich wiederum Negativformen wie Sockel- und

Podesteinheiten stülpen, welche der Präsentation freistehender Exponate dienen.

Ein Atrium am östlichen Ende des Lapidariums verleiht dem Raum Tiefe. Dieser Hof lässt sich sowohl für Ausstellungszwecke als auch für Veranstaltungen zuschalten.

Östlich des Hauptraumes befindet sich der schon zuvor erwähnte behindertengerechte Zugang sowie die Einbring- und Lagerzone, die, neben der Beschickung durch Fahrzeuge jeglicher Art, für das Untergeschoß die WC-Gruppen erschließt, sowie die notwendigen Lagereinheiten für die Parkpflege und die

Zugangsmöglichkeiten zur Sanitäranlage für den angrenzenden Kinderspielplatz ermöglicht.

Die Wegeführung durch das Bauwerk ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzeptes.

Sie beginnt bei der Annäherung durch den Schlosspark, beschreibt verschiedene Schleifen im Bauwerk und führt wieder ins Freie.

Die sich bildenden Freiräume um das Gebäude und die barrierefreie Zugänglichkeit der Überreste der alten Orangerie eröffnen leichte, erholsame und spannungsgeladene Zonen, die den Besucher der Anlage zum

Verweilen unter dem Schattenspendenden Lichtdach einladen.

Die Möglichkeiten der Erkundung des „Darunterliegenden“ über das westlich situierte Atrium, oder den rudimentären Brunnen als Okular, bzw. über die Eingangshalle erweckt im Besucher nicht nur das Interesse für die ausgestellte Sammlung, sondern er findet sich selbst als Entdecker wieder.

Der „Bauzustand“ des Jetzt ist nur ein Fragment aus einem stetig anhaltendem Prozess Entwurf, Planung, Bauzeit und Nutzung. das Lapidarium wird auch nach Fertigstellung ein ort des Ereignisses bleiben. Ein Museum als aktiver, pulsierender Ort.

Der entscheidende Ansatz unsererseits richtet sich nach dem Prinzip eines „Park_Mobiliars“, das multifunktional „dienend“ ein Ort für Kunst und Kultur historischer als auch kontemporärer Art sein soll und

wird. Es wird ein Ort des Treffens, ein Ort des Austausches [verschiedener Interessen], ein Ort der Begegnung, des Events sein – also kein klassisch musealer, rein konservierender, archivierender

„Lagerpatz“ sein.

Wir haben bereits im Vorfeld mit Interessenten aus den erweiterten Kunstkreisen wie z.B. der jungen Modeszene Kontakt aufgenommen, die das spezielle, weit über das kulissenhafte hinausgehende,

Raumerlebnis mit Spannung erwarten."

PURPUR. ARCHITEKTUR 2004

Verfasser/in:
Ute Angeringer "Kommentar"
dscn2037.jpg
dscn2049.jpg
Das neue Lapidarium am Ende des Planetengartens
dscn2000.jpg
Das neue Lapidarium am Ende des Planetengartens
dscn2014.jpg
Prof. Dr. Erich Hudeczek
dscn2033.jpg
Prof. Dr. Erich Hudeczek
dscn2008.jpg
PURPUR.ARCHITEKTEN-TEAM

Artikelempfehlungen der Redaktion