Der jüngste, von Iris Meder herausgegebene Josef Frank-Sammelband trägt den anregenden Untertitel „Eine Moderne der Unordnung“, welcher sich auf ein Frank-Zitat bezieht und das Klischee von der auf Rationalität und Kontrollierbarkeit zielenden Moderne untergräbt. Frank gehörte neben Adolf Loos, Oskar Strnad und anderen zu jenen Architekten und Designern der Wiener Moderne der Zwischenkriegszeit, die einen humanen, undogmatischen und zugleich kritischen Zugang zu Architektur und Raumgestaltung suchten. Der feinsinnige Architekt steht in Österreich dennoch immer noch im Schatten seiner wesentlich berühmteren Kollegen Wagner, Hoffmann und Loos.
1885 in Baden geboren, studierte Frank bei Carl König an der Technischen Hochschule Architektur. Wie viele seiner Kollegen gehörte er dem assimilierten jüdischen Bürgertum an. Gemeinsam mit Oskar Wlach gründete er 1925 das Wiener Einrichtungshaus "Haus und Garten". Bekannt wurde er durch seine schlichten und wie improvisiert wirkenden Interieurs, für die er später den Begriff Akzidentismus prägte, und seine frühe Funktionalismuskritik, die er 1931 in seinem Buch „Architektur als Symbol“ festhielt.
Frank gab dem Siedlungsbau gegenüber dem mehrgeschossigen Wohnbau des Roten Wien den Vorrang. In diesem Sinn konzipierte und leitete er 1930–1932 den Bau der Wiener Werkbundsiedlung, bei der im Gegensatz zur Stuttgarter Weißenhofsiedlung nicht Standardisierung und Typisierung, sondern ein Maximum an moderner Wohnqualität auf minimalem Raum im Vordergrund stand. Aufgrund des wachsenden Antisemitismus in Österreich emigrierte Frank gemeinsam mit seiner schwedischen Ehefrau Anna 1933 nach Stockholm, wo er als Mitarbeiter von Svenskt Tenn, unterbrochen durch einen erzwungenen USA-Aufenthalt während des Krieges, schwedische Designgeschichte schreiben sollte.
Die Texte des Sammelbandes stehen etwas zusammenhanglos nebeneinander, da auf eine Erläuterung des Buchkonzeptes verzichtet wurde. Jedenfalls wird hier Architektur nicht als in sich abgeschlossenes Produkt des Architekten vorgeführt, sondern auch die Beziehungs- und Benutzungsgeschichte mit eingeschlossen.
In einer bunten Mischung finden neben fundierten kunst- und architekturhistorischen Beiträgen zu Franks Formensprache und Architekturkonzepten (Hedvig Hedqvist und Iris Meder) auch Texte zu Franks letztem realisierten Werk, der Villa Wehtje auf der schwedischen Halbinsel Falsterbo (Peter Thule Kristensen), zur Beziehung zwischen Frank und Otto Neurath (Nader Vossoughian), zu Josef Franks Zeit in New York (Christopher Long) sowie neu aufgelegte Texte von Hermann Czech einen Platz, aber auch die sehr persönlichen Erinnerungen Susanne Scholls an das „fremde“ Wiener Haus, das ihrer Familie gehört hatte und 1938 „arisiert“ wurde, und die Nachforschungen zur Familie Beer von Tanjo Bojankin, der selbst in Franks berühmtem Haus Beer aufgewachsen ist. Individuelle Erinnerungen an Frank von Gustav Szekely und Soma Morgenstern runden den lesenswerten Sammelband ab.
Iris Meder (Hg.)
Josef Frank 1885–1967
Eine Moderne der Unordnung
Verlag Anton Pustet
Salzburg 2008
144 S. , € 32,00
ISBN: 978-3-70250581-3
- Verfasser/in:
- Antje Senarclens de Grancy, Buchbesprechung
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