Inzwischen wird der Beginn der Erfolgsgeschichte chinesischer Gegenwartskunst in der westlichen Welt mit der von Harald Szeemann geleiteten Biennale von Venedig im Jahr 1999 festgehalten. Zwanzig Künstler aus Fernost wurden damals als Überraschungscoup präsentiert. Galeristen reagierten auf der Art Basel 31 und es folgte die Kölner Ausstellung Kunstwelten im Dialog. Wenn Berichte über wirtschaftliche Entwicklungen und Kooperationen mit westlichen Firmen, die politische Lage und der Boom chinesischer Gegenwartskunst auf dem internationalen Kunstmarkt nahezu täglich die Medien beschäftigen gilt es, demgegenüber doch ein großes Manko hinsichtlich eines nur langsam wachsenden Verständnisses für chinesische Künstler und ihre Arbeiten aufzufüllen.
Peter Pakesch und Katrin Bucher Trantow haben mit „China Welcomes You … Sehnsüchte, Kämpfe, neue Identitäten“ eine Ausstellung für das Kunsthaus Graz konzipiert, die über Werke von 15 Künstlerinnen und Künstlern ein aktuelles, wenngleich „nicht flächendeckendes“ (Pakesch) Bild aus verschiedenen Perspektiven zur Gegenwartskunst aus China geben will.
Arbeiten aus unterschiedlichen Genres wie Installation, Video, Keramik und Malerei werden auf den zwei großen Ausstellungsebenen des Hauses und in der Needle gezeigt, wobei alle Werke erstmals in Österreich zu sehen sind und ein Großteil eigens für das Kunsthaus Graz geschaffen wurde. Eine Intention der Kuratoren ist es, wechselseitige Klischees – der Künstler gegenüber westlicher und der Rezipienten gegenüber chinesischer Gegenwartskunst – zu brechen, andernfalls aber auch zu bestätigen. Vor allem besteht im allgemeinen seitens der Besucher wohl jenes Manko um das Wissen kultureller und historischer Voraussetzungen, die für die Hervorbringung und Entwicklung von Kunstwerken in China relevant sind, gegenüber einer immer noch auf westliche Kunst und Kunstgeschichte konzentrierten Rezeption. In diese Richtung weisen westliche Referenzwerke, die nach Absprache mit den chinesischen Künstlern im Umfeld ihrer Arbeiten im Kunsthaus gezeigt werden wie Marcel Duchamps Rote Schachtel aus der Sammlung der Neuen Galerie neben „Colored Pillars“ von Ai Weiwei oder eine Ausgabe von Wassily Kandinskys theoretischer Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ neben abstrakter Malerei von Xie Nanxing.
Eingangs finden sich Besucher mit einer Arbeit von Lu Hao konfrontiert: „Beijing Welcomes You“ (2000) ist gleichermaßen Reminiszenz wie Kritik gegenüber dem wirtschaftlichen Aufbau Beijings seit den 1980er Jahren. Mit einem über Kopf angebrachten, detaillierten Stadtmodell, dessen Bild in auf dem Boden befindlichen Spiegeln zum Teil reflektiert wird, erinnert sich Lu Hao an seine Kindheit, die er in den Hutong, den schmalen Gassen der alten Stadt, in „Harmonie und Eintracht“ erlebte. Gassen und Wohnhöfe verschwanden und Reihen von Hochhäusern wurden errichtet. Lu Hong fragt, ob Entwicklung immer Zerstörung bedeutet und ob Gegenwart und Tradition immer opponieren.
Die immensen kulturellen, geschichtlichen und religiösen Differenzen zwischen China und Amerika thematisiert Zhang Peili in einer analytischen Videoarbeit mit dem Titel „Go Ahead, Go Ahead“ (2004). Szenen aus chinesischen Kriegsfilmen unterschiedlicher Epochen sind im split screen Verfahren an Kriegsszenen aus Hollywoodproduktionen geschnitten. Nachvollziehbar ist hier Zhang Peilis Feststellung, dass „die in den Filmen beider hervortretende heroische Gesinnung ident ist, die einzigen Unterschiede liegen in Aussehen und Kleidung“.
Den meisten Raum der Ausstellung nehmen die „Colored Pillars“ (2006) des derzeit wohl bekanntesten chinesischen Künstlers und Teilnehmers auf der diesjährigen documenta, Ai Weiwei, ein. 16 Säulen aus glasierter Keramik, eigentlich Vasen, zwischen 178 und 219 cm hoch, wurden in Jingdezheng produziert, einer Stadt, in der seit mehreren tausend Jahren Keramik hergestellt wird. Dazu bilden Videos, die Stadtsituationen aus Beijing zeigen, sowohl Kontrast als auch Konnex zu und mit Tradition und Gegenwart.
Die vielleicht spektakulärste und zugleich internationalste Arbeit stammt von Peng Yu & Sun Yuan. 13 hyperrealistisch ausgeführte lebensgroße Kunstharzfiguren erinnern in ihrem Äußeren an historische Personen. In „Old People’s Home“ (2007) fahren sie auf dynamoelektrischen Rollstühlen umher und sind auch bei genauerem Hinsehen nur schwer als Ausstellungsobjekte zu identifizieren.
„China Welcomes You … Sehnsüchte, Kämpfe, neue Identitäten“ ist noch bis zum 2. September im Kunsthaus Graz zu sehen. Ein Katalog zur Ausstellung ist im Verlag der Buchhandlung Walter König erschienen.
ERLEBNIS:MUSEUM
Am 30.08.2007 veranstaltet das Kunsthaus Graz für Kinder von 6-12 Jahren einen Workshop zur Ausstellung. Beginn: 15.00 Uhr, Dauer: 2. Stunden, Eintritt: € 4, Treffpunkt Kunsthaus Foyer, Lendkai 1, 8020 Graz.
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