Ich gehe gern in Spitzenpositionen, um etwas weiterzubringen...

Interview vom 14. April 2008, mit der neuen Stadträtin Mag. Eva-Maria Fluch, die in Graz u. a. für Stadtplanung, Stadtvermessung, Grünraum und Gewässer zuständigen ist.

29/04/2008

Interview vom 14. April 2008, mit der neuen Stadträtin Mag. Eva-Maria Fluch, die in Graz u. a. für Stadtplanung, Stadtvermessung, Grünraum und Gewässer zuständigen ist. Die Fragen wurden teilweise zu Kommentaren umgearbeitet.

Frau Fluch ist Geisteswissenschaftlerin, keine Stadtplanerin: Vor- oder Nachteil? Die reale Sicht der Dinge.

Ich behaupte, dass Architektur und Bauen in der Stadt Fachfrauen und -männer braucht, aber die müssen nicht unbedingt aus der Fachwelt kommen. Ich glaube, dass die Frauensicht interessant ist. Ich habe beispielsweise die Räume meines Vorgängers hier im Rathaus ausgetauscht, weil die Sekretärinnen mehr Platz brauchen als ich, die ich oft auf Terminen bin. Ich habe ihnen das größere Zimmer überlassen. Das entspricht meiner realen Sicht der Dinge. Früher mussten alle durch das Zimmer des politisch Verantwortlichen gehen.

Graz mit allen (Verkehrs-) Mitteln.

Ich bin in Graz geboren, war ein Jahr in den Vereinigten Staaten und drei Jahre in Wien, bin sehr gern in Graz. Ich sehe mir Graz zu Fuß, vom Rad, von der Straßenbahn und manchmal auch vom Auto aus an. Ich kenne die meisten Gegenden in der Stadt recht gut, am wenigsten vertraut sind mir ein paar Flächen in Puntigam, hinter der Alten Poststraße, und in Liebenau.

Die neue politische Aufgabe - ein Spagat.

Ich sehe meine neue politische Aufgabe darin, die großen Entwicklungen der Stadt wie Reininghausgründe oder das projekt_A, einerseits mit Augenmaß einzuschätzen und andererseits die kleinen Aufregungen des Alltags ernst zu nehmen. Das ist eine Herausforderung, ein Spagat, den ich machen möchte.

Die nächsten dreißig Jahre

In einem zeitlichen Horizont von dreißig Jahren habe ich für Graz die folgenden Visionen: Ich möchte den Grünraum größer machen, den Baumbestand verdichten, der „Verhüttelung“ entgegentreten. Die Stadt braucht Klarheit, die Nutzung oder der Nutzungsmix muss klar definiert sein. Dafür braucht es eine Architektur, in der sich die Menschen Räume schaffen, in denen sie gemeinsam Zeit verbringen und arbeiten können.

Verdichtung: Wo? Wie?

Zur Verdichtung: Ich denke an Blockrandschließungen, die Innenhöfe könnten geöffnet werden. Verdichtung heißt aber nicht, Zähne wie das Posthochhaus oder das Elisabethhochhaus hochzuziehen.

Die Reininghausgründe entwickeln sich zu einem dringlichen Projekt, das in einem Prozess, an dem die ganze Stadtregierung beteiligt ist, begleitet werden soll. Für die Reininghausgründe ist eine gemischte Nutzung vorgesehen, Asset One hat bspw. ein Haus des Wissens, eine Schule im Auge. Wir als Stadtregierung müssen uns klar werden, was wir wollen: Mehrgenerationenwohnen, kein Viertel mit Luxusbauten, sondern soziale Durchmischung, das gilt auch für das neue Stadtviertel Reininghausgründe.

Knochen und Knochenarbeit

Das ECE-Einkaufszentrum beim Hauptbahnhof wird sich jetzt bald entscheiden. Was passiert, wenn das ECE nicht kommt? Die VP hat im Koalitionspakt mit den Grünen festgeschrieben, dass, wenn das ECE kommt, das das letzte große EKZ in dieser Gemeinderatsperiode ist. Nur mehr Fachmärkte werden zugelassen, aber keine weiteren EKZ.

Wenn das EKZ ECE kommt, dann wird ein Nahverkehrsknoten am Eggenbergergürtel errichtet, wobei der Hauptbahnhof unterirdisch angefahren wird. Die Tram würde vor dem ECE eintauchen. Der Nahverkehrsknoten kommt nur MIT dem ECE. Es geht um Synergien, das ECE finanziert den Nahverkehrsknoten mit.

Die Annenstraße hat einen eigenen Charakter, andere Geschäfte; es gibt die Knochentheorie (mit den Fleischstücken Hauptplatz und Bahnhof an beiden Enden und der Annenstraße in der Mitte, die belebt werden soll, Anm. Nievoll). Und ein Knochen erfordert eben Knochenarbeit. Bei Gesprächen mit dem ECE werden wir herausverhandeln, wie es in die 1,2 km lange Annenstraße hineinwirken kann. Die Verbindung ist ja fußläufig, und sie muss einladend sein. Das ist ein großes Experiment: der Annenstraße einen eigenen Charakter zu geben.

