Interventionen im Raum

Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Architektur, Stadtentwicklung und Kunst.

12/05/2006

Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Architektur, Stadtentwicklung und Kunst

GAT führte mit DI MA Anke Strittmatter, Architektin und Mitglied der Architektengruppe osa – office for subversive architecture (*) anlässlich ihres Vortrages am 8. Mai 2006 an der FH Joanneum in Graz das nachfolgende Gespräch.

GAT: osa ist eine Gruppe von Architekten, die von verschiedenen Orten Europas aus gemeinsam als Gruppe und in Teilgruppen Projekte im öffentlichen und nichtöffentlichen Raum durchführt. Wie definierst Du die Schnittstellen, an denen ihr arbeitet?

AS: Mit meiner klassischen Ausbildung als Architektin und Städtebauerin habe ich gemerkt, dass man mit scharfkantigen Abgrenzungen der Disziplinen bei dieser Art von Projekten keinen Schritt weiter kommt, obwohl man das Wissen natürlich haben muss. , Schubladendenken bzw. Kategorisieren macht aber keinen Sinn und blockiert. Das, was wirklich interessant ist, ist der Graubereich, in dem die Sachen miteinander verwoben werden. Natürlich ist es nichts Neues im Städtebau interdisziplinär zu arbeiten, aber das bedeutet immer noch, dass der Input aus den jeweiligen Disziplinen kommt. Hier ist es ja gerade umgekehrt, nämlich, dass jemand aus einem Fachbereich, z.B. ein oder mehrere Architekten, sich in diese Graubereiche hineinwagen und dort agieren.

GAT: Die Aktionen von osa sind mehrheitlich selbst initiiert und low-budget, spielerische Interventionen an Orten, die zuvor vergessen, übersehen oder schlecht behandelt worden waren. Man könnte sagen, dass diese Arbeiten, wenn sie im öffentlichen Raum stattfinden, in einem gewissen Sinne eine Stadtentwicklung darstellen, die ihr betreibt, indem ihr mit den einzelnen Projekten Impulse setzt. Bis dato sind eure Projekte immer temporär gewesen. Ist es möglich solchen Projekten eine Nachhaltigkeit zu geben?

AS: Die Nachhaltigkeit entsteht durch das, was mit dem Betrachter geschehen ist, der sich dieser Installation ausgesetzt hat bzw. der zufällig vorbeikam. Als Beispiel möchte ich „3zkb“ nennen, eine Installation in einer Fußgängerunterführung, in der in verlassenen und halbzerstörten Schaukästen eine wohnliche 3-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung eingerichtet wurde, die 6 Wochen lang bespielt wurde (Abb. 1, 2,3). Hier werden wir heute, also 6 Jahre später, noch immer darauf angesprochen und die Leute erinnern sich gerne an die Unterführung, „in der doch die Wohnung war“. Selbst heute, wo die Unterführung wieder im ursprünglichen, vergammelten Zustand da steht, gibt es die Erinnerung in den Köpfen der Menschen, somit hat dieser Ort eine Identität bekommen, die er vorher nicht hatte. Als Unterführung ist er nicht weniger oder mehr wert – dafür funktioniert er ja wunderbar - aber er hat nun noch eine zusätzliche andere Ebene bekommen.

Wir haben inzwischen an diesem Ort auch andere Aktionen mit anderen Beteiligten und Künstlern gemacht. Es kommt zu einer weiteren Veränderung und eine Kettenreaktion entsteht.

GAT: Im Unterschied zu anderen Eingriffen in den öffentlichen Raum, durch Aktionskünstler zum Beispiel, wo die Künstler es oft auf Irritation oder Provokation der Öffentlichkeit abgesehen haben, erzeugt osa mit seinen Eingriffen ein positives Gefühl oder eine positive Reaktion beim Betrachter oder Passanten.

Es ist eine Reaktion auf die Tatsache, dass ihr durch euren Eingriff einem Raum, der ansonsten vernachlässigt, verlassen, grau, unattraktiv wäre, eine Qualität gebt. Das vereint das Publikum und das wiederum macht osa wohl aus. Durch die Qualität und das positive Gefühl ergibt sich dann die Nachhaltigkeit. Könnt ihr mit eurer Arbeit etwas machen für Städte, die schrumpfen, innen leer werden, sich nach außen zerstreuen?

AS: Eigentlich geben wir dem Raum nicht erst die Qualität, die hat er ja bereits. Wir gehen an den Raum so heran, dass wir genau das herauskitzeln, was es an Attraktivität in ihm gibt. Bei einem Ort wie dem Stellwerk in London oder der Unterführung in Darmstadt erfassen wir das Wesen des Ortes oder Raumes, so wie wir es verstehen.

