„Wenn wir die Stadt weiter ästhetisieren anstatt sie zu politisieren, werden wir sie verlieren“ (Justin Winkler)
Alles dreht sich um Raum. Um architektonischen Raum, um politischen, sozialen, virtuellen Raum. Dass all diese Räume untrennbar miteinander verbunden sind, sich permanent wechselseitig beeinflussen, ist spätestens seit dem spatial turn (1) in den Kulturwissenschaften bekannt. Ungeachtet des gemeinsamen Objekts der wissenschaftlichen Begierde nähern sich ihm die verschiedenen Disziplinen auf sehr unterschiedliche Weise. Einen Schritt in Richtung des Austauschs und voneinander Lernens zu gehen, war Ziel der interdisziplinären Tagung „Reziproke Räume“, die, veranstaltet vom Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Karl-Franzens-Universität (Organisation: Johanna Rolshoven und Manfred Omahna), am 14. März im HDA Graz stattfand.
Cultural Anthropology meets Architecture
Der Architektur kommt in der Produktion von Raum eine besondere Rolle zu, füllt sie den Raum doch nicht an, sondern erzeugt ihn und macht ihn erst erlebbar. Obwohl sie als Wissenschaft, Kunst und kulturelle Praxis ein mächtiger diskursiver Faktor in der Gesellschaft ist, wie Veranstalterin Johanna Rolshoven es formuliert, kann die Architektur nie allein stehen. Sie gibt Kultur eine Sprache, reagiert auf die Gesellschaft und formt sie. So unterschiedlich Architektur und Kulturanthropologie auf den ersten (stereotypen) Blick wirken – hier die praxisorientierte, bauende Ingenieurwissenschaft, dort die theoretisch bleibende, streng empirisch und historisch vorgehende Forschung, haben sie vieles gemeinsam: beide basieren auf der eigenen Anschauung, weisen eine hohe Komplexität auf und müssen auf Unerwartetes reagieren können. Vor allem aber fokussieren sie dasselbe Moment - den Menschen, sein Leben und seinen Alltag. Die Tagung spiegelt jedoch auch die verschieden Herangehensweisen wider. Während die Ethnologen sich zumeist auf einer Metaebene mit dem Verhältnis zwischen den Disziplinen beschäftigten, betrachteten die architekturaffinen Teilnehmer (allesamt genuin keine oder keine „reinen“ Architekten) tendentiell konkrete Ansätze.
Durch eine, sich verstärkende Neigung zur allgemeinen Entpolitisierung geraten Theorie und Kritik zunehmend in den Hintergrund. Auch die Architektur muss danach trachten, nicht in formales, objektbezogenes Denken abzugleiten, warnt Elisabeth Katschnig-Fasch. Denn, zumindest im urbanen Maßstab, ist die zentrale Frage in der Architektur: Wie funktioniert das Leben der Menschen in der Stadt? Und wie kann man es besser machen? Für das dafür nötige Verstehen braucht sie die Kulturanthropologie. Die notwendigen Kontaktzonen zwischen Kunst, Architektur und Kulturanthropologie bieten vor allem Kulturinstitutionen und -festivals. Ein solches Projekt, den Treffpunkt Bellevue im Rahmen von linz09 stellten Judith Laister und Michael Hieselmair vor. Nach dem iconic turn (2) und dem spatial turn wenden sich Ethnologen vom Text hin zu Bild und Raum, zu Kunst und Architektur. Gleichzeitig bedienen sich immer mehr Künstler und Architekten ethnografischer Methoden. Durch die gemeinsame Arbeit am sozialen Raum entstehen auf beiden Seiten „Reibungsgewinne“ (© Oliver Jungwirth).
Partizipation und Aneignung
Sozialräumliche Problemstellungen sind es auch, die Simone Hain in der Lehre in den Vordergrund stellt. Anstatt mit zu füllenden Bauplätzen, werden die Studierenden mit Umbruchszenarien, oft im Kontext des in Europa aktuellen Phänomens der Schrumpfung von Städten und Regionen durch den demografischen Wandel und eine fortschreitende Deökonomisierung konfrontiert. Vor Ort arbeiten sie, etwa im obersteirischen Eisenerz, im Austausch mit der Bevölkerung zwischen Bau- und Feldforschung, Geschichte und Entwerfen, Kunst und urbanem Handeln. Auch der Architekt und Stadtplaner Stefan Rettich beschäftigt sich mit dem Umgang mit shrinking cities. Kunst und Partizipation spielen dabei wesentliche Rollen, die Planer übernehmen den Part des Vermittlers zwischen Bewohnern, Künstlern, Politik und der Öffentlichkeit. Durch die temporäre Nutzung von Gebäuden und Freiflächen kann kulturelles Leben in Stadtteile gebracht werden, deren sozialer Raum durch einen hohen Leerstand bedroht ist. Ausgehend von Josef Beuys’ sozialer Plastik entwickelt Rettich Projekte wie die Stadtteilbibliothek „Lesezeichen für Salbke“ in Magdeburg, die als neue kulturelle Mitte, als Bezugspunkt für den Stadtteil weit über die Grundstücksgrenzen hinaus wirkt. Aneignung ist eine der wichtigsten Möglichkeiten des Subjekts, sich in den Raum einzubringen. Michael Homann stellt die eindimensionale Funktion der mehrdimensionalen Nutzung gegenüber. Wird nur für die Funktion geplant, so verhindert die Architektur womöglich die Aneignung zu einem späteren Zeitpunkt.
