Die Biennale von Venedig 2005 endet am kommenden Sonntag, den 6.11.2005. Der Künstler Hans Schabus vertritt Österreich mit dem Projekt "Das letzte Land" - ein begehbarer Berg über den Österreichischen Pavillon. Wenzel Mracek hat ihn für GAT interviewt."Wege zur absoulten Skulptur – Biennale-Teilnehmer Hans Schabus"
(Interview vom 25. Jänner 2005)
In seinem Wiener Atelier hatte der Künstler ein tiefes Loch gegraben und den Aushub im Vorraum aufgeschichtet. Für das Secessionsprojekt Astronaut (komme gleich) (2003) gab es ein städtebauliches Konzept: Dieser Schacht, Der Schacht von Babel, wird weitergebaut bis zum Schottentor, dort wird an das städtische U-Bahn-Netz und die U2 angedockt, die direkt an der Secession vorbeifährt. Von dort gräbt man sich durch den Kanal in den Beethovenfries-Raum, von dort nach oben und dann kommt man wieder im Atelier heraus. Dieses zweite Atelier allerdings war eine 1:1 Nachbildung aus weißer Pappe, die im Ausstellungsraum der Secession aufgebaut war – transferiertes Volumen, positioniert im umgebenden Volumen des Ausstellungsraumes.
Hans Schabus, 1970 in Watschig, im Kärntner Gailtal geboren, studierte bei Bruno Gironcoli Bildhauerei und kann schon jetzt auf internationale Ausstellungstätigkeit verweisen. Was sich in den letzten Jahren immer deutlicher als Herangehensweise im Wortsinn abzeichnet ist die Einbindung und Darstellung, die Konstruktion eines Weges an den Ausstellungsort. In Verbindung mit der Recherche um die Geschichte dieses Ausstellungsortes erfolgt die Präsentationeines plastisch zu denkenden Wege- oder Stollensystems als Aneignung des Raumes gleichwohl wie die subversive Annäherung an ihn. Unter dem Titel Das Rendezvousproblem bespielte Hans Schabus im vergangenen Jahr das Kunsthaus Bregenz in einer ideellen Konstruktion einer Verlängerung des Arlbergtunnels bis an das zweite Untergeschoss des Kunsthauses. Die Bezeichnung Rendezvousproblem kennt man aus dem Tunnelbau, wenn sich zwei aus gegensätzlichen Richtungen vorangetriebene Stollen treffen sollen. Der tag der Ausstellungseröffnung war auch der 121. Jahrestag des historischen Arlbergdurchbruches. Auf dieser Basis entwickelte Schabus ein reales und fiktives Beziehungsgeflecht, das wieder von seinem Atelier in Wien ausging, sich bis Bregenz spannte und das Kunsthaus performativ durchdrang. Er füllte das erste Untergeschoss des Kunsthauses mit einem Teil des Aushubmaterials des fiktiven Stollens, den Rest kippte er virtuell über den Bahnhof Bregenz. Er versperrte den Haupteingang und führte die Besucher durch den Warenlift ins Erdgeschoss, dort trafen sie auf ein „verkehrtes, inneres Hochwasser“ in Erinnerung an jenes von 1999. Im ersten Obergeschoss ist eine Reihe von Booten in Richtung Bodensee arrangiert, darunter sein selbstgebautes Amphibienboot forlorn, mit dem er sich meist über Wasserwege den verschiedenen Ausstellungsorten nähert und mit dem er im Film Western (Kamera und Technik: Robert Schabus) durch das Wiener Kanalsystem fährt. Im zweiten Obergeschoss projizierte Schabus Filmsequenzen mit Zügen, die ein weiteres Mal die Anreise suggerieren. Im dritten Obergeschoss führte die Ausstellung in eine gleißend weiß ausgekleideten Kammer, White Cube aber auch assoziativ für den White Out – ein Effekt wie ihn Polarforscher in Extremsituationen beschreiben, als Verlust der körperlichen und psychischen Orientierung im leeren Raum. Kommissär Max Hollein hat Hans Schabus als Österreichvertreter für diesjährige Biennale in Venedig nominiert. Wenzel Mraček sprach mit Hans Schabus.
M: Gibt es Prinzipien oder Parameter, die für Ihre Arbeit ausschlaggebend sind?
Schabus: Ich sehe mich als Bildhauer, daher beschäftigt mich grundsätzlich die Plastik und Skulptur, die Form, das Material, Totalität. Infolge stellen sich mir Fragen nach künstlerischer Arbeit und künstlerischer Existenz wie die Gegenüberstellung von Atelier und Ausstellungsraum und verschiedenste Verknüpfungsszenarien. Im weitesten Sinn sind es Kreisläufe, die mich interessieren, die in einem Raum statt- und aus dem Raum hinausfinden.
