Am 24.09.2008 war der international renommierte Architekt Peter Eisenman für einen Werkvortrag bei XAL in Graz (GAT berichtete). In Europa hat er sich mit seinem Projekt „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin einen Namen gemacht. Markus Bogensberger und Manfred Hasler vom HDA Graz führten das folgende Gespräch.
HDA: Die meisten Menschen kennen Sie als den Architekten des Mahnmales für die ermordeten Juden in Europa in Berlin. Wie verändert sich Ihr Werk für Sie, wenn sie zurückkehren?
Peter Eisenman: Ich freue mich, dort viele Besucher zu sehen, und ich freue mich auch, wenn sich die Menschen darüber beschweren. In den Staaten gibt es eine bedeutende Reisezeitschrift, “Travel and Leisure”. Darin war das Holocaust Mahnmal einer von drei Orten, der für Berlin empfohlen wurde. Sie haben ein Foto gemacht, das Kinder mit bunten Ballons auf den verschiedenen Stufen zeigt. Ich bekam Briefe von Menschen, die darüber schockiert waren und mich fragten, wie ich dazu stand. Ich finde es wunderbar, manche Menschen verbringen ihre Mittagspause dort, sie sonnen sich, sie lieben sich dort. Das Mahnmal ist wie eine mittelalterliche Kirche, ein Ort, um den herum sich alles abspielt. Es ist Teil des Lebens in der Stadt. Kinder springen aus dem Schulbus und spielen Verstecken, und wenn sie nach Hause kommen erzählen sie, dass sie einen tollen Ausflug zum Mahnmal gemacht haben. Oder jemand anders führt seine Freundin zum Mittagessen dorthin. Das ist doch wunderbar – es ist Teil des alltäglichen Lebens und damit ein Erfolg. Man kann an das Mahnende denken oder auch nicht – es ist nicht vorgeschrieben.
HDA: Ist es denn noch immer Architektur?
P. E.: Richard Serra sagte zu mir, dass es mein bestes architektonisches Werk wäre, immer sein würde. Ich fragte ihn warum, und er meinte, weil es kein Volumen hat. Ich denke, es ist Architektur, weil das, was es bewirkt, Architektur ist...
HDA: Wenn man an die Ausstellung über dekonstruktivistische Architektur 1988 im New Yorker MOMA denkt, waren fast alle Teilnehmer....
P.E.: … wurden fast alle Teilnehmer zu Stars. Ja das ist interessant, aber zum damaligen Zeitpunkt waren sie es noch nicht.
HDA: Sie waren damals wahrscheinlich der bedeutendste Star. Aber Sie haben sich rausgehalten…
P. E.: Ja.
HDA: War das Ihre bewusste Entscheidung oder ist es einfach passiert? Warum bauen Sie keine Wolkenkratzer in Dubai und China?
P. E.: Erstens: Ich glaube, dass die Bauherren den Unterschied zwischen Peter Eisenman, Frank Gehry, Zaha Hadid oder Norman Foster kennen. Und ich glaube auch, dass ich viele Bauherren nervös mache, weiß aber nicht genau warum. Unsere Projekte sind ernsthafte Projekte, wie die Kulturstadt in Santiago de Compostela, das Holocaust Mahnmal in Berlin und ein Fußballstadium in Arizona. Es sind große Projekte, aber ich habe nur zwanzig Leute in meinem Büro. Ich möchte nicht nach China oder nach Dubai. Wir machen zum Beispiel gerade ein mittelgroßes Gebäude in New York mit dreißig Stockwerken. Und bei all den Einschränkungen frage ich mich, ob das wirklich ein interessantes Projekt ist. Ich denke, ich mache es, weil ich ein Projekt in New York haben möchte. Aber ist es wirklich interessant? Ist das Nazidokumentationszentrum wirklich ein interessantes Projekt? Ja. Ich möchte keinen Countryclub für ein paar Reiche am Roten Meer bauen, das ist keine interessante Arbeit, und ich will auch keine 300 Leute bei mir im Büro haben. Ich möchte die Arbeit steuern können. Ich weiß, was zu tun ist und meine Leute auch, und sie wollen das