Historische Stadtrandsiedlung aus den 1930er-Jahren durch Nachverdichtung bedroht

Zwischen 1932 und 1937 entstanden in Österreich im Rahmen der Randsiedlungsaktion der Bundesregierung insgesamt 340 Stadtrandsiedlungen. Eine der größten Siedlungsaktione

02/04/2009

Zwischen 1932 und 1937 entstanden in Österreich im Rahmen der Randsiedlungsaktion der Bundesregierung insgesamt 340 Stadtrandsiedlungen, um den Folgen der wirtschaftlichen Krisensituation in der Zwischenkriegszeit – hohe Arbeitslosigkeit und äußerst prekäre Lebensumstände - entgegenzuwirken. Ihre Errichtung wurde staatlich gefördert. Siedlungsträger waren gemeinnützige Baugenossenschaften oder Kommunen. Die sechs größten entstanden in Wien, die typischen Randsiedlungsstädte waren aber Graz, Linz, Klagenfurt, Salzburg und St. Pölten.

Stadtrandsiedlungen in Graz

Eine der größten Siedlungsaktionen in Graz fand im Bezirk Gries, westlich der Triesterstraße auf Höhe der Vinzenz-Muchitsch-Höfe statt. Zwischen Amselgasse und Adalbert-Stifter-Gasse wurden von drei Wohnbaugenossenschaften – unter Mitarbeit der SiedlerInnen – auf ca. 1000 m² großen, schmalen, aber tiefen Parzellen mit 80-jährigem Baurecht insgesamt 116 Siedlerhäuser errichtet (Abb. 1, 2). Davon entstanden 16 Doppelhäuser nach Plänen des Sezessionsarchitekten Eugen Székely, der in Graz eher unbekannt ist. Auch der erste Gesamtplan der Stadtrandsiedlung stammt von ihm. Die Doppelhäuser mit jeweils rund 50 m² Wohnnutzfläche und integriertem Kleintierstall sind in Giebelmitte geteilt, ein bemerkenswerter Trick, um die beiden Haushälften als ein Haus und damit größer und weniger ärmlich erscheinen zu lassen. Der Entwurf entspricht dem von Székely in der Jubiläumsausstellung der Sezession Graz 1933 gezeigten Modell (Abb. 3, 4, 5). Die im Bebauungsplan festgelegte Erschließung, Parzellenteilung und Bauweise - Häuser und Vorgärten zur Straße, Wirtschaftsgärten im privaten, hinteren Bereich - trugen wesentlich zum einheitlichen Siedlungsbild bei und bestimmen auch heute den besonderen Gebietscharakter.

Siedlerkurse für erfolgreiche Subsistenzwirtschaft:

Nachdem die Häuser an die Siedlern verlost wurden, erhielten sie kostenlose Siedlerschulungskurse über Bewirtschaftung der Siedlerstelle, Einteilung des Gartens, Komposterzeugung, Gemüse- und Obstbau, Kaninchen-Schweine- und Bienenzucht. Laut den, zwischen Genossenschaften und Siedlern abgeschlossenen Verträgen waren die Bewirtschaftung und auch der Besuch der Kurse verpflichtend. Über die Bewirtschaftung mussten sie quartalsmäßig Bericht erstatten. Die Siedler konnten mit intensiver Bewirtschaftung ihren Eigenbedarf an Gemüse, Obst und Fleisch decken und mit dem Verkauf von Überschüssen zu Bargeld kommen.

Den meisten GrazerInnen sind diese Siedlungen und deren ursprüngliche Bedeutung unbekannt. In Stadt- und Architekturführern wie beispielsweise „Österreichische Architektur, Ausgabe Steiermark“ von Friedrich Achleitner, werden sie leider nicht erwähnt. Julia Polt, die sich in ihrem Buch „Die Grazer Stadtrandsiedlungen der Randsiedlungsaktionen 1932-1937“ (Grazer Universitätsverlag) mit der komplexen Entstehungsgeschichte und der sozialpolitischen Bedeutung der Stadtrandsiedlungen beschäftigt, spricht in diesem Zusammenhang von „großen Lücken im kollektiven, kulturellen Gedächtnis, die fast mit einem allgemeinen Vergessen gleichzusetzen sind“.

Grazer Stadtrandsiedlungen heute

(Abb. 6, 7)

