Hoch-Mut

Filmbesprechung zu „Man on Wire“, derzeit im KIZ Augartenkino, Graz. Täglich um 21.00 Uhr.

10/03/2009

Am 7. August 1974 stieg morgens Philippe Petit, ein junger Franzose, auf ein Seil, das heimlich zwischen den World Trade Center Türmen gespannt worden war und tanzte dort oben knapp eine Stunde, von einer ständig größer werdenden Menge am Boden bestaunt, bevor er verhaftet wurde.

Mit ähnlichen Worten beginnen wahrscheinlich die meisten Kritiken des heurigen Academy Award Preisträgers für den besten Dokumentarfilm „Man on Wire“.

Eine spektakuläre Aktion wie diese, noch dazu mit reichem historischen Foto- und Filmmaterial garniert, beeindruckt und lässt mitfiebern, na klar.

Der jahrelange Traum davon, der für Petit im Wartezimmer eines Zahnarztes mit einem Foto des Baubeginns der Twin Towers beginnt, die monatelange subversive Vorbereitungszeit in Frankreich und den USA, das Tüfteln an den Details, die Chuzpe vom Protagonisten und seiner Helfer, um Zutritt zu den Gebäuden zu erhalten und die Tricks, die Ausrüstung unbemerkt nach ganz hinauf zu befördern – das alles nimmt gefangen, ebenfalls klar.

Auch die Sichtweisen aller damals im Verborgenen Mitwirkenden, die Zweifel, die Ängste, das Adrenalin machen den Film packend. Die, die bis zum Ende durchhalten und die, die im letzten Moment die Nerven verlieren und Hals über Kopf abspringen, jeder kommt zu Wort.

Mittels Pfeil und Bogen wurde eine Angelleine von einem Turm zum anderen geschossen, um so das daran hängende Drahtseil zu transportieren, das war genial und einfach zugleich. Doch mit dem Heruntersteigen vom Seil zerbrachen Petits Beziehung und die langjährigen Freundschaften seiner Weggefährten, ohne die der „Coup“, wie die Aktion benannt wurde, nie realisiert hätte werden können.

Der Film lässt vieles, das einen vertieften Hintergrund liefern hätte können, im Dunkeln. Wie wurde das alles finanziert? Wie beurteilt Petit heute das damalige Fallenlassen seiner Freunde? Gab es irgendwann einen Versuch der Annäherung zueinander? Wie leben all die subversiven Helden von gestern heute?

Petit jedenfalls wurde zum Superstar des Seilakts „on air“, der später mit riesigem Erfolg die Welt unter sich ließ. Er bestieg den Eiffelturm auf einem Schrägseil, tanzte über Tokio, Jerusalem, Frankfurt und immer wieder über New York. 1991 eröffnete er auch die Viennale mit einer Hochdrahtperformance. Seine Kameraden verschwanden dagegen unbedankt und bis zu diesem Film unbeachtet als Fußnote in seiner Erfolgsgeschichte.

Doch erzählt „Man on wire“ eigentlich noch nebenbei eine zweite Geschichte. Auch sie handelt von der Manie zum Spektakel und dem Glauben, dass es immer nur einen Sieger geben kann - der Errichtung des damals höchsten Gebäudes der Welt.

27 Jahre später zerbrachen auch die Türme.

"Man On Wire"

Dokumentarfilm

GB 2007, 94 min.

Regie: James Marsh

Darsteller: Philippe Petit, Annie Allix, Jean-Louis Blondeau

Derzeit im KIZ Augartenkino

Friedrichgasse 24

8010 Graz

Kartenbestellung: 0316/82 11 86

Verfasser/in:
Emil Gruber, Rezension

Weiterführende Links

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Fotos: © 2008 Jean-Louis Blondeau / Polaris Images

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