Im Gespräch mit Marlies Binder, Architektin in Graz

Lesen Sie nachfolgend einen Auszug aus dem Gespräch, das GAT mit der Architektin Marlies Binder, die seit 1990 ein eigenes Architekturbüro in Graz betreibt, geführt hat.

08/03/2006

In Oberösterreich wurde erstmals mit dem Remisenhof Urfahr/Linz ein alltags- und frauengerechter Wohnbau realisiert. Seit 2001 leben in der ehemaligen ESG Remise Urfahr auf rund 7.000 Quadratmetern Familien, Singles, AlleinerzieherInnen, Paare, SeniorInnen und StudentInnen höchst zufrieden in insgesamt 113, nach einem alltags- und frauengerechten Konzept erbauten Wohnungen. Geplant wurde diese Wohnanlage von den Architektinnen Marlies Binder und Irmgard Lusser aus Graz sowie Heide Mühlfellner aus Salzburg.

Lesen Sie nachfolgend einen Auszug aus dem Gespräch, das GAT mit der Architektin Marlies Binder, die seit 1990 ein eigenes Architekturbüro in Graz betreibt, geführt hat:

Kann es sein, dass „guter Wohnbau“ das Ergebnis eines feministischen Ansatzes ist?

Dass es einen spezifisch weiblichen Ansatz im architektonischen Entwerfen und im speziellen von Wohnungen gebe, glaubt Marlies Binder nicht. Ihrer Beobachtung nach geht es allein um Qualität, ihr Zugang ist jedenfalls nicht der über das Genderthema, sondern verläuft vielmehr über eigene Erfahrungen, eigenes Wahrnehmen von gebauten Räumen und von gestaltetem Umfeld.

Ihr bisher größtes Projekt, die Wohnanlage Remisenhof in Linz Urfahr, hat sie gemeinsam mit Irmgard Lusser entworfen, und die Broschüre des Wohnbauträgers WAG bezeichnet es allzu schlicht und untertreibend als „alltags- und frauengerecht“.

Selten nämlich gelingt Wohnen so gut, stand im Dezember 2005 nach vierjähriger Evaluierung des Prozesses und der Zufriedenheit der NutzerInnen fest. Sie schätzen vor allem die flexiblen Räume und die Küche als zentralen Raum der Wohnung, mit viel Licht, als Arbeitsstätte.

Das Wissen und die Erfahrung aus dem Projekt haben großes Interesse auch anderer Bauträger hervorgerufen, die davon profitieren und es weiter tragen können.

Der Aspekt „frauengerecht“ wird oft belächelt, sagt Binder. Die WAG betrachte das genau umgekehrt und definiert nun Frauen als wichtige Zielgruppe im Wohnbau.

Frauengerechtes Bauen bedeutet für Binder, sich an den Erfordernissen im Alltag zu orientieren. Frauenleben sind transversal, und in dieser Erkenntnis liegt auch das Geheimnis des Projekterfolgs.

Fünf Voraussetzungen für den Projekterfolg

Einerseits nämlich reagiert das Projekt darauf, andererseits ist es nicht nur auf Frauen oder Alleinerzieherinnen zugeschnitten, sondern auf eine breite Schichtung.

Ein Projekt, meint Binder, kann nur dann gelingen, wenn das Grundstück sorgfältig ausgewählt wird, das Wohnumfeld und die Wohnfolgeeinrichtungen stimmen, die Architektur qualitätvoll und gut benutzbar und das Siedlungsgefüge und der Zugang adäquat sind.

Die Küche

Von der Küche als weiblichen Raum par excellence kann das Wohnzimmer abgetrennt und umfunktioniert werden. Die große Küche bedeutet Großzügigkeit, die durch den vorgelagerten Freibereich – Garten, Loggia oder Balkon – noch betont wird. „Mit vielen Quadratmetern ist alles leicht machbar“, reflektiert Binder, „aber mit Standardgröße Großzügigkeit zu schaffen ist viel schwieriger“. Der Arbeitsplatz „Kochen“ verdient Sonne, ist immer mit dem Essplatz gekoppelt. Dadurch wird die Küche zum Hauptaufenthaltsraum, zu einem vollwertigen Raum, der gleich groß ist wie die Zimmer.

Der Grundriss

Jede Wohnung besteht aus vier gleichwertigen Zellen, die beliebig und nach Bedarf gekoppelt werden können. Im Zyklus von Wohnungen ist das sehr sinnvoll, weil man, wenn man ein Zimmer mehr braucht, auch eines zu einem solchen umfunktionieren kann.