Die meisten der damals errichteten Häuser stehen noch, wenngleich mittlerweile renoviert oder umgebaut. Das ursprüngliche einheitliche Erscheinungsbild fiel dem Wunsch nach Individualität zum Opfer. Einige Parzellen wurden zusammengelegt, Randparzellen geteilt. So entstanden im Gegensatz zum ursprünglichen Charakter zu große Haustypen, die wie Fremdkörper erscheinen (Abb. 8, 10-14). Manche Häuser bestehen noch im ursprünglichen Zustand oder wurden behutsam und geringfügig erweitert (Abb. 15, 16, 17). Ein zusammengelegtes Doppelhaus etwa wurde einfühlsam nach Plänen des Architekturbüros Innocad umgebaut (Abb. 18, 19). Veränderte Lebenssituationen, aber auch der Umstand, dass ursprüngliche SiedlerInnen bzw. deren Nachkommen weggezogen sind, und stattdessen ZuzüglerInnen mit anderen Wohnvorstellungen hinzukommen, wirken sich auf die Verortung in der Siedlung, auf soziale Differenzierungen und auf die Nutzungsvielfalt aus. Die Selbstversorgergärten entwickelten sich oftmals zu reinen Ziergärten, auch wenn bei vielen BewohnerInnen noch die Erinnerung an die Nutzgärten mit Kleintierhaltung lebendig ist (Abb. 20, 21). Krähende Hähne werden heute eher als Belästigung empfunden und ein Gemüsegarten lässt womöglich auf geringes Einkommen schließen.

Das Projekt kunstGarten in der Payer-Weyprecht-Straße verbindet Ziergarten mit Nutzgarten und bietet niederschwellige Kunstvermittlung über Gartenkunst. Hält man sich dort auf, schätzt man die hohe Qualität des zusammenhängenden Grünraumes, der sich durch die Rücken an Rücken liegenden Parzellen ergibt. (Abb. 22, 23, 24)

Fehlende Bebauungspläne

In der Grazer Stadtplanung existiert für keine der Stadtrandsiedlungsgebiete ein Bebauungsplan. Bei der sehr geschlossen wirkenden Siedlung im Bereich Amselgasse /Adalbert-Stifter-Gasse geht das Bemühen des Stadtplanungsamtes in die Richtung „solche erkennbaren Typen mit Bebauungsplänen entsprechend abzudecken“ (J. Polt Interview mit Heinz Rosmann). Das Charakteristische der Anlage soll trotz Nachverdichtung erhalten bleiben. Vorstudien für eine Bebauungsrichtlinie wurden zwar beauftragt, eine Richtlinie aber nie beschlossen. Veränderungen und Nachverdichtung gehen munter weiter. So geht der ursprüngliche Charakter mehr und mehr verloren, Bauansuchen werden im Anlassfall beurteilt. Laut Auskunft des Stadtplanungsamtes (Quelle: J. Polt) ist das Errichten von Garagengebäuden oder Carports im hinteren Gartenbereich nicht erwünscht, dennoch entstehen solche.

Ein aktueller Anlassfall bereitet den Anrainern große Sorge: Ein Bauwerber in der Amselgasse beabsichtigt, seine Haushälfte zu einem Mehrparteienwohnhaus mit 6 Wohnungen umzubauen und 6 Carports zu errichten. Das Stadtplanungsamt bzw. die Baubehörde hat zum Schutz der Nachbarn links und rechts der schmalen Parzelle Schallschutzwände vorgeschlagen. Die Nachbarn haben Einspruch erhoben. Weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt, erhält man keine näheren Auskünfte zu diesem Fall. Lediglich, dass die Anzahl der Wohnungen und Carports reduziert werden müsse.

Sollten derartige Nachverdichtungen Schule machen, ist zu befürchten, dass der Charakter der Gesamtanlage für immer zerstört wird, zumal diese aufgrund der höheren Dichte auch für Bauträger interessant werden könnte, die dann möglicherweise mehrere Parzellen zusammenlegen. In den Anfangsjahren der Siedlung war man bei Erweiterungsplänen noch mit sehr rigiden Vorschriften konfrontiert, die dem Erhalt der einheitlichen Stilrichtung und des Erscheinungsbildes dienen sollten. So konnte es schon vorkommen, dass nachträglich errichtete Gartenhütten abgerissen werden mussten oder Veranda-Anbauten nicht bewilligt wurden. Baukultur und der Erhalt des Gebietscharakters scheinen hingegen heute kein Thema mehr zu sein. (Abb. 9, 9a)

Es geht nicht darum, für Einfamilienhausgebiete niedriger Dichte eine Lanze zu brechen, sondern darum, das kollektive, baukulturelle Gedächtnis für bedeutende historische Siedlungen zu schärfen. Die von bedeutenden Grazer Architekten erstellten Konzepte sind als urbanistisch und auch wohnungspolitisch wertvolle Beispielfälle zu erhalten und in entsprechend respektvoller Art weiterzuentwickeln. Zudem wäre es mehr als bedauerlich, würde man die letzten erhaltenen Bauten des Architekten Eugen Székely nur mehr in Ausstellungen und vereinzelten Dokumentationen betrachten können. Graz ist als Kulturhaupt- und Weltkulturerbestadt für qualitätvolle Baukultur verantwortlich.

