Guttmann: Du bist Vorsitzende des Ausschusses der Ziviltechnikerinnen in der Steiermark und Kärnten. Seit wann und warum gibt es diesen Ausschuss?
Gyüre: Der Ausschuss wurde vor knapp zwei Jahren mit dem Ziel gegründet, Netzwerkbildung und Öffentlichkeitsarbeit von und für Ziviltechnikerinnen zu betreiben. Anstoß dazu war der Ziviltechnikerinnentag in Innsbruck, den ich besucht habe und wo mir zum ersten Mal bewusst geworden ist, wie viele Kolleginnen – auch aus Graz – ich nicht kenne. Viele haben das so erlebt und inzwischen gibt es neben der Gruppe für Tirol und Vorarlberg und uns auch Ausschüsse in den anderen Länderkammern sowie in der Bundeskammer.
Guttmann: Wie wichtig ist es für euch, im Rahmen der Kammer zu agieren?
Gyüre: Das ist – neben dem positiven Effekt einer umfassenden Infrastruktur - in mehrfacher Hinsicht inhaltlich wichtig. Wir wollen damit darauf aufmerksam machen, dass es innerhalb der Kammer eine Gruppe gibt, die kaum wahrgenommen wird, obwohl sie denselben Status, dieselbe Ausbildung und Kompetenz hat, wie ihre männlichen Mitglieder. Das ist ein Signal nach außen, aber auch nach innen – sowohl zu den Kollegen als auch zu den Kolleginnen. Als wir begonnen haben, Kontakte zu anderen Ziviltechnikerinnen herzustellen ist uns aufgefallen, wie viele wir gar nicht kennen, und wie viele hinter dem Namen eines Partners verschwinden, der einem durchaus geläufig ist. Und es gibt ja nicht nur Architektinnen, sondern auch Raumplanerinnen, Statikerinnen, Vermesserinnen mit denen ein Austausch wertvoll ist. Darüber hinaus sind wir generell der Meinung, dass wir aus der Position innerhalb der Kammer mehr bewegen können als von außen.
Guttmann: Wie sehen solche Initiativen, wie sieht eure Öffentlichkeitsarbeit konkret aus?
Gyüre: Dadurch, dass es Ziviltechnikerinnen-Gruppen in allen vier Länderkammern gibt, war bei den letzten Kammerwahlen auf jeder Liste mindestens eine Frau vertreten. Wir arbeiten aktiv mit, wir übernehmen Verantwortung, wir organisieren Veranstaltungen wie aktuell eine vierteilige Vortragsreihe im Rahmen des ZiviltechnikerInnenforums, wo KollegInnen eingeladen werden, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Es gibt einen Folder, in dem alle Ziviltechnikerinnen in Steiermark und Kärnten angeführt sind und auf den wir bereits sehr positive Rückmeldungen bekommen haben. Es existieren ja auch durchaus Bauherren und -frauen, die sich dezidiert Planerinnen wünschen. Bisher waren diese nicht greifbar, der Folder verschafft nun einen Überblick und erleichtert die Kontaktaufnahme – ebenso wie die Homepage, die derzeit in Planung ist. Ein weiteres Betätigungsfeld sind Kontakte zu Initiativen mit ähnlichen Interessen wie „frauen bauen“, „FIT – Frauen in die Technik“, die Gruppe EWMD (European Women in Management and Development), usw.
Guttmann: Und was sind die Schwerpunkte eurer Netzwerkarbeit?
Gyüre: Es gibt einmal im Monat ein Treffen, zu dem alle Interessierten – ZiviltechnikerInnen, PrüfungsanwärterInnen, DiplomingenieurInnen, StudentInnen - eingeladen sind. Am 18. und 19. Oktober wird in Graz der heurige Ziviltechnikerinnentag stattfinden, wo Erfahrungsaustausch und das Knüpfen von Kontakten im Mittelpunkt stehen sollen. Am wichtigsten ist aber wahrscheinlich die tägliche Kommunikation mit Kolleginnen, der aktive Informationsaustausch und die aktive Erfahrung, sich selbst und anderen Frauen etwas zuzutrauen.
Guttmann: Du hast also den Eindruck, dass es nach wie vor Defizite im Selbstverständnis der Frauen gibt?
Gyüre: Ja, die gibt es sicher, das lässt sich nicht so leicht abschütteln. Man sollte Verallgemeinerungen natürlich vermeiden, aber es ist oft so, dass Frauen weniger selbstbewusst sind, sich eher zurück nehmen, weniger für sich einfordern, sich wahrscheinlich auch weniger wichtig nehmen als viele Männer. Die Voraussetzungen sind so günstig wie noch nie, die Türen sind offen, die Frauen müssen aber vielfach noch lernen, hindurch zu gehen.
Guttmann: Eure Arbeit zielt vor diesem gesellschaftspolitischen Hintergrund auch auf die Situation der kommenden Generation ab?
Gyüre: Ja, da versuchen wir an einem Strang zu ziehen mit Institutionen wie z.B. FIT, die in Schulen gehen und den Mädchen sagen: „Ihr könnt Mathe, ihr könnt Physik, geht auf die Technik und habt keine Angst!“. Die Entwicklung, die vor dreißig Jahren begonnen hat, ist noch lange nicht abgeschlossen, da stecken wir mitten drin.
Guttmann: Was sind mittelfristig eure erklärten Ziele?
Gyüre: Ich würde mir erwarten, dass mehr Frauen zu Wettbewerben eingeladen werden, dass auch mehr Frauen an Direktaufträge kommen. In Wien gibt es einen eigenen „Frauentopf“ für Wettbewerbe der öffentlichen Hand, in der Steiermark nicht, wobei ich diesen Weg auch nicht unbedingt für den richtigen halte. Wir sind gut ausgebildet, kompetent, erfahren und das muss reichen! Außerdem wünsche ich mir, dass es mehr Frauen mit größeren Büros gibt.
Guttmann: Was hindert die Frauen daran? Warum gehen sie nicht her und bauen sich größere Büros auf?
Gyüre: Das kann ich nicht genau sagen, ich weiß nur, dass wir mit gegenseitiger Stärkung und Unterstützung, mit dem Austausch von Wissen, mit Aktivität, auf dem richtigen Weg sind. Wir Frauen müssen uns selbst und gegenseitig vertrauen, dann tun es auch die Kollegen und Auftraggeber. Wir wollen eine Struktur für alle Ziviltechnikerinnen bieten, innerhalb der dieses Vertrauen aufgebaut und gepflegt werden kann. Es geht für uns nicht darum, Männer zu diskreditieren, wir behaupten auch nicht, dass die Arbeit von Frauen besser oder auch nur anders ist. Was wir uns wünschen ist, als ebenso existent, kompetent und selbstverständlich wahrgenommen zu werden und nicht nach unserem Geschlecht, sondern nach unserer Qualifikation, nach Leistung und auch nach persönlichem Auftreten beurteilt zu werden.
Kontakt:
Arch. DI Eva Gyüre
architekturbüro b+p, Graz
T 0316/81 23 77
eva.gyuere@arch-bp.at
NÄCHSTES ZIVILTECHNIKERINNEN-TREFFEN:
Das nächste Ziviltechnikerinnen-Treffen findet am 29. März 2007, wie immer in der Kammerdirektion, Schönaugasse 7/1, in Graz statt.
- Verfasser/in:
- Eva Guttmann, Interview

