Der 1929 geborene Philosoph Jürgen Habermas hat sich wie kaum ein anderer an den intellektuellen und politischen Auseinandersetzungen der Bundesrepublik Deutschland beteiligt. Ob es sich um den Protest des Studenten Habermas gegen die Neuveröffentlichung von Heideggers 1935 (!) geschriebener „Einführung in die Metaphysik“ handelt, ob es um seine Parteinahme im Positivismusstreit zwischen Adorno und Popper durch die Herausgabe von „Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ geht, um den Vorwurf des Linksfaschismus gegen Rudi Dutschke, oder die befruchtende Auseinandersetzung mit der Systemtheorie des verstorbenen Niklas Luhmanns: die meisten Arbeiten dieses wichtigsten deutschen Intellektuellen, der nun seinen 80 Geburtstag begeht, sind wohl zu umfangreich und elaboriert, um von einem im Tagesgeschäft steckenden Architekten gelesen zu werden.
Das gilt allerdings nicht für seinen schmalen Band „Die Neue Unübersichtlichkeit“, der sieben Essays mit Titeln wie „Varianten der Aufklärung“, „Nach der Wende“ oder „Klarstellungen“ versammelt. Für unseren überlasteten Architekten mit Abstand am lesenswertesten ist zweifellos der einführende Essay „Neokonservativismus“, mit seinem ersten Teil „Moderne und postmoderne Architektur“. Nicht nur, dass Jürgen Habermas in der Aufarbeitung architekturhistorischen Materials eindrucksvoll eine weit über sein eigentliches Metier hinausgehende Kompetenz und Belesenheit demonstriert. Die darin aufgeworfenen Fragen werfen, gerade wo sie ungelöst bleiben, auch ein erhellendes Licht auf die Architektur der Gegenwart.
Habermas stellt in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung „Die andere Tradition. Architektur in München von 1800 bis heute“ von der Bayrischen Rückversicherung, die Frage, ob der Niedergang der klassischen, modernen Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg entweder das wahre Gesicht der Moderne enthülle, oder ob es sich nur um Verfälschungen ihrer wahren Intentionen handle. Nach ihm stehe die Industrielle Revolution am Beginn moderner Architektur, die, gleichzeitig an ihren strukturellen Problemen gescheitert sei.
Reformer wie Ruskin zielten vor allem auf eine neue Teilhabe an der Kultur durch das Design von Alltagsgegenständen, die dem Handwerk durch Massenproduktion verloren gegangen waren. Die mit neuen Materialien und Techniken entwickelten Glaspaläste für die Weltrausstellungen oder die Bahnhöfe seien ebenso wie die mit staatlicher bewerkstelligte Umgestaltung der Städte - beispielsweise der Boulevard Haussmann in Paris - ohne großen Anteil der Architekten geschehen. Und die
durch den Historismus verfügbar gewordenen Stile hätten es erleichtert, die Baukunst von den Banalitäten des Alltags zu isolieren und zu einem Medium der Verdrängung zu machen. Die darauf folgende, eigentliche Moderne wolle sich wieder in allen Lebensäußerungen mitteilen, aber ihr Leitbegriff „Funktionalismus“ verschleiere, dass die modernen Bauten vor allem auch Ergebnis konsequent verfolgter, ästhetischer Eigengesetzlichkeiten seien. Auf der einen Seite ist Architektur also zweckgebundene Kunst, auf der anderen Seite liege sie im Bereich genuin ästhetischer Erfahrung. Habermas konstatiert daraus auch eine Überforderung gegenwärtiger, moderner Architektur, die ihre Utopie im Ganzen durchgestalteter Lebensformen nicht einlösen kann. Den Banken, Ministerien und Bürohäusern sähe man ihre Funktionszusammenhänge in aller Regel nicht mehr an, und für die Architektur des Netzes, würde man fast dreißig Jahre später sagen, fehle jedes architektonische Äquivalent. Die Ratlosigkeit zeige sich wieder in einem Auseinanderfallen von Form und Funktion: Kaufhäuser hinter mittelalterlichen Fassaden, Kunsthäuser als friendly aliens: Fluchtreaktionen, deren affirmativer Zug darin bestünde, dass alles so bleiben soll wie es ist. Dieser Kulissenarchitektur stehe eine Architektur der Erhaltung historischer Substanz oder eine „vitalistische“ Architektur ohne Architekten gegenüber, die sich an der Kommunikation der Beteiligten orientiert. Aber gerade diese „Unterkomplexität“ könne dem Monumentalismus staatlicher oder Führerarchitekturen den Weg bereiten.
Man muss Habermas nicht in allem folgen, aber die Diagnosen des Jubilars sind jedenfalls befruchtend.
Jürgen Habermas
Die neue Unübersichtlichkeit
edition suhrkamp, 1985 (Neuauflage 2006)
ISBN-10: 3518113216
ISBN-13: 978-3518113219
> > AUSSTELLUNG
Vom 18. Juni bis 8. Juli 2009 ist in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt eine Werkschau von Jürgen Habermas unter dem Titel »... die Lava des Gedankens im Fluss« zu sehen.
Deutsche Nationalbibliothek
Adickesallee 1, 60322 Frankfurt am Main
- Verfasser/in:
- Wilhelm Hengstler, Empfehlung
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