Am vergangenen Dienstag, den 4. Juli 2006 lud die Sektion Architektur der alumniTUGraz 1887 in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Architektur der TU Graz zu einem Gespräch mit dem ehemaligen Grazer Kulturstadtrat Helmut Strobl, das unter den Jahresprogrammpunkt „Abseits der Architektur“ fiel, ein. Dekan Urs Hirschberg und Günter Koberg stellten fest, dass sich die Architekturalumni und alumnae der TU Graz allerorten herumtreiben, etwa im Design, Museumsdesign, Musik, Schiffsbau und eben als Kulturpolitiker.
Strobl war im Rebellionsjahr 1968 gerade 25 Jahre alt und Wehrdienstverweigerer. Einen Ersatzdienst gab es damals noch nicht.
Atmosphärisches: Studium, AKTION und Aktionismus, IFU
„Ursprünglich wollte ich Testpilot werden“, erzählt der gern als BUNTER HUND Titulierte, „aber bei der Berufsberatung im Gymnasium erklärte man mir, dass das unmöglich sei, deswegen studierte ich Architektur.“ Dass er danach auf Abwege geriet, führt er einerseits auf die Politisierung der 60er Jahre zurück, wo „dauernd diskutiert statt studiert“ wurde - er leitete die von Gerfried Sperl gegründete und zwischen 1965 und 1970 existierende Studentenvereinigung AKTION. „Die Zeit war b e w e g t. Es gab die Studentenbewegung, die Friedensbewegung, die Bürgerinitiativenbewegung, die Volksbegehrenbewegung“ - und andererseits auf die Schwerpunktverlagerung während des Studiums, wo mit der Uni Graz Fächer getauscht werden konnten: „Im Entwerfen war ich schlecht und in konstruktiven Fächern nicht gut, und dafür hab ich Soziologie und Philosophie (bei Prof. Freisitzer) eingetauscht.“ Sein Schwerpunkt wurde Stadtplanung und Städtebau, und Strobl wurde zuerst WiHi und später Assistent beim legendären Hubert Hoffmann, damaliger Leiter des Instituts für Städtebau und Entwerfen an der TU Graz, der auch in Bürgerinitiativen engagiert war. Von da ging er auf das ebenfalls legendäre IFU (Institut für Umweltforschung) in der ehemaligen Molkerei ungefähr gegenüber vom Restaurant Laufke, das so ziemlich alle, die später kulturell und politisch etwas zu sagen hatten, versammelte (Paierl, Tischler, Hagenauer, Dreibholz etc.), danach zum Forschungszentrum Joanneum und noch später zu Joanneum Research mutierte.
Strobl wird Beamter und hält kommunalpolitische Seminare
1973 organisiert Strobl gemeinsam mit Dieter Schoeller die Steirische Akademie und zusammen mit Hans Mesnaritsch arbeitet er am Forschungsprojekt „Stadtentwicklung“. PROST (Projekt Raumordnung Steiermark). Das Projekt mündet später in das Raumordnungsgesetz, und eine umfangreiche kommunalpolitische Arbeit beginnt: Raumordnung, Kulturpolitik.
Damals, als die ÖVP liberal war…
… war das für den deklarierten Kreisky-Wähler Strobl möglich. Hasiba war in der Stadtpolitik. „Modell Steiermark“ begann. „Als der FPÖler Götz Bürgermeister wurde, ging ich in die BRD“. 1980 wird Strobl Gemeinderat, 1985 Grazer Stadtrat. Er ist 16 Jahre für Kultur, Wohnungswesen und Hochbau tätig und konnte einiges erreichen:
- die Renovierung des Stadtmuseums
- den Bau der Synagoge
- die Renovierung des Forum Stadtpark
- die Errichtung des umstrittenen Bauamtsgebäude
- und Graz als Kulturhauptstadt 2003 mit den bekannten Architekturprojekten
Als Strobl Stadtrat wurde, wollte das Hochbauamt selbst als Architekturbüro der Stadt Graz agieren, Strobl setzte aber Wettbewerbe und die Rolle der Stadt als Auftraggeber durch, „und im Prinzip haben wir das System heute noch: geladene, offene und EU-weite Wettbewerbe, je nach Projektgröße.“
Ein eigenes Kapitel ist Strobls Initiative für Graz als europäische Kulturhauptstadt, die 1988 begann. „Ich sage: War nicht schlecht – jedenfalls für die Architektur!“.
Strobls Mini-U-Bahn Pläne harren noch der Umsetzung
Er schlug sie 1998 vor. Seine Grundidee ist, dass es einerseits zwar international heißt, U-Bahnen zahlen sich erst für Städte ab 500 000 Einwohner aus, dass aber andererseits Graz ein massives Verkehrsproblem hat, durch den Individualverkehr und den öffentlichen Verkehr nicht bewältigt werden kann. Kopenhagen hat bewiesen dass eine kleine U-Bahn auch in kleineren Städten möglich ist. Die U-Bahn wäre in einer 8er-Schleife ohne Personal zu führen und ist EINE SERIÖSE IDEE. EU-weit sollten sich Städte in der Größenordnung von Graz zusammenschließen und ein Projekt starten - es kann auch eine andere Technologie sein als in Kopenhagen – von dem dann der zuständige EU-Kommissar zu überzeugen ist. Das Projekt wäre vor allem auch für die neuen EU-Länder interessant, meint Strobl.
Die Synagoge
„Eine neue Synagoge zu bauen war Jörg Mayrs Idee. 1988, also 50 Jahre nach 1938, haben wir zur jüdischen Kultusgemeinde gesagt, wir müssen etwas machen. Kurt David Brühl war Präsident, und wir haben zuerst die Aufbahrungshalle in der Alten Poststraße renoviert. Es bildete sich ein Kuratorium unter Franz Küberl, Jörg Mayr hatte sich mit jüdischer Baukultur beschäftigt, weil sein Vater im Osten bei Peter Behrens eine Synagogen gebaut hatte. 1988 stand fest, dass die Stadt Graz eine Synagoge baut. Es sollte allerdings ohne Diskussion auch seitens der FPÖ beschlossen werden. Das hat geklappt, Michael Schmid sagte zu mir „Endlich eine gute Idee von dir“. Ohne Bürgermeister Stingl allerdings wäre das nicht möglich gewesen.“Veranstalter:
alumniTU Graz 1887 -
Gesellschaft der Absolventen, Freunde und Förderer der Technischen Universität Graz - und Fakultät für Architektur der TU Graz.
WEITERE VERANSTALTUNGEN von alumniTU Graz 1887:
Sonntag, 22. Oktober 2006, 11.00 Uhr - Aula, TU Graz, Rechbauerstr.12
"Architekturdiplom im Wandel der Zeit"
PODIUMSDISKUSSIN & AUSSTELLUNG
über/mit Diplomarbeiten der Jahrgänge 1956, 1966, 1976, 1986, 1996, 2006
Donnerstag, 7. Dezember 2006, 19.00 Uhr - HS I, TU Graz, Rechbauerstraße 12
"Architekt in Providence (RI)"
Friedrich St. Florian
Weitere Informationen unter alumni@tugraz.at
- Verfasser/in:
- Maria Nievoll, Gesprächsprotokoll
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