Der Stadtspaziergang ALLTAG „The Good, the Bad and the Usual City“, am 13.10.2007, war einer von insgesamt sechs Walks im Rahmen der Veranstaltung „Nahe genug – Walking Conference“.
Nahe genug?
Zum Auftakt, der von Florian Malzacher und Gesa Zeimer kuratierten Veranstaltung, diskutierten der Soziologe Hartmut Rosa und die Philosophin Ruth Sonderegger über die Frage nach Nähe und Distanz in Zeiten von sich schnell wandelnden Arbeits- und Lebenswelten, hoher Mobilität und Beschleunigung. „Nah und Fern sind räumliche ebenso wie soziale Begriffe, aber auch Relevanzkategorien.“, so Rosa, “Etwas geht mir nah bedeutet, es ist mir wichtig. Etwas ist mir fern bedeutet, es ist mir nicht wichtig“. Gleichzeitig aber können Menschen, die gerade irgendwo im Ausland leben, uns also räumlich fern sind, aber emotional ´nahe´stehen.
Im Anschluss an das Podiumsgespräch traf man sich in kleinen Gruppen zu den unterschiedlich gewichteten Walks zu den Themen Liebe, Sex, Fremde/Nähe, Szene, Alltag oder Kredit.
Der von den ArchitektInnen Markus Bogensberger und Gabu Heindl kuratierte Walk ALLTAG „The Good, The Bad and The Usual City“ war zugleich der Abschluss der zweijährigen Veranstaltungsreihe Position ALLTAG des HDA. Der Walk wurde begleitet von Eyal Weizman, Architekturprofessor am Goldsmith College in London, und dem rumänischen Architekten Alex Axinte, der in seinem Buch „Graz – The Usual City“ den Ge- und Missbrauch alltäglicher Stadtarchitektur untersucht.
Das Schlendern entlang einer Abfolge von besonderen und gewöhnlichen Grazer Orten lud zum gezielten Hinschauen ein, ließ an Orten innehalten, von denen der Grazer zwar weiß, an denen er möglicherweise sogar täglich vorbeigeht, und die er aber dennoch vielleicht noch nie besucht hat. Das bleibt eher den interessierten Touristen überlassen. Oder wie viele Grazer waren tatsächlich schon einmal im Zeughaus?
Inmitten des riesigen Waffenarsenals eröffnete Eyal Weizmann die Diskussion, inwieweit Waffentechnologie politische, soziologische oder ökonomische Entwicklungen bis heute bestimmt. Sein Buch „Hollow Land“ (das am selben Abend im Haus der Architektur vorgestellt wurde) beschäftigt sich unter anderem damit, wie urbanistische Theorien über immersive Bewegung durch die Stadt sogar für Mikro-Taktiken der Israelischen Armee adaptiert werden. Dabei arbeiten sich kleine Gruppen von Soldaten nach dem Prinzip „Durch die Wände gehen“ durch palästinensische Siedlungen, indem sie Löcher in Wände von (bewohnten!) Häusern schlagen und die Stadt wie Würmer durchbohren.
Welch ein Kontrast zu der Ausstellung „Hier ist es schön“ im Grazer Stadtmuseum, die anhand von Ansichtskarten den Blick für die veränderte Wahrnehmung der Stadt Graz im Laufe der Jahrhunderte schärft. Diese kleinformatigen Bilder sollen dem Betrachter, vor Ort oder zu Hause, mitteilen, wie sehenswert der bereiste Ort ist, wie aufregend und verweilenswert. Spannend ist die veränderte Motivwahl im Laufe der Zeit. So ist der Uhrturm seit jeher ungeschlagen, während andere Orte oder Objekte kurz aktuell waren und dann verschwanden, darunter das Arbeitsamt, die Arbeiterkammer oder der Andreas Hofer Platz.
Weder als Einheimischer noch als Tourist erlebte Alex Axinte Graz während eines dreimonatigen Stipendiums vor einem Jahr. Am Andreas Hofer Platz hatte er ganz unvermittelt ein „Heimatgefühl“, beschreibt er seine Eindrücke von damals. Ähnliche nichtspezifische Orte, wie dieser Transitplatz, mit einer Dichte an unterschiedlichen Nutzungen bzw. raschen Nutzungsänderungen findet man auch in vielen rumänischen Städten. Das liegt laut Axinte weniger am Ort an sich, sondern an den vorgefundenen Objekten wie beispielsweise dem Beleuchtungsmast, einem Instrument der Sicherheit, das wie ein Denkmal daher kommt. In seinem Buch „Graz - The Usual City“ monumentalisiert er diesen und andere ´gewöhnliche´ Grazer Orte. Viele seiner Motive, so Axinte, seien heute, ein Jahr nach seinem Aufenthalt, bereits zerstört. Das zeigt, wie kraftvoll und mächtig diese Orte des Gewöhnlichen hinsichtlich der Veränderung des „Bildes der Stadt“ in Wahrheit sind. Auch wenn sie es nicht, wie Uhrturm oder Kunsthaus, auf die Vorderseite einer Postkarte schaffen.
- Verfasser/in:
- Anke Strittmatter, Bericht
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