Über die produktive Kraft am Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung.
Eine steirisch[:her:]bstlich depressive (Ver)stimmung? Oder Chance!
Krise kommt von Krisis (griechisch), ist ursprünglich ein Begriff aus der Medizin und bedeutet soviel wie ein schneller Fieberanfall als Wendepunkt einer Infektionskrankheit.
Vorbeugend bemerkt Intendant Peter Oswald, dass der steirische herbst natürlich nicht in der Krise ist, das wäre wohl auch zu einfach. Vielmehr bergen Krisen immer Chancen in sich, Chancen auf Veränderungen, auf bewusste Reflexionen und kreative Prozesse.
Aber wenn das Zeiterkundungsfestival ausgerechnet im Jahr 2004 die Krise als Thema aufgreift, könnte man dennoch verleitet sein, einen Zusammenhang mit dem Jubel- und Flugjahr Graz Kulturhauptstadt 2003 zu diagnostizieren. Wäre es im vorigen Jahr, dem Jahr des Feierns und Fliegens, geradezu frevelhaft gewesen, an Krise auch nur zu denken, geschweige denn eine solche anzusprechen, ist sie heuer ein weites Feld der Auseinandersetzung.
Um in der Medizin zu bleiben: Kann eine Stadt manisch-depressiv sein? Oder ist das Ansprechen eines Konfliktes ein erster wichtiger Schritt zur Erkenntnis und zur Lösung des Konfliktes?
Und die an dieser Stelle wichtigste Frage: Ist auch die Architektur in der Krise? Immer? Abgesehen von der fehlenden Auseinandersetzung mit Architektur in diesem steirischen herbst, reagiert man mit Verdrängung, vergisst für eine Nacht die Grenzen des Alltags und richtet den Blick weit über die Stadt in die Zukunft: Der „Architekturwahnsinn“ findet seine Form in einem Architekturball am 5.11.2004 in den Räumlichkeiten des Grazer Schlossberg-Restaurants.
Auch wenn die Architektur als solche keinen direkten Eingang ins Programm gefunden hat, so wird man doch auf der Suche nach Räumen - und Architektur ist ja Raumbildung – fündig.
Eines der Hauptwerke und Aushängeschilder des heurigen steirischen herbstes handelt von einem besonderen Raum:
"Foyer" - ein Stück von Wolfgang Bauer - wird vom Theater im Bahnhof in Szene gesetzt. Es handelt vom nicht Eingelassen werden in die Uraufführung des eigenen autobiografischen Stückes. Dies stürzt den Autor Dr. Charlie Dodler - seltsam aber auch - in existenzielle Zweifel.
Eine Annäherung an Räume über den existenziell menschlichen Zugang könnte auch für die Architektur von Bedeutung sein. Wird doch „Foyer“ als schwieriger Raum, Durchzugsraum, Wartesaal, Pausenhalle , als ungemütlich beschrieben (meines Erachtens trifft dies jedoch auf das Foyer der Helmut-List-Halle, Aufführungsort des Stückes, nicht zu)
Uraufführung 9.10.2004, 20:00 Uhr, Helmut-List-Halle
Weitere Aufführungen 10., 13. 14. und 15.10.2004, jeweils 20:00Uhr.
"junk space. Ein Trimm-Dich für Angsthasen". Kathrin Röggla hat den Titel ihres Stückes Rem Koolhaas entliehen. Es handelt von Ängsten, Phobien und Neurosen und dem Entkommen im Austreten aus den Sicherheitsräumen der Alltäglichkeiten.
Uraufführung 9.10.2004, 20:00 Uhr, Kristallwerk
Weitere Aufführungen 30., 31.10., 4., 5., und 6.11.2004, jeweils 20:00 Uhr
"Third Places. Fußball, Video-Games und Musik-Clips in Graz West" behandelt die Bedeutung halböffentlicher Räume in Abgrenzung zu "First Place" (Zuhause) und "Second Place" (Arbeitsplatz) in Form von Freizeitparks und Wellnesscenter, Sportstätten, Shopping Malls. Interessant die Orte, an denen die Auseinandersetzung stattfindet: das ASKÖ Stadion, die Pädagogische Akademie und das Non-Stop-Kino.
Eröffnung 9.10.2004, 17:00 Uhr, ASKÖ Stadion
Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des steirisch[:her:]bstlich (siehe untenstehenden Link).
- Verfasser/in:
- Ute Angeringer
- "Kommentar"
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