Das Wohnumfeld

Die Erschließung, der Zugang, das Umfeld und alle Wohnfolgeeinrichtungen müssen wohlgestaltet und gut benutzbar sein. Binder und Lusser haben in Aufnahme der Achse eine urbane Wohngasse geschaffen. Alles, was an Treppen und Rampen etc. vorhanden ist, kann bespielt werden, die Materialien dazu wurden entsprechend ausgesucht. Alles "Zubetonierte" der ehemaligen Straßenbahnremise wurde so zurückgewonnen, und als Ausgleich für die belebten Teile entstand ein Obstgarten.

Das Grünraumkonzept der Stadt Linz

Die Stadt Linz hat sich ein Grünraumkonzept auferlegt, dass Binder und Lusser erfüllen mussten: es musste nachgewiesen werden, wie viel Prozent gewachsener Boden, wie viele Bäume usw. zur Gesamtoberfläche vorhanden sind. „Einreichungen werden nur mit Grünraumplanung gemacht, es geht nicht primär um Ästhetik, wie in Graz, wo man sowieso nur grundstücksweise vorgeht“, so Binder.

Die Gestaltung der Schnittstellen

Das Grundstück liegt in unmittelbarer Nähe zu lauten Straßen und zur Bahn. Der Straßenlärm wird durch die Ausrichtung der Baukörper abgeschirmt, die Gehsteige sind überbreit ausgebildet, dadurch erhält der Raum vor dem Wohnbau mehr Gewicht. Der Weg entlang der Bahn wird noch saniert und verbessert werden. Die Schnittstellen konnten nur durch die gute Zusammenarbeit mit der Beamtenschaft und der Politik so gut ausgearbeitet werden. Die Wohnanlage wurde übrigens auch mit einem Café und einer Kinderbetreuungseinrichtung ausgestattet.

Biographisches

Marlies Binder wurde während ihrer „Lehrjahre“ bei Szyszkowitz-Kowalski „geprägt“; die Zugänge zum Wohnbau waren vielfältig, über das Modell Steiermark bzw. den Beteiligungswohnbau in der Alten Poststraße und in Eisbach-Rein beispielsweise. „Damals herrschte Aufbruchstimmung, da habe ich gelernt, Wohnungswerber zu betreuen und Grundrisse durchzubesprechen und bei einer vorgegebenen Struktur Bedürfnisse wahrzunehmen. Als ArchitektIn ist man für die äußere Gestalt zuständig; Eilfried Huth hatte einen anderen Ansatz, für ihn war die Ästhetik der kleinste gemeinsame Nenner.“ Die Bedürfnisse, auch das habe sie damals erkannt, müssten allerdings in reflektierter Form ausgedrückt werden, was in Linz der Fall war. MARLIES BINDER, * 1955 in Villach, studierte Architektur an der TU Graz und erlangte 1981 das Diplom. Von 1981-83 war sie Universitätsassistentin bei Arch. DI Franz Riepl am Institut für Landwirtsch. Bauwesen und Ländliches Siedlungswesen der TU Graz. Von 1983-87 Mitarbeit im Architekturbüro Szyszkowitz / Kowalski in Graz. Seit 1990 betreibt Binder ein eigenes Architekturbüro. Seit 2004 ist sie Mitglied der ASVK Grazer Altstadtsachverständigenkommission.

BAUTEN UND PROJEKTE (Auswahl):

2001 Wohnbau Remisenhof "Alltags- und frauengerechtes Wohnen", Linz/Urfahr

2002 Wohnbau Ring-Schuh, Marburgerstraße in Graz

2003 Studie und Gestaltungskonzept Stadtentwicklung Kirchengasse, Bergmanngasse, Franckstraße, Grabenstraße in Graz

2003 Villa Dominikanergasse in Graz

2003 EU-weiter offener Wettbewerb Palais Kees, Karl Franzens Universität Graz, mit Arch. DIin Elisabeth Anderl, 1. Nachrücker

2004 Gemeindeamt und Rüsthaus Flatschach, Stmk.

2006 Wettbewerb Gestaltungskonzept für Bebauungsplan Mariatrost, 1. Preis

KONTAKT:

Architektin DIin Marlies Binder

Glacisstraße 7, 8010 Graz

T 0316/36 58 40, M 0664/543 29 81

ma.binder@inode.at > VERANSTALTUNGSHINWEIS:

Ziviltechnikerinnentreffen am Donnerstag, den 09.03.2006, um 18.30 Uhr in der Kammerdirektion Graz, Schönaugasse 7, 8010 Graz

Verfasser/in:
Maria Nievoll, Gespräch
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Marlies Binder
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Strukturplan
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Lageplan
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Grundriss Maisonette
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Grundriss Geschosswohnung
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Küche Essen Wohnen
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Loggia
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Gemeinschaftsraum Wäschetrocknen und Bügeln
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Schnitt Wohngasse und Obstgarten
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Wohngasse
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Spielen in der Wohngasse
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Obstgarten. Fotos: M: Spiluttini

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