BIOGRAFIE Eugen Székely

1894 geboren in Budapest, 1962 gestorben in Haifa

Eugen Székely war jüdischer Architekt, studierte an der Technischen Hochschule in Graz und bei Hans Poelzig in Berlin, war in der Zwischenkriegszeit in der Steiermark nicht nur einer der konsequentesten Vertreter des Neuen Bauens, sondern gehörte auch zu den anerkanntesten Architekten des Landes. Er war Vizepräsident der Sezession Graz und wurde 1927 mit dem Staatspreis ausgezeichnet. Nach seinen Plänen wurden um 1930 das Margarethenbad in Graz und das Freibad in Pernegg sowie das Arbeitsamt Graz errichtet. Vergleichbar nur mit den Arbeiten Herbert Eichholzers, schließen seine Projekte eng an die internationale Entwicklung an und interpretieren diese den lokalen Gegebenheiten entsprechend neu. Eine seiner letzten Planungen war eine Siedlung für Arbeitslose und Kurzarbeiter am nördlichen Stadtrand von Graz.

Wegen der diktatorischen Verhältnisse und der antisemitischen Stimmung in Österreich entschloss sich Székely 1935 zur Emigration nach Palästina, wo er nach dem Krieg große Bauvorhaben, darunter eine Fabrik und Wohnsiedlungen für Arbeiter plante. Dass sein innovatives und feinfühliges Werk heute in Österreich fast unbekannt ist, lässt sich einerseits durch seine frühe Emigration, andererseits wohl auch dadurch erklären, dass hier kaum etwas von seinen Bauten erhalten ist. (Quelle Ausstellung „ Moderne in dunkler Zeit“, Neue Galerie 2001, Webseite der Ausstellung)

Verfasser/in:
Elisabeth Lechner, Kommentar
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Abb. 1: Lageplan, mit den bebauten Randsiedlungsgebiete in Graz-Gries und Graz-Wetztelsdorf.
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Abb. 2: Lageplan mit Stadtrandsiedlung im Bezirk Graz-Gries, zentral die Siedlung im Bereich Amselgasse.
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Abb. 3: Doppelhaus Amselgasse im Jahr 1935
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Abb. 4: Original-Einreichplan (Ansichten) für Doppelhäuser in der Amselgasse von 1933. Bauwerber: Gemeinnützige Bau- und Siedlungsgenossenschaft Graz, Planer: Architekt Eugen Szekely
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Abb. 5: Originalplan Grundriss Doppelhaus. Raumangebot pro Haushälfte: EG Wohnküche 15,75 m² ,Zimmer 13,5 m², WC, Kleintierstall. OG: 2 Kammern mit ca. 9-10 m². Keller: die Hälfte des Hauses war unterkellert. (Abb. 1-5 aus: Julia Polt „Die Grazer Stadtran
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Abb. 6: Amselgasse im Februar 2009, mit Blick nach Süden
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Abb. 7: Payer-Weyprecht-Straße mit Blick nach Norden
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Abb. 8: Zu/Umbau einer Haushälfte in der Amselgasse
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Abb. 9: Nachverdichtungen dieser Art, als Anlassfälle behördlich beurteilt, zerstören sukzessiv das Siedlungsbild.
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Abb. 10: die Art des Zu-/Umbaus des Doppelhauses lässt auf Zusammenlegung der Hälften und einen Besitzer schließen.
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Abb. 11: Beispiel für spätere Parzellenteilung mit Neubau in der Weissenhofgasse
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Abb. 12: Einzelhaus in der Amselgasse mit gewerblicher Nutzung. Im ehemaligen Vorgarten befinden sich nun Autostellplätze.
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Abb. 13: Nahezu ursprünglicher Zustand eines Doppelhauses in der Amselgasse
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Abb. 14: Blick von der Payer-Weyprecht-Straße in die Gärten mit Nebengebäuden
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Abb. 15: Doppelhaus Amselgasse respektvoll erweitert. Wo früher der Kleintierstall war, befindet sich ein kleiner Wohnraum mit Zugang auf die Terrasse. Die ursprüngliche Veranda wurde bis zur Straßenhauptfassade vorgezogen und zum Eingangsbereich mit zeit
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Abb. 16: Blick vom Eingangsbereich in den Garten Richtung Westen
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Abb. 17: Blick von der westlichen Grundstücksgrenze zum Haus. Hier spürt man den schmalen, aber sehr tiefen Parzellenzuschnitt.
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Abb. 18: Ein zusammengelegtes Doppelhaus, umgebaut vom Architekturbüro Innocad, Graz.
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Abb. 19: Die Planung von Innocad zeigt, wie man es machen könnte.
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Abb. 20: die ursprünglichen Selbstversorgergärten haben sich in reine Ziergärten verwandelt.
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Abb. 21: Manche erinnern sich noch an die Kleintierhaltung und die Selbstversorgergärten, die angebauten ursprünglichen Kleintierställe sind hier noch erahnbar, wenn auch umfunktioniert.
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Abb22 der kunstGarten in der Payer-Weyprecht-Straße
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Abb. 23: der kunstGarten als gelungenes Beispiel einer Synthese aus Zier- und Nutzgarten. Zwischen vielfältigen Zierpflanzen stehen Obstbäume, wachsen Paradeiser und Salate. Hier wird der große Grünraum spürbar.
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Fotos : E. Lechner
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Fotos 6-24: Elisabeth Lechner

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