Abgeflachte Straßenkanten, laut tickende Ampeln und automatische Türen: Dank engagierter Einzelkämpfer für eine barrierefreie Stadt kommen immer wieder Steine ins Rollen. Trotzdem heißt es für behinderte Menschen noch zu oft: Betreten sinnlos.
Punkt zwölf Uhr mittags im Restaurant des Grazer Kunsthauses: Geschirr und Besteck klappern, Fahrstuhlmusik plätschert, und die unterschiedlichsten Düfte strömen aus der Küche. Wolfgang Temmel kommt vom Eingang um die Ecke und setzt sich an den Tisch direkt am Fenster: "Ich treffe mich am liebsten hier: Es ist gemütlich, und mit dem Rollstuhl kommt man überall hin, die WCs sind groß genug und seit Neuestem gibt es auch einen automatischen Türöffner." Wolfgang Temmel ist Künstler und fährt im Rollstuhl, das Grazer Kunsthaus ist ein Musterbeispiel für das, was man "barrierefrei" nennt: Eingänge, WCs und Höhe der Tische sind rollstuhlgerecht, für Menschen, die nicht gut sehen, gibt es Rillen und Leitlinien am Gehsteig. Und für diejenigen, die mit ihren Hörgeräten die Musik noch besser hören wollen, ist es mit einer speziellen Höranlage ausgestattet – ohne dass das denjenigen, die davon nicht Gebrauch machen müssen, besonders auffallen würde.
Doch ein solcher Komfort für körperlich eingeschränkte Menschen ist in Graz nach wie vor eine Rarität. Und das, obwohl es schon seit 2006 ein Gesetz gibt, das vorschreibt, dass alle neu errichteten Gebäude - und bis 2016 alle Einrichtungen des öffentlichen Lebens - barrierefrei zugänglich sein müssen. Allerdings gibt es bis 2016 offen gelassene Hintertüren, die Umsetzung dieses Gesetzes hängt daher an Einzelkämpfern, die selbst laut und stark auf ihre Rechte hinweisen müssen. Das kann allerdings dazu führen, dass man dabei zum Beispiel als Rollstuhlfahrerin die Bedürfnisse blinder Menschen übersieht - oder am Ende auch ganz alleine als Verliererin gegen den Gesetzesdschungel dasteht.
Temmel selbst kann ein Lied davon singen: Er hat einen 25 Jahre dauernden Kampf um eine Rampe hinter sich, die er 1981 bei Nacht und Nebel beim Grazer Künstlerhaus aufstellte. 1982 erhielt er für ebendiese den Landeskunstpreis, 1983 wurde sie unter Kulturlandesrat Kurt Jungwirth wieder abmontiert - und ein barrierefreier Eingang an der Hinterseite des Gebäudes errichtet. Temmels Rampe blieb beim Land Steiermark. "Das ist das kafkaeskeste Kunstwerk, das es gibt", meint Temmel. 2003 wollte er die Rampe für sein Projekt "sinnlos" – ein Künstlerkollektiv setzte sich kreativ mit Barrieren im Alltag auseinander - wieder ausgraben. Aber das Land rückte sie nicht
heraus. "Sie haben sich nicht entschuldigen können, dass sie sie eigentlich verschludert haben", meint Temmel. Für ihn begann ein Spießrutenlauf durch Behörden samt Verfahren: Temmel wollte entweder seine Rampe oder eine Entschädigung. Schließlich - 25 Jahre, nachdem er sie aufgestellt hatte - wurde Temmel das Besitzrecht aberkannt. "Ich habe 19.000 Euro Anwaltskosten für den Nichtbesitz meiner Rampe gezahlt - das ist diese perfide österreichische Bürokratie", ärgert sich Temmel.
Temmels Kampf um einen für alle Menschen zugänglichen öffentlichen Raum hörte allerdings nicht bei der Rampe auf, sondern ging Anfang dieses Jahres bei neu gebauten Stufen am Grazer Joanneumring weiter: Im Jänner eröffnete hier die Firma Wein&Co eine Filiale – stylisch und hip, aber zwei Eingangsstufen und das "Mini-WC" im Keller trennen die Menschen in rollend und gehend. Temmel: "Für mich ist das eine Art faschistoider Architektur, die unsozial und unbenützbar ist." Temmel brachte den Fall vor den Gleichbehandlungsausschuss des Sozialministeriums. Temmel betont, das Gespräch mit Wein&Co sei konstruktiv gewesen, man werde sich Anfang Mai zu weiteren Gesprächen treffen. "Mein Ziel ist, dass hier eine Rampe gebaut und Barrierefreiheit als Geschäftsphilosophie übernommen wird", sagt er. "Ob Blindverkostungen oder Brailleschrift auf den Etiketten - es könnte so simpel sein."