Als Rezipient der Ausstellungen Astronaut in der Seccession und Das Rendezvousproblem im Kunsthaus Bregenz fallen mir zunächst die Darstellungen der Annäherung bzw. des Anreisens auf, die am Ausstellungsraum installativ behandelt werden.
Das kann man jedenfalls so sehen. In früheren Jahren noch, als es noch wenig Ausstellungstätigkeit gegeben hat, hat sich alles noch viel stärker im Atelier abgespielt. Wichtig war die Betrachtung des Ateliers und der Gebrauch als Labor, den darin angestellten räumlichen Versuchsanordnungen. Ich habe mir Fragen gestellt, wie man diesen Raum wahrnehmen, definieren, überwinden oder in Schleifen ins Absurde perpetuieren kann.
M: Am Anfang steht also ein egonzentrisches System, das sukzessiv erweitert wurde?
Schabus: Auf jeden Fall, hochgradig egonzentrisch. Ich habe es als einzige Möglichkeit verstanden, dass ich in meinem Umfeld und Bewegungskreislauf mit der Kunst beginnen muss, um schließlich irgendwohin zu gelangen, wo andere Kreisläufe wieder interessant werden. Zuerst aber musste ich meinen Raum definieren und behaupten. Zunächst gab es also hier verschiedenste Projekte, bis hin zu Ausstellungen wie in der Secession und dem Kunsthaus Bregenz, wo der institutionelle Ort oder der öffentliche bzw. Ausstellungsraum Teil dieser Ausbreitungskette geworden ist. So generieren sich verschiedene Fluchtapparaturen aus dem Atelier heraus weiter.
M: Verstehen Sie diese Bewegung aus dem Atelier als Flucht?
Schabus: Im weitesten Sinn ist alles Flucht. Wir flüchten alle vor irgendetwas, letztlich vor uns selbst. Das Atelier hat mich in meinen Arbeiten wie Zentrale (Video,2001) oder Passagier (Video,2001) nicht als auratischer Ort interessiert, sondern als Möglichkeit, mich selbst in einem mir nahen Raum zu definieren. Ich will das gar nicht Konzentration und Flucht aus der Konzentration nennen, sondern einfach als Ausweitung von Bewegungen. Zentrale beinhaltet Szenarien aus dem Horrorgenre, wobei mich interessierte, dass es im Horrorfilm meist um intime Räume geht, die plötzlich von etwas übergeordnet Bösen besetzt werden und dadurch zu einer Bedrohung werden. Ich treffe mich selbst also im Atelier als guter und böser Hans.
Als Teil der Ausstellungszenarien sieht man Sie in Filmen wie Western oder auf Fotografien wie sie in einem selbst gebauten kleinen Segelboot namens forlorn der Bootsklasse Optimist unterwegs sind.
M: Soll das die Annäherung an ein unbekanntes Ziel suggerieren?
Schabus: Ursprünglich habe ich das Boot für eine Ausstellung in New York gebaut, zu der ich eingeladen war. Ich habe mich in der Projektentwicklung gefragt, wie komme ich dorthin, was habe ich dort verloren. In Assoziation zur Immigrationsgeschichte habe ich beschlossen, ich fahre mit dem Boot hin, ich baue mir ein Boot. Ich bin dann auf den Optimisten gestoßen, der in den 50er-Jahren von einem Amerikaner konstruiert worden war. Es ist das meistgebaute Regattaboot, optimistisch für junge Segler. Ich habe dieses Boot in einen Pessimisten umgebaut: Man kann es falten, es ist mit Scheinwerfern und Rädern ausgerüstet entsprechend dem Pessimisten, der mit schlimmen Situationen rechnet. In weiterer Assoziation zu dem Hehler im Dritten Mann, mache ich mich – im Film – also auf, um durch das Kanalsystem von Wien in Richtung Amerika loszufahren und ungesehen aus dieser Stadt zu verschwinden. Allgemein interessieren mich gerichtete Strukturen wie Straßen in einer Stadt, Wegenetze, Flussläufe, Zugstrecken und im Gegensatz dazu die Richtungslosigkeit wie im offenen Meer, im Weltraum oder in einem weißen Raum. Straßen geben eine Bewegungsrichtung vor, während man in offenen Räumen auf sich selbst und seine Entscheidungsfähigkeit gestellt ist wie im obersten, weißen Raum im Kunsthaus Bregenz, wo es keinen Fokus mehr gibt und keinen Grund mehr, sich darin zu bewegen.
In den Konzepten der Annäherung an Ausstellunsgorte haben die Tunnelsysteme einen subversiven Charakter. Sie bedienen sich nicht einfach des vorhandenen Wegenetzes, sondern konstruieren eigene Wege.
Es ist die Suche nach Möglichkeiten, die ich für mich alleine behaupten kann.
