Glasgow hat es 1999 vorgemacht, Graz soll es auch werden: Architekturhauptstadt Europas. Mit dieser Idee wollte der ehemalige ÖVP-Kulturstadtrat Christian Buchmann die Murmetropole nach dem Kulturhauptstadtjahr neu als Kulturstandort positionieren. Sein Parteikollege und Nachfolger Werner Miedl steht dem Projekt, das unter dem Titel projekt A_Graz Architektur ein Jahr lang zum Thema machen und 2008 realisiert werden soll, reserviert gegenüber. Seit letztem Herbst lässt er sich Zeit konkrete Schritte einzuleiten. Allerdings: „Ohne Leute, die sich mit einer Sache identifizieren, geht gar nichts“, weiß ein anderer, der von 1985 bis 2001 Kulturstadtrat war: Helmut Strobl, Vorgänger Buchmanns und Macher von Graz 2003. Der Falter traf ihn zum Gespräch.
Falter: Herr Strobl, Graz kommt in Sachen Architekturhauptstadt nicht vom Fleck. Warum spielt die ehemalige Kulturhauptstadt die Karte der Kultur nicht offensiver? Bringt Kultur doch nichts?
Strobl: Ich habe mich wahnsinnig geärgert, als in der Kleinen Zeitung über die Kulturhauptstadt getitelt wurde: „Außer Spesen nichts gewesen“. Nichts gewesen? Graz hat aus dem Stadtbudget 18,2 Millionen Euro für die Kulturhauptstadt ausgegeben. Dem stehen allein 32,4 Millionen Euro Mehreinnahmen durch die gestiegenen Nächtigungen im Jahr 2003 gegenüber – allerdings nicht im Budget des Herrn Finanzreferenten, sondern eben auf die ganze Stadt gerechnet. Und dann noch eine ganze Reihe an nachhaltigen Projekten, ganz zu schweigen vom ideellen Mehrwert für Graz. Wir haben international noch immer einen Riesenruf als Kulturstadt: „In Graz ist sehr viel los!“ Vielleicht sogar ein bisschen zu viel – für manche. Es kann aber nie zu viel an Kultur sein. Das gibt’s nicht.
Falter: Warum wird trotzdem nicht mehr aus dem Mehrwert von 2003 gemacht?
Strobl: Ich beobachte - nicht nur in Graz - eine Angst vor der Kreativität bei den Verantwortungsträgern. Schauen Sie sich zum Beispiel die ORF-Diskussion an. Für die Mächtigen, in diesem Fall diese Bundesregierung ist das Wichtigste nicht, ob einer schwarz denkt oder anders, sondern: dass a Rua is. „Bitte nur keine Probleme!“ Ich bin mir deshalb auch nicht so sicher, ob unser ehemaliger 2003-Intendant Wolfgang Lorenz jetzt ORF-Generaldirektor werden kann. Das wäre ja eine Chance. Wenn er es nicht wird, dann deswegen: Die Angst vor der Kreativität ist die Gefahr, oder besser: Unsere Verantwortlichen sind müde. Kreativitäts- und phantasiemüde. Auch in Graz: „2003, des woa klass, waßt eh, supa! Und jetz’ – is eigentlich guat dass’ wieder vorbei is’.“ Es ist ein bisschen diese Haltung: Sich erholen. Vielleicht hat das ja auch seinen Sinn. So wie nach dem Orgasmus erschlafft man und muss sich erholen. Bitte nicht schon wieder Kultur!
Falter: Zurück zur Architekturhauptstadt: Was könnten die Ziele sein?