"Wir ärgern uns, dass es überhaupt dazu gekommen ist, dass wir keine Rampe beim Eingang unseres Geschäfts haben", sagt Gerald Hiebler von Wein&Co. "Natürlich lernen wir für das nächste Mal, wir waren diesmal noch nicht sensibel genug, aber wir sind keine Bauspezialisten - wir haben uns ganz in die Hände des Architekten gegeben und ihm vertraut", sagt er. Der Hund liegt für Hiebler aber woanders begraben: "Der Gesetzgeber sollte sich etwas überlegen, man sollte ohne Barrierefreiheit keine Genehmigung von der Baubehörde bekommen, dann wäre auch unsere neue Filiale ganz normal für alle zugänglich." Auch Temmel sagt: "Das ist die Crux an Österreich - dieses Land ist Weltmeister in der Unfähigkeit, Gesetze zu formulieren."
De facto kann die Baubehörde auch ohne Barrierefreiheit grünes Licht geben. Einzelpersonen, die sich durch die Barrieren eines bereits errichteten neuen Gebäudes diskriminiert fühlen, können ein Schlichtungsverfahren beantragen. Eine Klage ist bis 2010 nur möglich, wenn der Umbau nicht mehr als tausend Euro kosten würde. Derzeit ist nur eine Entschädigungszahlung vorgesehen. "Mit einer Kiste Wein gebe ich mich aber nicht zufrieden", meint Temmel.
Für den Fall Wein&Co in Graz heißt das Ergebnis des Schlichtungsverfahrens konkret: Eine Glocke wird angebracht. Wer im Rollstuhl in die Filiale kommen möchte, muss anläuten, das WC bleibt weiterhin zu klein und im Keller. "Das ist sicher nur eine Kompromisslösung", versucht Hiebler zu besänftigen. "Eine Glocke will ich nicht, ich will unabhängig und dann in ein Geschäft gehen können, wann ich will", erklärt Temmel, "aber da bin ich anscheinend machtlos".
Sebastian Ruppe kennt die Situation Temmels gut. Er werde "so bald wie möglich ein Schlichtungsverfahren gegen die Bauordnung einbringen. Denn davon fühle ich mich eigentlich diskriminiert", sagt Ruppe. "Es ist einfach widersprüchlich, wenn man etwas bauen darf, das der gesetzlich verankerten Gleichstellungsidee nicht enstpricht." Ähnlich wie Temmel ist auch Ruppe einer der Grazer Einzelkämpfer für Barrierefreiheit. Seit einem Unfall 1991 ist der Germanist und
Romanist Rollstuhlfahrer und kämpft unter anderem für eine barrierefreie Diagonale. "Ab diesem Jahr ist der erste Schritt dieses Ziels erreicht", erzählt der 41-Jährige. Alle Kinos, die dieses Jahr Filme des Festivals zeigen, sind mit dem Rollstuhl zugänglich und haben behindertengerechte WC-Anlagen. Barrierefreiheit sei kein "Exklusivthema für zwei bis drei Rollstuhlfahrer", sondern "für jeden Kinderwagen, jeden Gipsfuß und die meisten alten Menschen - das ist Design for all", ist Ruppe überzeugt. Daher denkt er auch über den Rollstuhl hinaus. Er wünscht sich "zum Beispiel Audiodeskription - also Kino für Blinde - und Induktionsschleifen für den besseren und rauschfreien Empfang des Kinosounds für Menschen mit Hörgeräten".
Glaubt man dem Geschäftsführer der Diagonale, Oliver Testor, soll es nicht beim Wünschen bleiben: "Wir arbeiten an Induktionsschleifen, an Audiodeskription und Brillen, durch die man Untertitel zum Film lesen kann", versichert er. "Es geht uns um eine grundsätzliche Geisteshaltung, eine Grundstimmung - und ich hoffe sehr, dass das Angebot auch angenommen wird", sagt Testor. Allerdings: "Auf hundertprozentigen Abschluss des Projekts, Barrierefrei' müssen wir noch warten - auf die Technik, die Umsetzung und die Standards bei den Filmen selbst."
