Die Diagonale 09 ist in der Stadt. In sechs Tagen werden 237 Filme, kurze wie lange, analog wie digital gezeigt. Spielfilme, Dokumentationen, Musikvideos und Personalen. Nach welchen Kriterien soll man auswählen? Unterhaltung? Information? Experimentelles? Oder zielgerichtet, abgestimmt auf das eigene Wirken und Handeln?
Es liegt natürlich nahe, dass Architektinnen und Architekten unter „Dokumentarfilm“ zwei Filme von Heinz Emigholz auffallen. Sowohl „Loos Ornamental“ als auch „Schindlers Häuser“ liefern eine Gelegenheit, beinahe den gesamten Werkskanon zweier Klassiker der Architekturgeschichte in knapp drei Stunden präsentiert zu bekommen. Der typische Heinz Emigholz Stil, Baukunst in Fixeinstellungen, ohne weitere Inszenierung, lediglich versehen mit dem Originalton vor Ort zu präsentieren, polarisiert natürlich.
In der Kurz- und Experimentalfilmreihe gibt es Artgerechtes wie „Flexible Cities“ (Regie: Didi Bruckmayr), wo sich Stadträume durch Klangcluster neu formen. In Sasha Pirkers „Angelica Fuentes. The Schindler House“ hat der Betrachter die Möglichkeit, die ehemalige Wohnstätte des emigrierten österreichischen Architekten Rudolph M. Schindler in L. A., 85 Jahre nach dessen Errichtung und untermalt mit der Off-Erzählstimme der langjährigen Bewohnerin des Gästehauses, Angelica Fuente, zu erleben. Harald Hund und Paul Horn paraphrasieren in „Dropping Furniture“ das Ende eines Lebensraumes.
Selbst bei den Spielfilmen ist Architektur in einer wesentlichen Nebenrolle zu entdecken: Zum Beispiel in „Schottentor“ - der Streifen wurde in diesem Jahr bereits bei der Berlinale 09 und beim Internationalen Film Festival in Rotterdamer gezeigt -, wo Caspar Pfaundler seine Helden im Mikrokosmos der unterirdischen Schottenpassage in Wien sich finden und verlieren lässt oder in „Liebe und andere Verbrechen“ von Stefan Arsenijevic: Die trostlosen Plattenbauten von Neu-Belgrad geben der traurig skurrilen Geschichte einer Frau, die in ein neues Leben will, den bedrückenden Rahmen.
Kurzer Schauplatzwechsel
Henri Cartier Bresson, einer der Ikonen der Fotografie des 20. Jahrhunderts, wurde einmal als Gastprofessor auf die kalifornische Uni in Berkeley eingeladen. In einem zum Platzen gefüllten Hörsaal referierte er am ersten Tag vor StudentInnen der Fotografie ausschließlich über die Eleganz der Musik. Auch der zweite Tag war wieder nur Noten, Tempi und Intervallen gewidmet. Am dritten Tag wagte ein Student vor Vorlesungsbeginn den Meister zu fragen, ob er nun etwas von seinem eigentlichen Metier zum Besten gebe. Dieser erwiderte ihm: „Wenn Sie die letzten beiden Tage genau zugehört haben, haben Sie mehr über Fotografie erfahren, als wenn ich Bilder gezeigt hätte.“ Warum aber sollte man diese nette Anekdote nicht als Basis für die Filmauswahl hernehmen, um so zu neuen Inspirationen in der Architektur zu gelangen? Mit „Yemen Travelogue“ von Michael Pilz zum Beispiel, der die Entstehung einer Musikproduktion mit der Schönheit dieses arabischen Landes verknüpft. Oder besteht Lust, den drei Star-Pianisten Lang Lang, Alfred Brendel und Pierre Laurent Aimard in Lilian Francks und Robertt Cibis „PianoMania“ auf die Finger zu schauen?
Arash T. Riahi, der 2006 für sein „Exile Family Movie“ den großen Diagonale Preis für den besten Dokumentarfilm erhielt, zeigt auch in diesem Jahr sein aktuelles Werk: „Ein Augenblick Freiheit“ ist sein erster Spielfilm, in dem drei Flüchtlingsgruppen aus dem Iran in der Türkei stranden. „Mein Film ergreift keine Partei. Es gibt keine Schuldzuweisungen. Es geht um Demokratie und die universelle Sehnsucht, seine Lebensträume in Freiheit verwirklichen zu können“, so Arash.
Nina Kusturica portraitiert berührend elternlose Flüchtlingskinder in „Little Alien“.
Eher von schrägem Humor getragen ist dagegen die Busreise eines polnischen Arbeitssuchenden nach Wien in Dariusz Gajewskis „Herrn Kukas Empfehlungen“, nach dem großartigen, gleichnamigen Roman von Radek Knapp. Einen anderen Weg in den Westen zu kommen, suchen die Protagonisten durch bezahltes „Ja ich will“-Sagen in Atanas Georgievs Doku „Cash & Marry“.
