Kommentar zu dem Aufmacher "Klimaschutz vs. Kulturerbe" einer Grazer Wochenzeitschrift.
Es ist zugegebener Maßen begrüßenswert, dass Themen wie energieeffizientes (um das Unwort "nachhaltig" zu vermeiden) Bauen und Kulturerbe ihren Weg in die breite Öffentlichkeit finden. Sie werden zu oft nur in elfenbeinturmesken Kreisen in größter Einigkeit diskutiert. Die simplifizierende – und inhaltlich schlicht und einfach falsche – Art und Weise, in der sie letztes Wochenende in einer Grazer Wochenzeitschrift im Entweder-oder-Stil behandelt wurde, schadet allerdings mehr als sie bringt.
Die dystopisch anmutenden Fotomontagen auf der Titelseite spielen plump eine, von einer Smogglocke eingehüllte Altstadt gegen eine mit Solaranlagen zugepflasterte Dachlandschaft aus. Übrigens intelligenterweise mit Richtung Nordwesten ausgerichteten Sonnenkollektoren. Aus den begrüßenswerten Anstrengungen des Franziskanerordens, ihr Kloster energieautark auszurichten, was auch eine (vom Schlossberg abgewandte) Fotovoltaikanlage einschließt, konstruiert das Gratisblatt reißerisch die Vision einer Flut von Solaranlagen auf den Dächern der Altstadt. Dass eine solche in Konflikt mit dem UNESCO-Weltkulturerbe stünde, stimmt. Allein hält sich die Gefahr in Grenzen. Denn es hat eigentlich niemand vor, hier weitere Solaranlagen zu bauen. Schon gar nicht nordseitige.
In der, im Artikel erwähnten, vom ISG (Internationales Städteforum Graz) und der TU Graz veranstalten Konferenz vor einem Jahr und auch einer, von der Stadt Graz veranstalteten Club Zukunft Diskussion wurde klar, dass sich Klimaschutz und Kulturerbe nicht ausschließen müssen und schon gar nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. In einer Gesamtenergiebilanz hat die dicht bebaute Altstadt nur minimalen Anteil. Solange die Entstehung von Einfamilienhauswüsten rund um die Stadt und das Pendeln mit dem eigenen PKW von der öffentlichen Hand gefördert werden – und damit Infrastrukturkosten, Verkehr und deren ökologische Folgen entstehen – braucht man sich vom gesellschaftlichen Standpunkt her keine Gedanken über die Nutzung von Sonnenenergie oder mehr Wärmedämmung im innerstädtischen Altbaubestand machen. Sehr wohl mag eine Verbesserung der Energieeffizienz vom individuellen Standpunkt der Eigentümer einen Sinn ergeben, wie etwa im virulenten Fall des Franziskanerklosters. Allerdings würde kein Architekt Solaranlagen so plump aufkleben wie die Fotokünstler von Wochenzeitschriften. Fotovoltaikanlagen können ästhetisch verträglich in Gebäude integriert werden, wie etwa die semitransparent auf Verglasung aufgedampfte Fotovoltaik beim Sauermacher Ecoport von Bramberger [architects] und Atelier Thomas Pucher beweist.
Diese Wahrheiten zu vermitteln ist zentrale Aufgabe eines verantwortungsvollen Journalismus, nicht das populistische Hochspielen von scheinbar unvereinbaren Gegensätzen. Von Fachleuten mögen solche Artikel in Gratisblättern mit leichtem Amüsement wahrgenommen werden, die Meinung vieler anderer Menschen beeinflussen sie aber sehr wohl. Kulturerbe und Klimaschutz schließen sich nicht aus! Auch wenn es die Auflagen steigert.
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Kommentar

