Am vergangenen Mittwoch, den 01.02.2006 diskutierten Gäste des 2. Architekturdialogs, der im Rahmen des Architektur Laboratorium Steiermark stattfand, über zukunftsweisende Tendenzen ländlichen Strukturwandels.
Urbane Ländlichkeit: So paradox der Titel des 2. Architekturdialogs des Architektur Laboratorium Steiermark anmutet, so widersprüchlich war das zentrale Thema des Abends an sich. Land, dieser Begriff steht heute für Entvölkerung und Strukturwandel ebenso wie für das unvermittelte Auftreten innovativer Erneuerung. „Provinz ist nicht gleich provinziell“, bemerkte der Berliner Architektursoziologe Werner Sewing in seinem Einführungsvortrag zur Veranstaltung. Während beispielsweise von Metropolen oft wenig architektonische Impulse ausgingen, lägen Orte von gesteigerter innovativer Architekturproduktion häufig in der Provinz. “Es könnte sein, dass das, was wir für die Provinz halten, mental gerade nicht provinziell, sondern an der Avantgarde orientiert ist.“ Dies beweise die Dichte architektonischer Qualität in den Niederlanden ebenso wie in Vorarlberg, Graubünden oder der Steiermark.
Dennoch: Aufgrund der andauernden Entvölkerung ländlicher Gebiete wird „Land“ heute vor allem als Problemthema wahrgenommen. Und obwohl jährlich 49 Milliarden Euro, also rund die Hälfte des EU-Budgets in ländliche Regionen fließt, würden diese Gelder dort hauptsächlich zur Aufrechterhaltung einer aus marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht mehr gebrauchten Landwirtschaft eingesetzt. Die Bewirtschaftung von Landschaft habe zunehmend landschaftspflegerische Bedeutung, so Werner Sewing: „Leerstand wird kaschiert.“
Welche zukunftsweisenden Tendenzen lassen sich also angesichts von Entvölkerung und Strukturwandel für das Land entwickeln? Mit dieser Frage konfrontierte Kuratorin Charlotte Pöchhacker im Anschluss an den Einführungsvortrag Werner Sewings die zum Architekturdialog geladenen Architekten, Beamten und Politiker. Während Architekt Klaus Kada großteils verkrustete Strukturen ortete – „Wir bauen für das Heute, aber die meisten bauen für gestern“ –, kann sein Kollege Gerhard Mitterberger durchaus einen zarten Sinnenswandel in der ländlichen Baukultur feststellen: Nach Jahren der Satteldachdebatte wird moderner Architektur heute eine positive Rolle als Symbol für Stimmungswandel und Aufbruch zugestanden. Wie selbstverständlich moderne Architektur am Land sein kann, berichtete Bezirkshauptmann Wolfgang Thierrichter aus Murau, dessen Bezirkshauptmannschaft (Architektur: Wolfgang Tschapeller) von den dort arbeitenden Beamten mittlerweile begeistert angenommen wird. Dass der Bau dieses Hauses nicht ohne massive Verhinderungsversuche der Bevölkerung vonstatten ging, beweist einmal mehr die politische Dimension des Bauens am Land. Positive Erfahrungen auf diesem Gebiet machten hier die Architekten Heinz Wondra und Siegfried Loos, deren gegenwärtig in Realisierung befindliche Projekte gerade aufgrund der breiten Auseinandersetzung mit der Bevölkerung an Akzeptanz gewonnen haben. Partizipatorische Prinzipien des Bauens am Land erkannte daher nicht zuletzt auch der im Publikum sitzende Architekt Eilfried Huth.
Wir sind alle urban – dieser Satz, so Werner Sewing, kennzeichne in Zeiten von Mobiltelefon, Internet und Individualverkehr gerade auch die ländliche Bevölkerung, die längst infrastrukturell an sämtliche urbane Netze angeschlossen ist. Hinzu komme, dass abseits aller Schrumpfungsszenarien auch ein Zuzug von zumeist städtischer Bevölkerung in ländliche Regionen zu beobachten ist, was wiederum die Nutzung alter Strukturen durch neue Funktionen möglich mache. Dass es an der Zeit ist, den geänderten Tatsachen auch architektonisch Rechnung zu tragen, hat Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll übrigens jüngst zu einem deutlichen Bekenntnis zu neuer Architektur als Standortfaktor bewogen, wie in der letzten Wochenendausgabe der Tageszeitung Der Standard zu erfahren war. In der Steiermark, deren jüngere Bautradition bereits eine Reihe moderner Architekturen am Land aufweist, ist die Haltung der neuen Landesregierung bisher kaum bekannt. Bauen am Land: Wie stehen Voves und Flecker zum Thema?
NÄCHSTER TERMIN:
Der 3. Architekturdialog „Urbane Ländlichkeit / Teil 2" findet am Dienstag, den 7. März 2006 statt.
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller, Bericht
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