Im Rahmen der Veranstaltung „Real Cheap - Zu den Produktionsverhältnissen im Architektur-Business“ im Forum Stadtpark (November 2006) wurde folgende Frage an die anwesenden BüroinhaberInnen gestellt: „Würden Sie eher eine Absolventin / einen Absolventen der FH oder der Technischen Universität einstellen?" Die darauf folgende kurze, heftige und kontrovers geführte Debatte ist ein willkommener Anlass, einige der Protagonisten zu Wort kommen zu lassen. Als Auftakt befragte Anke Strittmatter für GAT Sämi Behnam, Leiter der Studiengänge Architektur und Bauwesen an der FH Joanneum in Graz, zur Architekturausbildung an einer Fachhochschule.
GAT: Sie sind seit eineinhalb Jahren Studiengangsleiter der Studiengänge Architektur und Bauwesen an der FH Joanneum. Wie positionieren Sie diese Studiengänge in Graz, in einer Stadt, die eine lange Tradition in der Architekturvermittlung durch die TU Graz hat?
Sämi Behnam: Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass wir hier natürlich in einer Stadt leben und tätig sind, die mit der Grazer Schule auf dem Gebiet der Architektur und Architekturausbildung wirklich Geschichte hat. Und darüber hinaus zeigte sich Graz als Kulturhauptstadt 2003 besonders facettenreich in Hinblick auf sein architektonisches Erscheinungsbild. Mir ist es wichtig, dass wir in unserer Ausbildung - wir haben ja die beiden Zweige, den Architekturzweig und den Ingenieurzweig - insbesondere im Architekturzweig den Studierenden auch diesen Hintergrund nahe bringen. Aufzuzeigen also, was sie hier bereits an reichhaltigem Erbe der Architektur vorfinden. Und wir versuchen, einen guten Kontakt zur TU Graz zu halten, bzw. weiter auszubauen. Es gab in der Vergangenheit bei Jurysitzungen an der FH Joanneum auch Beteiligungen vonseiten der Professoren der TU Graz, also Professoren, die genau für diese Grazer Schule stehen. Ich denke, dass das aber noch ausbaufähig ist.
GAT: Sie sind aus Deutschland nach Graz gekommen und haben auch in Deutschland studiert und gelehrt. In Deutschland gibt es eine sehr lange Tradition von Fachhochschulen. Kann man die deutschen und österreichischen Fachhochschulen vergleichen?
Sämi Behnam: Ich habe an der TU Darmstadt Architektur studiert, zu Zeiten als Prof. Behnisch noch dort war und habe später dann an deutschen Fachhochschulen, an der FH Würzburg und an der FH München, gelehrt. Die Fachhochschulen hier in Österreich sind noch recht jung. Die Fachhochschule Joanneum ist etwa elf Jahre alt, also auch unsere Studiengänge im Bereich Bauen, vormals Bauplanung und Baumanagement. Und das merkt man in folgender Hinsicht: Zum einen ist es so, dass die Idee der Fachhochschulen hier erst seit kurzem umgesetzt ist. Das heißt konkret, dass viel Engagement und finanzielle Mittel hineingesteckt werden, um eine qualitätsvolle Ausbildungsstruktur aufzubauen. Und gleichzeitig bedeutet dieses Neue auch, dass man in einigen Punkten noch Adaptierungen vornehmen kann und muss. Glücklicherweise sind diese Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Aber interessant ist eben dieses Junge und Frische im Hinblick auf Konzept und Förderung. Die inhaltliche Ausrichtung der Studiengänge, speziell in meinem Bereich, der Architektur- und der Baustudiengänge, ist vergleichbar mit jener der deutschen Fachhochschulen. Insbesondere die Praxisorientierung unserer Ausbildung und die Integration der Lehrveranstaltungen in Projektarbeiten werden von der Wirtschaft sehr geschätzt. Unsere Absolventinnen und Absolventen sind ohne großen Vorlauf direkt einsetzbar, wie wir dank unserer guten Verbindungen zur Wirtschaft wissen. Wir sitzen nicht im Elfenbeinturm, sondern versuchen einen engen Kontakt mit den Unternehmen draußen zu pflegen und das ist u.a. eben auch ein sehr bewährtes Konzept der deutschen Fachhochschulen.