Durch unsere Struktur, d.h. dass mehrere Leute zusammen arbeiten, gibt es auch ein gewisses Korrektiv, und wir wissen, dass wir richtig liegen, wenn mehrere ähnlich empfinden. Wir üben also keine Kritik am Raum, sondern gehen liebevoll damit um. Manche nennen uns „Raumpfleger“. Wir meinen also nicht einen hässlichen Ort schön machen zu müssen, sondern wir wollen entdecken: „Das ist ein unheimlich toller Ort, der ist faszinierend, so wie er ist.“

GAT: Ihr habt ja sonst den Bauherren und das Grundstück und die Vorgaben. So kommen wir zur Schnittstelle, wo ihr jetzt den künstlerischen Eingriff im Raum oder am Ort macht, aber mit den Ansätzen des Architekten. Warum reagieren die Menschen mehrheitlich positiv auf eure Ideen?

AS: Es gibt schon Leute, die sich fragen, ob wir spinnen, aber es gibt natürlich nicht das Argument vom herausgeschmissenen Geld, weil die Aktionen mit den günstigsten Mitteln, die wir meist ja selber zusammensuchen, gemacht werden. Man kann sich höchstens fragen, wieso die osa-Mitglieder ihre wertvolle Zeit mit solchen, ja auch teilweise sehr anstrengenden Aktivitäten - z.B. Putzen von städtischen Unterführungen - vergeuden.

GAT: Und was ist wirklich die Motivation?

AS Einfach Spaß, Begeisterung, Spielleidenschaft. Das Entstehen einer Idee in der Gruppe macht riesigen Spaß, ein Gedanke kommt, absurd vielleicht, und der wird dann in einer oft auch ganz kleinen Gruppe weitergesponnen – das ist unglaublich anregend – und zack - das Projekt ist da.

GAT: Wäre es vorstellbar, dass osa in Form eines Consultings oder einer gewissen Institutionalisierung tatsächlich Einfluss auf die Entwicklung einer Stadt nehmen könnte?

AS: Man kann natürlich nie mit Sicherheit sagen, dass eine bestimmte Sache in einer Stadt auch funktioniert, da wir ja immer einen experimentellen Zugang haben.

Es könnte über die Identifikation mit dem Ort bzw. dem Verleihen einer Identität funktionieren. Man identifiziert sich mit einem Ort, wenn es etwas gibt, was einen damit verbindet. Hier sind performative Eingriffe extrem effektiv, da derjenige, der sich dem aussetzt, auch gleichzeitig zum Akteur wird.

Wir machen ja auch keine Projekte, die auf Provokation oder unangenehme Gefühle abzielen, ganz im Gegenteil. Man kann frei teilnehmen oder nicht.

Beim Projekt „London Roof“ wollten plötzlich unbedingt eine Menge Leute von außen mitmachen, sie haben sich sofort mit dem Projekt identifiziert, sogar die Polizei.

So hat man eine breite Reaktion, die Menschen sind inspiriert und der Trafalgar Square hat für sie eine weitere, ganz neue und persönliche Identität.

Klassische Stadtplanung ist weitgehend mit großen räumlichen Eingriffen verbunden und kostet natürlich viel Geld. Aber auch hier soll es ja auch Bautätigkeit geben, nicht nur Rückbau, sondern evtl. eine Umverteilung.

Was osa machen kann, ist nicht plastische Chirurgie sondern Akupunktur – winzige Eingriffe, die niemandem wehtun, aber über die Nervenbahnen an ganz anderen Stellen andocken und sichtbar oder spürbar werden.

GAT: Im HdA ging es neulich um eine Identitätsfindung für Ljubljana als Hauptstadt Sloweniens, es gibt dort eine Architektengruppe, die ganz ähnlich agiert wie ihr, vielleicht kann man ja osa Ljubljana andenken.

AS: Sicherlich. Osa ist keine hermetische Gruppe. Mal arbeiten wir alle an einem Projekt, mal in ganz kleinen Gruppen. Wir arbeiten gerne interdisziplinär und auch mit Leuten, die einen ganz anderen Background haben.(*) osa ist eine offene Arbeitsgemeinschaft von Architekten, Städtebauern und Künstlern, die sich aus der TUD Darmstadt heraus gegründet hat und inzwischen zu einem interdisziplinär agierenden Netzwerk geworden ist. Die Mitglieder von osa leben und arbeiten in Darmstadt, Frankfurt, Berlin, Wien und London. Projekte werden im Internet vorbereitet und in zeitlich komprimierten Aktionen an realen Orten umgesetzt. osa sieht seine Aufgabenfelder insbesondere in der Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum (wie beispielsweise "3ZKB" in Darmstadt oder "London Roof" am Trafalgar Square in London). osa steht für experimentelle Ansätze und unkonventionelle Konzeptionen. Fotonachweis:

London Roof: Johannes Marburg

Intact: Trenton Oldfield

Weiterführende Links

interview_osa_3zkb_kasten_schraeg_02.jpg
Installation „3zkb“ in Darmstadt von osa

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