„Zelte führen ein Leben auf Zeit, sie wandern in der Zeit, sie biegen sich mit der Zeit. Zelte sind elastisch. Sie schützen. Sie werden auf- und wieder abgeschlagen. Sie sind ein Provisorium. Sie sind wie ihre Bewohner. Sie wandern immer weiter.“
Das Wort für Zelt und für das sackartige Gewand der Frauen ist im Iran das gleiche: Tschador. Deshalb hat die Choreographin Helena Waldmann ihr Tanzstück „Letters from Tentland“ aus wandelnden Zelten komponiert. Nach zwei Try Outs in Hannover und München bestand ihr Stück über sechs Frauen in sechs tanzenden Zelten die Feuerprobe in Teheran.
Als erste weibliche Regisseurin erarbeitete Helena Waldmann mit iranischen Darstellerinnen ein Stück, in dessen Zentrum nicht, wie normalerweise im iranischen Theater, ein Text stand, sondern die Verarbeitung von Themen und Ideen, Gesprächen und Improvisationen.
Text, Musik, Video und Körper stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander. Die Körper allerdings stecken, da sie an eines der großen Tabus dieser Gesellschaft rühren, in einer zweiten Haut und sind kaum als solche zu erkennen. Inhalt und Form werden in diesem Stück, das von den tatsächlichen und den möglichen Räumen der Freiheit handelt, verschmelzen.
Die bauchigen Zelte in „Letters from Tentland“ sind ein fast überdeutliches Zeichen, visueller Blickfang und symbolisch aufgeladen. Es macht Mühe, sich in und mit ihnen zu bewegen. Doch engen sie nicht nur ein, sie schützen und verhüllen gleichzeitig. Das Bild des Zeltlagers lässt viele Assoziationen zu, im iranischen Kontext aber schiebt sich unabweisbar eine einzige in den Vordergrund: die Unfreiheit der Frau. Das Schicksal des Tanzes in der islamischen Republik Iran ist dem der Frau nicht unähnlich. Er präsentiert sich ebenfalls körperlos und verschleiert und ist wie sie in Sonderräume verbannt. Die Schwierigkeit beginnt bereits beim Begriff. Das Wort Tanz, das eine Zurschaustellung des Körpers, aber auch erotische Repräsentation beinhaltet, ist ganz aus dem Sprachgebrauch gestrichen. Körperliche Darstellung, die nicht in das Gewand einer Geschichte gehüllt ist, erregt daher unweigerlich Anstoß. Das, was geblieben ist, leugnet weitgehend alle Leiblichkeit, lediglich «rhythmische Bewegung» ist erlaubt. Die Zelte jedoch wagen mehr als den alten meditativen Rundtanz. Sie legen sich zu expressiven, schrägen Figuren, stehen minutenlang auf dem Kopf, lassen sich vom Sturm mitreißen, der über ein projiziertes Häusermeer hinwegfegt und sind überhaupt sehr durchlässige Häute für die Energie, die sich in ihnen zusammenballt.
(Text: Festspiele Ludwigshafen)
An jedem Spielort, wie auch in Wien, wird das Stück neu bestimmt: es werden immer neue, andere Texte auf der Bühne per Video eingespielt, auch die gesprochenen Texte der Schauspielerinnen sind Tagebucheindrücke, Träume, Gebete, Kommentare, aus der Flut von Botschaften die über das Netz aus dem Iran zu ihnen gelangen.
Wer sich diese Tanzperformance nicht entgehen lassen möchte, sollte unbedingt vorweg Tickets bestellen (T 01/514 44-4740)!
„Letters from Tentland“
Compagnie Helena Waldmann (D)
14. August 2005, 21:00 Uhr
Akademietheater
Lisztstraße 1, 1010 Wien
T 01/514 44-4740
http://www.burgtheater.at/spielstaetten/aka.htm
PREISE:
€ 36,-/28,-/21,-/14,-/8,-
ermäßigt: € 30,-/23,-/17,-/12,-/7,-BUCHTIPP:
Susanne Vincenz (Hg.)
"Letters from Tentland"
Zelte im Blick: Helena Waldmanns Performance in Iran / Looking at Tents: Helena Waldmanns Performance in Iran
(TanzSkripte, Band Zero, hrsg. von Gabriele Brandstetter und Gabriele Klein)
Juli 2005, 122 S., 14,80 €
ISBN: 3-89942-405-0
- Verfasser/in:
- Redaktion GAT, Empfehlung