machen, was ich von ihnen will. Es ist also ein sehr anspruchsvolles Umfeld, auch für meine Studenten. Sie können sich nicht einfach hinsetzen und zeichnen, sie müssen zuerst nachdenken. Ich glaube, ich bin eine andere Art Star. Menschen, die mich kennen, machen mir große Komplimente, einer sagte einmal, Peter Eisenman sei der letzte echte Architekt. Ich glaube, dass ich ein echter Architekt bin, aber kein Star. So sehe ich mich nicht. Ich möchte Architekt sein, ein lehrender und ausführender. Und dabei nicht mehr als fünf bis sieben Gebäude machen. Man muss nicht viele Projekte machen. Die Architektur ist mir wichtig, aber ich bin auch kein gesellschaftlicher Star, gehe nicht auf Parties, weder in London noch in New York. Ich komme nach Graz, weil es interessant für mich ist junge Leute an verschiedenen Orten kennen zu lernen und zu erfahren, wie sie denken. Viele Stars tun nichts anderes als ihre Bilder vorzuführen, aber das ist weder interessant noch nützlich. Ich bin wohl auch nicht der Typ dafür, ich bin eben so wie ich bin. Und wohl außer Jacques Herzog der einzige Architekt, der sich für europäischen Fußball interessiert. Überall, wo ich bin, verfolge ich das Geschehen, ich lese auch die “Gazzetta dello sport”.
HDA: Das ist sicher ungewöhnlich.
P. E.: Ja und steht für eine andere Lebensqualität. Ich habe eine Familie, die ich liebe, vier Kinder und eine Frau. Ich liebe meine Studenten und meine Arbeit. Ich habe ein erfülltes Leben, lese viel, denke über Vieles nach.
HDA: Sie haben also keine Zeit ein Star zu sein?
P. E.: Ich kann kein Star sein. Es ist vollkommen uninteressant ein Star zu sein, denn dann spielt man ja nur eine Rolle. Zum Beispiel gehe ich in den Staaten zum Fußball. Meist gehen wir mit Freunden dorthin, und eine Stunde vor dem Spiel sitze ich schon auf meinem Platz und meditiere, während ich mir das Einspielen anschaue – dafür muss ich eine Stunde früher dort sein. Ich spreche während des Spieles mit niemandem, obwohl wir alle zusammen sitzen, meine Familie und meine Freunde. Ich bin in dieser ganzen Menge anonym, unter fünfzig-, sechzig-, siebzigtausend Menschen – typisch für Amerika. Ich sitze also da und werde nicht erkannt. Nur die Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld wissen, wer ich bin und sind aufgeregt, weil ich dieses riesige Stadion in den Staaten gebaut habe. Abgesehen davon bin ich aber anonym in der Menge, und das behagt mir sehr. Das ist einer der Vorteile der Anonymität.
HDA: Teil einer Gemeinschaft zu sein?
P. E.: Ja, aber es handelt sich um mich. Ich möchte nicht im Mittelpunkt stehen. Das ist, was mir an Loos gefällt. Er ist ein wirklich interessanter Architekt und war nie ein Star. Er schrieb Dinge, die ich interessant finde, ebenso wie seine Zeitschrift. Er hatte eine Freundin, die neunundzwanzig Jahre jünger war als er, so wie ich auch.... eine symbolische Sache. Das war zwischen meinen beiden Ehen. Ich habe diese junge Frau nach Wien gebracht – eine symbolische Geste für Loos.
HDA: Hat es ihr gefallen?
P. E.: Mir hat es gefallen.
Wie auch Loos… fühle ich mich als Außenseiter. Ich werde für das Schreiben und meine Arbeit in Europa mehr geschätzt. Die meisten meiner Arbeiten befinden sich in Europa. Ich wurde auf Deutsch und Italienisch publiziert. Ich kann kaum mit meinen Verlegern mithalten. Ich habe in Spanien publiziert, wesentlich mehr als in den Vereinigten Staaten. Da ist also eine Gemeinde... ich fühle mich eher als Europäer denn als Amerikaner, sogar wenn ich in Amerika bin.
HDA.: Warum ist das so?