Wenn man das ECE nicht macht, ist die Annenstraße gefährdet; andererseits stellt sich natürlich auch die Frage, wie viele Geschäfte eine Stadt überhaupt verträgt?

Das projekt_A als beispielhafter Prozess

Graz-Maribor ist eine spannende Achse. Maribor ist die Schwesterstadt von Graz. Eine weitere Achse besteht zu Pécs, das in der gleichen Liga spielt.

Das Profil des projekts_A wird durch den Umgang mit Prozessen bestimmt werden. Graz hat großen Erfolg mit Bürgerbeteiligungen, wir möchten eine breite Diskussion und ein Herangehen an die Architektur, für das ich im Modell Steiermark Erfahrungen sammeln konnte. Ich will Nutzer und Bürger gescheit einbinden.

Wenn man ein Stadtbild gestalten will, dann muss man einen Diskurs in der Öffentlichkeit schaffen. Das soll mit dem projekt_A erfolgen. Es soll eine andere Kultur des Umgangs mit einander einleiten.

Architektur für Ausländer und Inländer - und Skater

In „Zeit für Graz“ wurde der Wunsch nach Begegnungsräumen deutlich. Besonders in Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil muss man „Begegnungsräume“ schaffen. Die Architektur und die Stadtplanung können dazu beitragen. Diese Räume sind zu planen, Durchmischung und Platz für Begegnungen sind zu planen. Das braucht Ressourcen, Flächen und Geld, und jemanden, der sich darum kümmert. Wir verhandeln das Budget für 2008, setzen uns im Sommer zusammen und werden Stadtteilpolitik und das entsprechende Budget dafür reklamieren. Ich war als AFS-Studentin in Amerika und habe von dort die Erfahrung mitgebracht, dass das Zusammenleben anders wird, wenn man sich kennen lernt. Dafür braucht es Räume, und dazu kann die Architektur beitragen.

Die Jugendkultur ist ein weiteres Beispiel, zu dem ich Erfahrung gesammelt habe. Skater bspw. brauchen eine Bühne, weil sie sich zeigen wollen. Man muss eben dann so einbauen und einbetten, dass es für die Anrainer keine Lärmbelastung bringt. Bauliche Lösungen sind immer möglich!

Kommt der Gestaltungsbeirat?

Ich bin gerade dabei, mir ein Bild von den Vor- und Nachteilen eines Gestaltungsbeirates zu machen und Meinungen einzuholen. Im Prinzip habe ich gern fachliche Meinungen am Tisch. Andere Meinungen zahlen sich immer aus! Man muss nur wissen, wann man eine politische Entscheidung treffen muss, wo man selbst entscheidet. Ich weiß auch, dass meine Vorgänger auf das Grazer Modell stolz sind.

Die Politik hat genug Spielraum und Tools, die früh greifen:

 den Flächenwidmungsplan, der noch mit den Koalitionspartnern verhandelt werden muss; Flächenmanagement

 die Verkehrsplanung, die der Vizebürgermeisterin obliegt; hier ist eine integrierte Planung zu verfolgen

 die Bebauungspläne

 eine Geradlinigkeit und Verlässlichkeit beim Bauverfahren.

Die Stadtplaner fühlen sich an das STEK gebunden. Die Frist für Interessensbekundungen wurde übrigens bis Ende Mai verlängert.

Das sind die Instrumentarien.

„Zeit für Graz“ wird als „Mehr Zeit für Graz“ fortgesetzt. In der Nachdenkphase bin ich für alle Ideen dankbar, die Stadtplanung wünscht sich alles Mögliche auf den Tisch. Ich wünsche mir eine menschengerechte Stadt. Wir als Stadt müssen wissen, wie wir die Entwicklungen in menschenverträgliche Bahnen lenken.

Graz ist eine Frau

• Wir haben eine einheitliche Grazer Identität als Kulturhauptstadt

• Das projekt_A kann so etwas werden

• Die Identität soll gestärkt werden

• Stadtteile sind unterschiedlich

• Gendern ist wichtig, aber in beide Richtungen. Ich weiß aus der Jugendarbeit, dass die Buben in der Grundschule nur mehr weibliche Rollenbilder haben und sich oft schwer tun, ihre Rolle zu erkennen.

• Wenn es sein muss, bin ich gern Quotenfrau. Ich gehe gern in Spitzenpositionen, um etwas weiterzubringen. Ich habe immer gern und viel mit Frauen gearbeitet.

• Wir Frauen müssen zusammenarbeiten und den Männern einen Platz lassen.

KONTAKT:

Stadträtin Mag.a Eva Maria Fluch, MBA (ÖVP)

Rathaus, 1. Stock, Zimmer 128,

Eingang Landhausgasse

Hauptplatz 1, 8010 Graz

T +43 (0)316/872-20 70

F +43 (0)316/872-20 79

stadtraetin.fluch@stadt.graz.at

Sprechstunde: dienstags 7.30 bis 9.00 Uhr

und nach Vereinbarung unter Tel. 872-2072

Verfasser/in:
Maria Nievoll, Interview
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Stadträtin Mag. Eva-Maria Fluch, Mitglied der neuen Grazer Stadtregierung

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