Wer als ArchitektIn doch eher Praxisnahes bevorzugt, dem sei die Reihe der restaurierten Historicas des Wiener Filmmuseums ans Herz gelegt. Unter anderem gibt es da „Das österreichische Derby 1914 in der Freudenau“ zu sehen. Die Tribünen der Rennbahn wurden von Carl Hasenauer, einem Meister der Zunft, entworfen.
FILMAUSWAHL:
Kleine Fische
Spielfilm, AT 2009, 86 min., OmeU
Regie: Marco Antoniazzi
Dienstag 17.03., 19.30 Uhr, Helmut List Halle (Eröffnung DIAGONALE 09)
Donnerstag 19.03., 18:00 Uhr, Schubertkino 1
Loos Ornamental
Dokumentarfilm, AT/DE 2008, 72 min.
Regie: Heinz Emigholz
Mittwoch 18.03., 11:30 Uhr, Schubertkino 1
Samstag 21.03., 14:30 Uhr, Schubertkino 1
Schindlers Häuser
Dokumentarfilm, AT/DE 2007, 99 min.
Regie: Heinz Emigholz
Donnerstag 19.03., 14:30 Uhr, Rechbauer
Samstag 21.03., 11:30 Uhr, Schubertkino 1
Flexible Cities
Experimentalfilm, AT 2008, 8 min.
Regie: Didi Bruckmayr
Donnerstag 19.03., 11:00 Uhr, Schubertkino 2
Samstag 21.03., 23:00 Uhr, Schubertkino 1
Angelica Fuentes, The Schindler House
Experimentalfilm, AT 2008, 10 min., eOF
Regie: Sasha Pirker
Mittwoch 18.03., 21:00 Uhr, augartenkino kiz
Freitag 20.03., 11:00 Uhr, UCI Annenhof Saal 7
Dropping Furniture
Experimentalfilm, AT 2008, 5 min.
Regie: Harald Hund, Paul Horn
Mittwoch 18.03., 13:30 Uhr, augartenkino kiz
Freitag 20.03., 21:00 Uhr, augartenkino kiz
SCHOTTENTOR
Spielfilm, AT 2009, 123 min., OmeU
Regie: Caspar Pfaundler
Mittwoch 18.03., 20:30 Uhr, Schubertkino 1
Freitag 20.03., 11:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 8
Liebe und andere Verbrechen
Spielfilm, RS/DE/AT/SE 2008, 106 min., OmdU
Regie: Stefan Arsenijević
Mittwoch 18.03., 21:00 Uhr, UCI Annenhof Saal 8
Samstag 21.03., 21:00 Uhr, UCI Annenhof Saal 8
YEMEN TRAVELOGUE – Days at Shibam and Seiyun
Dokumentarfilm, AT 2009, 160 min., e/arabOF
Regie: Michael Pilz
Mittwoch 18.03., 17:00 Uhr, Rechbauer
Sonntag 22.03., 13:30 Uhr, Schubertkino 2
PianoMania
Dokumentarfilm, AT/DE 2009, 94 min., OmdU
Regie: Lilian Franck, Robert Cibis
Freitag 20.03., 14:00 Uhr, UCI Annenhof Saal 7
Samstag 21.03., 18:30 Uhr, Schubertkino 2
Ein Augenblick Freiheit
Spielfilm, AT/FR 2008, 110 min., OmdU
Regie: Arash T. Riahi
Donnerstag 19.03., 21:00 Uhr, UCI Annenhof Saal 8
Sonntag 22.03., 11:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 8
Little Alien
Dokumentarfilm, AT 2009, 94 min., OmdU
Regie: Nina Kusturica
Donnerstag 19.03., 20:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 7
Freitag 20.03., 14:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 8
Herrn Kukas Empfehlungen
Spielfilm, AT/PL 2007, 93 min., OmdU
Regie: Dariusz Gajewski
Mittwoch 18.03., 14:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 8
Sonntag 22.03., 17:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 8
CA$H & MARRY
Dokumentarfilm, AT/HR/MK 2009, 76 min., OmdU
Regie: Atanas Georgiev
Donnerstag 19.03., 18:30 Uhr, Schubertkino 2
Samstag 21.03., 18:00 Uhr, Schubertkino 1
Das Österreichische Derby 1914 in der Freudenau
Regie: Pathé Journal
Filmmuseum/Synema/Filmarchiv, AT 1914, 6 min., stumm
Freitag 20.03., 13:30 Uhr, augartenkino k
- Verfasser/in:
- Emil Gruber, Empfehlung
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