P. E.: Ich weiß es nicht. Ich nehme an, die europäische Kultur ist interessanter für mich. Wissen Sie, ich liebe New York, wir wohnen sehr schön und es gibt eine wunderbar heterogene Kultur. Ich bin nicht Teil von ihr – ich bin außerhalb. Ich glaube, auch Loos hatte ein ähnliches Verhältnis zu seiner Stadt. Ich kann das nicht erklären, bin auch kein Kulturhistoriker. Ich bin Peter Eisenman.
HDA: Haben Sie einen Traum?
P. E.: Ob ich einen Traum habe. Mal sehen, ob ich Ihnen diese Frage beantworten kann. Würde ich mein Leben anders gestalten wenn ich könnte? Nein. Liebe ich mein Leben? Ja. Gibt es Dinge, die ich gerne noch tun würde? Ja.
HDA: Zum Beispiel?
P. E.: Ich würde gerne ein Hochhaus machen. Und eines Tages vielleicht ein Gefängnis. Ich möchte nicht fortwährend Museen und Stadien machen, das ist nicht interessant. Wissen Sie, ich würde gerne Dinge machen, die ich noch nicht gemacht habe. Das muss nicht viel sein. Ich möchte einfach leben, solange ich auf der Welt bin. Der Tod dauert nämlich sehr lange.
Nein, eigentlich habe ich keinen Traum. Muss ich einen Wolkenkratzer machen? Nein, ich tue, was ich tue. Wäre ich interessiert, das Nazidokumentationszentrum in München zu machen? Ja, das ist wirklich interessant. Ich mag interessante Projekte, die eine Herausforderung darstellen. Würde ich gerne das Schloss in Berlin machen wollen? Ja, das wäre ein interessantes Projekt.
HDA: Anstelle des Schlosses, …
P. E.: Anstelle des Schlosses, ja, da gibt es sicherlich einige interessante Dinge. Ich träume jedoch nicht davon. Ich bin eher ein Realist. Ich weiß, wer ich bin und was ich kann. Möchte ich in China bauen? Nein. Jeder sagt, man müsse in China bauen, aber das interessiert mich nicht. Möchte ich in Dubai bauen? Nein. Ich wache morgens auf und bin dankbar, dass ich noch da bin und sage mir: "Du hast noch Dein ganzes Leben vor Dir.:" Das ist eine echte Aussage.
Und, ich habe keine Träume... . Nachts träume ich von Sportstadien. Wirklich...
HDA: Klingt durchaus ausgeglichen
P. E.: Ja, durchaus.
BIOGRAFIE:
Peter Eisenman gründete 1967 das "Institute for Architecture and Urban Studies" und erhielt internationale Preise für seine architektonischen Leistungen. In den 1970er Jahren gehörte er der Architektengruppe "New York Five" an, 1988 nahm er zusammen mit Frank Gehry, Daniel Libeskind, Rem Koolhaas, Zaha Hadid, Coop Himmelb(l)au, und Bernard Tschumi an der von Philip Johnson kuratierten Ausstellung „Deconstructivist Architecture“ teil, die der gleichnamigen, bis heute relevanten architektonischen Stilrichtung ihren Namen gab. Eisenman vertrat 1991 die USA auf der 5. Architektur-Biennale in Venedig und stellte 2004 auf der 9. Biennale sein derzeit in Bau befindliches Projekt für die "City of Culture of Galicia" in Santiago de Compostela vor. Peter Eisenman lehrte an den Universitäten Harvard, Princeton und an der Ohio State University, zurzeit hat er einen Lehrstuhl an der Universität Yale inne. Peter Eisenman lebt und arbeitet in New York, USA.
Bauten (Auswahl)
* Wexner Center for the Visual Arts in Columbus, Ohio
* Ciudad de la Cultura de Galicia, Santiago de Compostela
* Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Preise / Auszeichnungen (Auswahl)
* 1985 Erster Preis der 3. Architektur-Biennale Venedig
* 1997 Ehrendoktorwürde des Pratt Institut, New York
* 2000 Berufung als Mitglied der »American Academy of Arts and Letters«
* 2003 Ehrendoktorwürde der Universität La Sapienza, Rom
* 2004 Ehrenlöwe der 9. Architektur-Biennale Venedig
- Verfasser/in:
- Markus Bogensberger, Manfred Hasler; HDA
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