Wir stehen vor einer interessanten Situation. Eine technologisch hoch stehende und für ihre Entstehungszeit einzigartige Konstruktion, die heute noch unter Fachleuten Bewunderung und Respekt erfährt, ist unglücklicher Weise für sie zu einer Zeit und durch Auftraggeber entstanden, die als Repräsentanten eines menschenverachtenden totalitären Regimes zu bezeichnen sind. Und auch die Rollen der Planer und Erbauer sind scheinbar nicht ganz unbelastet. Problematisch, problematisch.
Doch, ändert das etwas an der technischen Leistung oder handwerklichen Qualität? Sind die Hölzer und Schrauben ideologisch von rechtem Gedankengut durchsetzt und tragen nationalsozialistische Parolen in sich, die sie bei diversen Aufmärschen oder Totengedenkfeiern ‚gehört’ haben?
Wohl kaum, per se sind sie neutrale Elemente, die genau so dokumentarisch über historische Bautechniken, Raum - und Funktionslösungen berichten wie Schlösser, Kirchen oder soziale Wohnbauten. Jedes Denkmal eben auf seine Art.
Lassen wir die Polemik zur Seite, natürlich sind die materiellen Bestandteile der Halle auch stumme Zeugen der Geschehnisse in ihr, und es ist schon richtig und auch wichtig, in die Gesamtbetrachtung der Halle ihre problematische Vergangenheit mit einzubinden. Aber nur als einen Teilaspekt, nicht als das dominierende Element, denn das ist die NS-Zeit einfach nicht, fünf Jahren NS-Regime stehen mehr als fünf Jahrzehnte friedlicher Nutzung, einer nur bedingt an das Gebäude gebundenen negativen Nutzung – Kundgebungen haben vielerorts statt gefunden - eine anerkannt hochwertige Bautechnik gegenüber.
Und ist die Frage, ob die Halle „unbedenklich“ als Mehrzweckhalle errichtet wurde, so ohne weiteres abschätzig zu beantworten, oder ist es nicht eher die Interpretation der späteren Generation, die aus dem Wissen um die weitere Entwicklung mehr Negatives in die Halle packt als im Entwurf gedacht war? Ist es wirklich realistisch, dass Zotter und Co. 1939 schon den Totalitarismus und die mörderische Menschenverachtung ihrer Auftraggeber erkannt haben? Wohl nicht, die als verharmlosend eingestufte „Mehrzweckhalle“ war wohl wirklich als eine solche gedacht.
Dies soll jetzt keineswegs die NS-Vergangenheit verniedlichen, nur versuchen, den Blickwinkel etwas zu korrigieren. Denn grundsätzlich reduziert eine seriöse Auseinandersetzung mit der Geschichte eines Objektes seine Bedeutung nicht auf Teilbereiche, sondern versucht, alle Aspekte zu beleuchten.
Natürlich ist jedes Bauwerk im Zusammenhang mit seiner Geschichte zu betrachten, es transportiert positive, bisweilen aber auch negative Inhalte, und warum sollten nicht beide Aspekte in ein und demselben Gebäude verankert sein?
Kein Denkmalpfleger würde sich daher dagegen aussprechen, die Halle mit einer entsprechenden Information über ihre bisherige Geschichte auszustatten. Eine seriöse Darstellung, die versucht, der Geschichte umfassend gerecht zu werden, kann nur als Bereicherung angesehen werden. Eine Fokussierung allein auf nationalsozialistische, objektiv betrachtet gar nicht von der Architektur abhängige Geschehnisse in der Halle (die hätten auch in jeder anderen Konstruktion oder im Freien stattfinden können) würde aber zu kurz zielen und der Bedeutung der Halle in keiner Weise gerecht werden.
Soweit einverstanden mit der Forderung nach einer Gesamtdarstellung und Sicht der Halle nicht nur aus dem technischen Blickwinkel. Nicht einverstanden jedoch mit der tendenziösen Art der Darstellung hinsichtlich Diskussion über die Erhaltung der Halle. Hätte bei der Diskussion über die notwendige Erhaltung der Halle ihre ursprüngliche Funktion, ihre Nutzung auch als Ort für Kundgebungen eines menschenverachtenden totalitären Systems gegen die bautechnische Qualität hochgerechnet werden sollen, hätte das die Erhaltungswürdigkeit geschmälert? Eine verwegene Annahme. Vielmehr hätte der historische Aspekt die Forderung nach Erhaltung als geschichtliches Dokument nur noch verstärkt. Schließlich gibt es auch Mahnmale wie beispielsweise den ebenfalls unter Denkmalschutz stehenden NS-Erschießungsplatz am Feliferhof, der ausschließlich die dunklen Seiten der Vergangenheit beleuchtet weil es dabei nichts Positives gibt.
Ideal wäre naturgemäß die vollständige Erhaltung gewesen. Das Bundesdenkmalamt hat sich dafür auch eingesetzt. Doch wirtschaftliche, räumliche und funktionelle Erfordernisse, die hier nicht weiter ausgeführt werden können, haben zur Lösung mit der Reduktion geführt. Mag die Raumwirkung nicht mehr ganz so eindrucksvoll erlebbar sein (wenn man in der Halle steht ist sie trotzdem noch sehr beachtlich), die holzbautechnischen Lösungen, die um nichts weniger bedeutend sind, können immer noch – ja gegenüber den letzten Jahrzehnten hinter Verkleidungen sogar wesentlich besser – abgelesen werden. Immer noch besser ein reduziertes Monument der Vergangenheit als gar keines. Ein altes Los der Denkmalpflege, kaum ein Denkmal befindet sich in seinem ursprünglichen Erbauungszustand, immer wieder wurden Bauwerke adaptiert, erweitert oder der jeweiligen Epoche angepasst. Manchmal zum Nachteil, manchmal auch zum Vorteil, verändert aber allemal und immer noch Denkmale mit ihrer Geschichte.
Und was die Neu-Kodierung betrifft. Ist der Unterschied zur überwiegenden früheren Verwendung tatsächlich so groß wie behauptet? Wie im Unterschutzstellungsgutachten so schön formuliert, sollte „das Gebäude nicht nur die Funktion als Versammlungshalle erfüllen, sondern war ursprünglich auch zu Ausstellungszwecken für den Grazer Messebetrieb, für Großkonzerte, Filmvorführungen und sportliche Wettkämpfe vorgesehen.“ Jeder Zeit ihre Zeichen, heute ist eben die „Event-Kultur“ an die Stelle früherer Veranstaltungen und Volksbelustigungen getreten, so groß ist der Unterschied also gar nicht. Und volksverhetzende Reden, wie sie in den „Massenveranstaltungen“ gehalten worden sind, wollen wir uns in der ‚neuen’ Halle lieber nicht mehr vorstellen… dann lieber „gemütliche Oktoberfestatmosphäre“.
HR Dr. Christian Brugger
Landeskonservator
Bundesdenkmalamt
Landeskonservatorat für Steiermark
Schubertstraße 73, 8010 Graz
T +43 (0)316/367256
christian.brugger@bda.at
- Verfasser/in:
- Dr. Christian Brugger, Landeskonservator BDA Stmk., Kommentar
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