Strobl: Die Welt darauf hinweisen, dass in Graz immer schon viel interessanter Architektur war? Das sagen eh viele. Mehr bauen? Ja schön, es wird eh gebaut. Qualität! Das, was bei uns oft wirklich fehlt – es wäre eine Leistung, wenn es der Architekturhauptstadt gelänge, das Qualitätsbewusstsein bei Bauträgern, bei Verantwortungsträgern und, und, und zu steigern. Zum Beispiel auch bei der Unesco. Die sagt: „Wenn dieser Dachausbau des Kaufhauses Kastner & Öhler gebaut wird, dann ist Graz nicht mehr im Weltkulturerbe!“ Die Begründung dafür ist in meinen Augen ein schlichter Irrtum. Graz hat ja den Welterbe-Titel ausdrücklich deshalb bekommen, weil hier alle Baustile prominent und qualitätvoll vertreten sind, auch die Moderne. Ja, und was ist mit heute und morgen? Darf nix mehr sein, nur mehr Satteldach? Das wäre Käseglocke und Museum!
Zwischenfrage: Wären Sie dafür, das Weltkulturerbe zugunsten einer Realisierung des Projekts von Kastner & Öhler aufzugeben?
Strobl: Ich meine, wenn die Unesco auf ihrem Irrtum hocken bleibt, dann verzichten wir doch lieber. Die Innsbrucker haben übrigens auch verzichtet, ins „Weltkulturerbe“ aufgenommen zu werden.
Falter: Auch das Kunsthaus und den von Zaha Hadid geplanten Neubau des Kommod-Hauses hat die Unesco kritisiert.
Strobl: Aber wie bitte stellt sich die Unesco das Kommod-Haus vor? Ich bin auch der Meinung, dass man über das Projekt von Hadid streiten kann, aber wollen die ein Satteldach oder was? Das Wichtigste ist: Was immer passiert, es muss Qualität haben.
Falter: Stichwort Qualität: Die Architekturhauptstadt will konkrete gesellschaftliche Problemfelder verbessern. Den Wohnbau zum Beispiel, Altenwohnungen, Immigrantenwohnungen.
Strobl: Ja! Es geht vor allem um die Inhalte: Für wen wird gebaut? Was soll zum Beispiel stattfinden im Kommod-Haus von der Hadid? Einer hat einmal gesagt: „Das wird so teuer, dass das nur ein Edel-Puff werden kann.“ Wer baut für wen? Das ist die soziale Dimension der Architektur.
Falter: Von der Stadt hört man immer wieder, dass es kein gibt Geld für ein Architekturhauptstadtjahr. Könnte man aber dadurch nicht zusätzliche Gelder lukrieren?
Strobl: Ich sage nur: Franz Morak. 600.000 Euro. Morak finanziert gerade eine Ausstellung österreichischer Architektur in Shanghai und was weiß ich wo. „Eine Duftmarke in China“, Originalzitat. 600.000 Euro. Das ist doch schon was. Her mit der Marie!
Falter: Was braucht es noch, um die Architekturhauptstadt zu machen?
Strobl: Eine hohe Identifikation der Verantwortungsträger. Sonst geht’s nicht. Kurt Flecker lässt für das Konzept was springen. Christian Buchmann hat sich stark mit der Architekturhauptstadt identifiziert, der wird als Finanz- und Wirtschaftslandesrat sicher dafür sein. Den Morak muss man erwischen, der hat offensichtlich ein Architektur-Fabel. Und in Graz? Gerhard Rüsch, den ich persönlich sehr schätze, muss hier noch mehr Punch entwickeln. Der Sigi Nagl ist voll mit anderen Problemen – Homosexuelle, Türken, Bettler und was weiß ich was. Wen haben wir noch? Der Riedler ist sehr kultur-affin, will die Architekturhauptstadt aber komischerweise nicht machen.
Falter: Rechnet sie sich vielleicht nicht?
Strobl: Der red’ halt heut einmal so. Vielleicht redet er nach der nächsten Gemeinderatswahl – Jänner 2008 - anders. 2008 ist wahrscheinlich kein guter Termin für die Architekturhauptstadt.
Der Falter Steiermark erscheint wöchentlich, jeweils am Mittwoch.
- Verfasser/in:
- Franz Niegelhell, Fabian Wallmüller, Interview; erschienen im Falter Stmk. 33/06
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