In zunehmendem Ausmaß wird der Raumbegriff durch die Neuen Medien erweitert. Wurden lange Zeit Raummetahpern gebraucht, um den cyberspace vorstellbar zu machen, so nimmt heute die reale Raumerfahrung hypermediale Züge an, verändert etwa die Allgegenwärtigkeit und Omnipotenz des Handys die stadträumliche Erfahrung. Für Urs Hirschberg ermöglichen die medialen Vernetzungspotentiale auch in der Architekturarbeit und -lehre eine neue Form der kollektiven Autorenschaft, die an die gemeinsame analoge Arbeit im Zeichensaal erinnert und diese ergänzt.
Zur lebhaftesten Diskussion des Tages inspirierte Anselm Wagners Beitrag, der sich der Reziprozität von Gebäuden und menschlichem Verhalten mit der provokanten Frage, ob Architektur neoliberal sein könne, näherte. Die neoliberale Stadt offenbare sich in Phänomenen wie der Gentrifizierung, gated communities und einer Zunahme privater Flächen auf Kosten der Öffentlichkeit. Die Zuordnung von Formen zu Ideologien sei jedoch sehr „elastisch“, wie Wagner anhand historischer und aktueller Beispiele zeigte. Die abschließende pointierte Analyse des Rolex Learning Center von SANAA in Lausanne auf seinen neoliberalen Gehalt, gebaute Kritik und immanente Widersprüche, führte zu einer interdisziplinären Diskussion, unter anderem über den Kritikbegriff. Sie erfüllte also genau den beabsichtigten Sinn der Veranstaltung: Reibungsgewinne.
(1) Als spatial turn auch topologische Wende, seltener raumkritische Wende, wird seit Ende der 1980er-Jahre ein Paradigmenwechsel in den Kultur- und Sozialwissenschaften bezeichnet, der den Raum bzw. den geographischen Raum als kulturelle Größe wieder wahrnimmt. Ein Paradigmenwechsel liegt insofern vor, als damit einhergeht, dass nicht mehr allein die Zeit im Zentrum kulturwissenschaftlicher Untersuchungen steht, wie dies in der Moderne der Fall war, sondern ihr nun auch der Raum an die Seite gestellt wird. (aus: de.wikipedia.org)
(2) Als ikonische Wende bzw. iconic turn bezeichnet man analog zum Begriff der „linguistischen Wende“ Versuche der Bildwissenschaft zur Anerkennung des strukturierenden Charakters des Bildes. Der Begriff wurde 1994 von Gottfried Boehm in Wiederkehr der Bilder geprägt: „Die Rede vom iconic turn war ein sympathischer, nachdenklicher Versuch, die tief in der deutschen Tradition geborgene Vorstellung von der Absolutheit, der Aura der Kunst gegen den Verbrauch der Bilder durch deren mediales Verständnis zu erretten“ (aus: de.wikipedia.org)
CULTURAL ANTHROPOLOGY MEETS ARCHITECTURE, 14.03., HDA Graz
TeilnehmerInnen:
Alexa Färber (Hafen City Universität Hamburg)
Simone Hain (TU Graz)
Michael Hieslmair (Wien)
Urs Hirschberg (TU Graz)
Michael Homann (FH Joanneum Graz)
Elisabeth Katschnig-Fasch (KFU Graz)
Judith Laister (KFU Graz, TU Graz)
Manfred Omahna (KFU Graz, TU Graz)
Stefan Rettich (Bauhaus Kolleg Dessau)
Johanna Rolshoven (KFU Graz)
Anselm Wagner (TU Graz)
Justin Winkler (KFU Graz, Uni Basel)
Veranstalterin:
Institut für Volkskunde und
Kulturanthropologie
Karl-Franzens-Universität Graz
Kooperationspartnerin:
IAKK Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, TU Graz
IACSA - International Association for Cultural Studies in
Architecture, Basel
Forum Kulturanthropologie und Architektur (FKA), Graz
Organisation: Manfred Omahna und Johanna Rolshoven
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Resümee
Weiterführende Links
- Bauhaus Kolleg Dessau
- Forum Kulturanthropologie und Architektur, Graz
- HafenCity Universität Hamburg — Universität für Baukunst und Metropolenentwicklung (HCU)
- Haus der Architektur Graz
- IACSA - International Association for Cultural Studies in Architecture, Basel
- IAKK Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, TU Graz
- Institut für Stadt- und Baugeschichte, TU Graz
- Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie, KFU Graz
- Institut für zeitgenössische Kunst, TU Graz












