"Hat noch jemand keinen Architekturführer?" ...

... fragt Hans Fraeulin, ehemaliger Kinderbeauftragter der Stadt Graz, nach Überprüfung der Praxistauglichkeit der neuen Publikation ARCHITEKTUR_GRAZ.

09/02/2009

... fragt Hans Fraeulin, ehemaliger Kinderbeauftragter der Stadt Graz, nach Überprüfung der Praxistauglichkeit der neuen Publikation ARCHITEKTUR_GRAZ.

Mich Nörgler zu fragen, ob der neue Grazer Architekturführer tauglich sei, riskieren alle Lateiner vom Häuslbauer bis zum Sargtischler, mich eingeschlossen, ihren guten Ruf. Als alter Kinderbeauftragter und frischer Mitgründer eines Bündnis Recht auf Spiel frage ich mich bereits beim Daumenkino. Wo kann ich da spielen? Das Buch ist menschenleer – fast. Beim neuen Jacky im Stil von vorher – nachher. Hätte ich nicht früher viele der abgebildeten Orte auf Spieltauglichkeit getestet, in einem war sogar mein Büro, wo ich mich nach Herzenslust als 3. Bezirksvorsteher austoben durfte, müsste ich sagen, wo keine Security und missmutigen Erwachsenen zu sehen sind, kannst du überall spielen. Als Intendant der Molwanischen Staatsoper fiel mir sogleich unser Reiseführer ein. Dort heißt es über das schönste Gebäude der Hauptstadt: „Was dem Ritz an südosteuropäischem Charme fehlen mag, macht es durch Beton wieder wett.“ Solche Vergleiche fehlen gottlob. Über südosteuropäischen Charme lässt sich streiten. Das Buch ist ein Muss, denke ich spät nachts an der Theke im Eckhaus neben einem bezaubernden Erstsemester Architektur, 20, blond, weiblich. Ach, dafür ist noch Zeit, lacht sie. Weiß sie denn nicht, dass wenigstens zwei Schulgründungen vom Zeichensaal gegenüber ausgingen? Welche Schulen? Die Waldorfschule und – Waldorfschule war ich. Und nicht nur das, sondern sogar mit meinem Nachwuchs in derselben Klasse. Wir lachten. Nicht lange. Die beiden Waldorfschulen kommen nicht vor. Zu wenig Lineal und zu viel Goethe wird es hoffentlich nicht sein, vielleicht nur das Versehen, dass mit altem Baubestand angefangen wurde und das Neue unauffällig hinzu wuchs und beim Architekturführermachen nicht auffiel. Inzwischen weiß ich „hinsichtlich zeitgenössischer Schularchitektur nicht beispielgebend“. Hastig das Kindermuseum nachgeschlagen. Jipeeh, kommt vor, leer und auch keine Kinder in der Auslage, was ja nun das Letzte wäre. Die angeblich ökologischen Kriterien bei den Interieurs sind nicht so erheblich – eher, dass das Hochbauamt unser Ansinnen vereitelte, auch Heizung und Licht für die Kinder hands-on zu machen. Architektur ist humorfreie Zone, Kismet, Bubble & Needle als große Ausnahme, made in Britain – und der Schatten auf A01. Ach, der ist Kunst und längst weg. Die durchwegs strenge Komposition der Linien erschließt sich erst in der Zweidimensionalität der Bildgebung auf gestrichenem Papier, was dieses handliche Nachschlagewerk für den Rucksack im Regen schrumpeln, vielleicht sogar verkleben lässt. Sorgfältig aufbewahren wie den Beipackzettel für das Antidepressivum! Auch das ist das Buch. Freude über das, was in dieser Stadt gebaut wurde und diese Stadt prägt wie Gaudi oder Plecnik, diesfalls in Compagnie-Stärke, kraftvolle Mehrheit mit gemeinsamer Handschrift. Goethe, zisch ab! Ob der Führer taugt, ist damit noch nicht geklärt. Lassen wir die Untoten und Molwanien weg, taugt er außerordentlich. Wenn wir „Form follows function“ folgen wollen, müssen wir die Bauten aufsuchen, kommen zwar nicht zur Karl-Schubert-Schule, aber sonst überall und dank der intelligenten und wahrhaft anschaulichen Übersicht schnell wohin. Nur ein GPS kann uns jetzt noch in die Irre führen. Ohne Haus und Dach zu verlassen, stellen wir zu ewiger Schande der Gemeinde fest, dass in den letzten Jahrzehnten nur eine Pflichtschule gebaut wurde, und das auch nur ein Zubau. Da kommt der Ärger, mir zu Fleiß die Volksschule auf der Ries sogar geschlossen zu haben, wieder hoch. Home made statistics fördern zutage, dass wenig Bogen berechnet werden mussten. Angeblich werden es mehr. Anhand des Grazer Architekturführers lässt sich nun trefflich streiten, ob die Architektur mehr mit arcus (Bogen) oder mehr mit arcea (Kiste) zu tun habe. Das ist die alte immer neue Frage. Die Rede sei eröffnet. Hat noch jemand keinen Architekturführer?

ARCHITEKTUR_GRAZ

Positionen im Stadtraum mit Schwerpunkt ab 1990

Herausgegeben von

Michael Szyszkowitz, Renate Ilsinger und Haus der Architektur Graz

HDA Dez 2008 (3. aktualisierte, erweiterte Auflage mit neuen Projekten)

zahlreiche Farb- und sw-Abbildungen, Karten und Pläne

deutsch: ISBN 978-3-901174-66-7, englisch: ISBN 978-3-901174-67-4

€ 27,50, Format: 12x16 cm, fadengeheftete Broschur mit PVC-EinbandHANS FRAEULIN ist Diplom-Volkswirt mit Studienpraxis in der Stadt- und Regionalplanung, Journalist. Regiestudium, Theaterleiter, Inszenierungen eigener Stücke, fünf Jahre Kinderbeauftragter der Stadt Graz, lehrt heute an einem Ausbildungszentrum für Sozialberufe Theater und Medien.

Verfasser/in:
Hans Fraeulin, Buchrezension
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Cover, englische Fassung
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Cover, deutsche Fassung

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