M: Ist das ideelle Bild, das sich ergäbe, könnte man diese Wegenetze aus ihrer Umgebung abheben, Skulptur?
Schabus: Auf jeden Fall. Die Überlegung beim Secessionsprojekt war, einen Fluchttunnel aus meinem Atelier zu graben, das ganze Atelier mit Aushubmaterial zu füllen – das wären ca. 420 m3 – und dieses Volumen hätte ich als freien Raum in Form eines Stollens geschaffen. Ich grabe vorne weg und füge hinten das Material wieder an. Es entsteht sozusagen eine Luftsäule, die durch den Untergrund gelegt wird, um in der Secession herauszukommen. In der Secession stand dann wieder das Volumen des Ateliers in ganzer Größe, aber aus weißer Pappe nachgebaut. Es handelt sich um Verlagerung der Volumina, um analoges Beamen als inverser Astronaut, der sich freien Raum im unfreien schafft.
Wenn man sich auf Ihre Tunnel- und Raumsysteme einlässt, denkt man an Bilder wie etwa die Carcerie von Giovanni Battista Piranesi.
An Piranesi interessiert mich der totale Raum, das scheinbar unendliche Fortführen und –denken von Raumstrukturen.
M: In einer Grazer Galerie waren Sie mit einem Projekt namens Anton 3 vertreten.
Schabus: Anton 3 begann 1998 und ist Teil des großen Anton-Komplexes, der immer noch nicht abgeschlossen ist. Wir haben mein altes Auto in eine neue Existenzform überführt: Ein R4-Kombi wurde auseinandergeschnitten, aus dem hinteren Teil ein Anhänger gebaut. Wir haben dann einen Film gedreht [Kamera und Technik Robert Schabus], in dem der Anhänger von einem Taxi durch die Stadt gezogen wird, während ich im Anhänger sitze, der nun wie ein Kino funktioniert, an dem die Stadt als Bild vorüberfährt. Anton 3 nun ist ein Film, in dem ich an einem Seifenkistenrennen teilnehme. Wir haben den Vorderteil des Autos so schmal gebaut, dass er im Anhänger, dem ehemaligen Hinterteil, Platz findet, sich also selbst zum Rennen transportieren kann. Das Renngefährt ist eine Art Einmannzelle.
M: Wir kommen nicht um das Thema Biennale herum. Wie haben Sie reagiert, als Sie von ihrer Nominierung erfahren haben?
Schabus: Das war eine ziemliche Gnackwatschn.
M: Wie kommt es zur Projektentwicklung?
Schabus: Das Problem ist, dass man sich für einen solchen Anlass ein weiteres Mal freischaufeln muss. Der Pavillion ist mit sehr viel Geschichte behaftet. Dazu kommt das Wissen, dass man selbst oft Besucher war. Die Bilder sind im Kopf und die muss man los werden, um eine eigene Geschichte entwickeln zu können.
M: Entsteht für Sie ein Druck aus dem Wissen, dass etwa im Kunsthaus Bregenz vor Ihnen Olafur Eliasson, Jenny Holzer, Santiago Sierra waren, in Venedig vor zwei Jahren war es Ihr Lehrer Bruno Gironcoli?
Schabus: Nein, Druck mache ich mir nur selbst. Natürlich sieht man sich aber an, was haben die anderen mit dem Pavillion gemacht. Ich habe mich über den Ort informiert, wo und warum steht ein österreichischer Pavillon in den Giardini. Die Insel St. Elena wurde ja erst im 19. Jahrhundert aufgeschüttet, dort waren zuvor nur Sümpfe. Dazu gibt es Anknüpfungspunkte zu Wien und der Weltausstellung von 1873, als man ein kleines Venedig hier errichtete. Das Bergmassiv der Venedigergruppe spielt eine Rolle. Darüber entwickelt sich ein Netzwerk, anhand dessen man sich vortastet.
M: Ich stelle also die Frage: Wie sieht Ihr Projekt für Venedig aus?
Schabus(lacht): Ich habe natürlich eine fertige Idee, aber ich werde noch nicht darüber sprechen. Ich will jedenfalls nicht in die Verlegenheit kommen, irgend etwas in den Raum zu stellen. Piranesi wird aber eine markante Rolle spielen, der ja Venezianer war.KATALOG
Hans Schabus: „Das letzte Land / The Last Land“, Österreichischer Pavillon.
La Biennale di Venezia. Herausgegeben von Max Hollein. Mit Beiträgen von Max Hollein, Elke Krasny, Franz Xaver Baier und August Ruhs. 116 Seiten, ca. 80 Abbildungen, deutsch/englisch, grafische Gestaltung: Dorothea Brunialti, Schlebrügge.Editor.
ISBN: 3-85160-060-6, € 18,00