Zwei, die auch am Umbau der Grazer Diagonale-Kinos beteiligt waren und im Referat für Barrierefreies Bauen der Stadt Graz arbeiten, sind Constanze Koch-Schmuckerschlag und ihr rollstuhlfahrender Kollege Oskar Kalamidas. Die beiden bieten unter anderem Selbsterfahrungskurse an, bei denen "Hatscherte" und Sehende Einblick in ein Graz bekommen sollen, das, aus dem Rollstuhl oder mit Spezialbrille betrachtet, plötzlich zu einem Hindernis-Parcours mutiert. Ein Abenteuer, wenn ein sehender Mensch Spezialbrillen, die unterschiedlichste Sehbehinderungen imitieren, aufsetzt und dann versucht, eine Straße in der Grazer Innenstadt zu überqueren. Dafür ist der Blick danach geschärft: Erst jetzt fallen die heimlichen Tücken und versteckten Helferleins im Alltag sehbehinderter Menschen auf. Ein solches Detail ist beispielsweise das "Grazer T": Bodenrillenmarkierungen, die an ein T erinnern, weisen den Weg von Ampel zu Ampel quer durch die Grazer Innenstadt. Die wenigsten wissen aber, was diese "komischen weißen Linien da am Boden" sind, und so "passiert es oft, dass Menschen ihre Fahrräder auf diesen so genannten taktilen Leitlinien parken", wie Koch-Schmuckerschlag erzählt. Vor allem am Hauptplatz an der Ecke von Sackstraße, Sporgasse und Murgasse kann man das beobachten, aber auch direkt vor dem Kunsthaus - wo "sinnvollerweise" der Fahrradabstellplatz über die Leitlinien gestellt wurde.
"Barrierefreiheit hat immer eine enorme Bandbreite", erzählt Kalamidas. "Manchmal sind Maßnahmen für Rollstuhlfahrer für Blinde behindernd", führt seine Kollegin Koch-Schmuckerschlag aus: Denn wären alle Gehsteigkanten abgeflacht, könnten Menschen mit Sehbehinderung nicht mehr erkennen, wo die Straße anfängt. Sie sieht ihre Aufgabe auch darin, bei viel Engagement von Einzelpersonen an alle anderen mitzudenken: "Auch die Kinderfreundlichkeit oder Sprachbarrieren darf man zum Beispiel nicht vergessen."
Für die Barrierefrei-Lobby ist Anne Marie Wicher eine zentrale Figur: Die VP-Landtagsabgeordnete ist seit 1969 Rollstuhlfahrerin. "Damals hat es überhaupt nichts in diesem Bereich gegeben", erzählt sie. Wicher, die diese Woche ihren 74. Geburtstag feiert, ist bekennende Demonstrantin für Barrierefreiheit: "Nach wie vor stelle ich mich vor Geschäfte, in die ich nicht hinein kann, demonstriere und weise die Menschen um mich herum auf diesen Missstand hin", sagt sie. Besonders der Fall Wein&Co sei für sie "befremdlich". "Das alte Geschäft, das davor dort war, war ja barrierefrei." "Im Landtag ist es eigentlich nicht schwer, Mehrheiten für Barrierefreiheit zu finden", erzählt sie. Aber: "Es scheitert oft an der Machbarkeit, man muss geduldig sein und oft kräftig nachhaken. Und der Denkmalschutz ist manchmal nicht nur eine Bremse, sondern einfach eine Ausrede."
Am Stadtrand hat man weniger Probleme mit dem Denkmalschutz. Aber nicht nur deswegen gilt Andritz als der rollstuhlfreundlichste Bezirk in Graz. "Hier wohnen sehr viele Rollstuhlfahrer, wir sind vernetzt und haben einen guten Draht zum Bezirksvorsteher", erzählt Edi Schmeisser, der sich in der Arbeitsgruppe "Barrierefreies Andritz" engagiert. Seit einem Verkehrsunfall ist er von der Brustwirbelsäule abwärts gelähmt - der Rollstuhl ist seither nicht nur sein Fortbewegungsmittel, sondern auch ein Sportgerät. Schmeisser ist seit 1993 Rollstuhlrugby-Spieler, trainiert sechs Mal in der Woche und träumt von einem Olympiasieg. Er ist ein Einzelkämpfer mit starkem Teamgedanken - das zeigt sich nicht nur im Sport und seinem Engagement in Andritz, sondern auch bei seiner Arbeit als Animator in der Rehabilitationsklinik Tobelbad. "Mein Ziel ist, dass alle die Möglichkeit haben, ihr Potenzial voll auszuschöpfen."
Der Falter Steiermark erscheint wöchentlich, jeweils am Mittwoch.
- Verfasser/in:
- Flora Eder; der Artikel ist im Falter Stmk. Nr. 12/08 erschienen
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