GAT: Die Fachhochschule Joanneum ist ja jetzt erst auf dem Weg eine „richtige“ Fachhochschule zu werden. Wie ist der Status momentan?
Sämi Behnam: Derzeit ist es noch so, dass die FH Joanneum nur aus markentechnischen Gründen FH Joanneum genannt wird. Als Träger von Fachhochschulstudiengängen hatte dies z.B. Auswirkungen bei der Verleihung der Grade, also bei der Sponsion, die bisher über einen Vertreter des Fachhochschulrates erfolgen musste. Die tatsächliche Fachhochschulwerdung soll auf Wusch des Erhalters, also dem Land Steiermark, im Jahr 2007 umgesetzt sein. Ein Ziel ist dabei auch, dass die Fachhochschule bzw. die Studiengänge autonomer werden. Ich gehe davon aus, dass dies keinerlei Auswirkungen auf die Lehre hat. Der Prozess der Fachhochschulwerdung ist derzeit im Gange.
GAT: Welches sind Ihre Ziele und Visionen für den Studiengang Architektur und Bauwesen an der FH Joanneum?
Sämi Behnam: Wir sind bisher sehr stolz darauf, dass wir eine Vorreiterrolle eingenommen haben, zum Beispiel mit der Umstellung vom einstufigen Diplomstudiengang auf Bachelor- und Masterstudien, also dem zweistufigen Ausbildungssystem nach den Bologna-Kriterien (*). Das Umsetzen dieses Modells geschieht in engem Austausch mit den Studierendensprechern und es ist schon eine große Herausforderung, bei der wir ständig Anpassungen vornehmen. Das möchten wir natürlich weiter verfeinern.
Wir belegen mit unseren Architektur- und Baustudiengängen die Top-Plätze bei den einschlägigen Rankings, z.B. beim FH-Ranking 2006 des „Österr. Industriemagazins für Führungskräfte aus Wirtschaft und Technik“. Dieses Qualitätsniveau wollen wir halten und weiterhin Studierende ausbilden, die auch überregional zu den Besten gehören. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne einen Studierenden nennen, der den VDI Preis für hervorragende Diplomarbeiten gewonnen hat oder den Gewinner des „MLP Join the Best Programmes“, einer von 14 Stipendiaten aus 3.300 Studierenden von Universitäten und Fachhochschulen aus allen deutschsprachigen Ländern. Auf solche Leute sind wir natürlich ganz besonders stolz. Wir wollen also ein Qualitätsniveau halten und vorantreiben, bei dem wir wirklich mit Fug und Recht sagen können, wir haben die Nase vorn - gerade auch im internationalen Kontext. Das ist mir ein ganz großes Anliegen.
Die Zusammenarbeit mit anderen facheinschlägigen Bildungseinrichtungen liegt mir auch am Herzen. Bisher gibt es nur in Teilbereichen eine intensive Zusammenarbeit mit anderen Bildungseinrichtungen vor Ort. International, also z.B. nach Großbritannien, Schweden, Holland, Deutschland oder Ungarn gibt es bereits sehr gute Partnerschaften, und ich würde mir wünschen, dass eine vergleichbare Zusammenarbeit auch im engeren Umkreis ausgebaut und intensiviert werden kann. Und zwar nicht nur dort, wo das schon sehr gut gelebt wird, wie z.B. in den Bereichen Baumanagement und Bauwirtschaft, sondern insbesondere auch im Architekturbereich. Die bewusste Einbeziehung der Kompetenzen in den Bereichen Baumanagement und Bauwirtschaft ist uns ja auch in der Architekturausbildung sehr wichtig und gerade dies kann zu interessanten Ergebnissen bei einer Zusammenarbeit führen.
(*)die Kriterien sind in der Bologna-Erklärung festgehalten, die vorsieht, dass die Studienstruktur des Europäischen Hochschulraums im Wesentlichen durch zwei Zyklen - undergraduate und graduate - gekennzeichnet sein soll.
- Verfasser/in:
- Anke Strittmatter, Gespräch
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