Graz, im Jahr Drei nach der Kulturhauptstadt: Wie soll es weitergehen in der Murmetropole angesichts leerer Kassen und einem nach dem Hype von 2003 einigermaßen ramponierten Selbstverständnis? Diese Debatte scheint mittlerweile quer durch alle Interessensgruppen der Stadt zu gehen. Eindruckvolles Beispiel ist „graz innovativ“, eine Initiative, die am vergangenen Montag im Grazer Kunsthaus Strategien einer Neupositionierung von Graz vor Vertretern der Stadtregierung präsentierte.
Die Initiative, die sich zunächst als schlichte Bewegung engagierter Bürger versteht, ist nichts weniger als der Zusammenschluss von 70 Vertretern aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst, darunter die Kastner-Vorstände Thomas Böck und Martin Wäg, Graz-Tourismus-Chef Dieter Hardt-Stremayr, Hotelier Helmut Marko, Journalist Frido Hütter, styriarte-Chef Mathis Huber, Cellist Friedrich Kleinhapl, Architekt Ernst Giselbrecht oder Joanneum-Chef Peter Pakesch. Die Ziele des Vernetzungsprojekts, das auf Betreiben der Industriellenvereinigung Steiermark und des Verbands selbständig Wirtschaftstreibender ins Leben gerufen wurde, sind hoch gesteckt: Bis 2012 soll Graz ein nach außen hin sichtbar neues Profil entwickelt haben, bis 2020 sollen 20.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, ebenfalls bis dahin soll die derzeit stagnierende Bevölkerungszahl um 30.000 auf 260.000 Einwohner steigen.
„Die Potentiale von 2003 sind in den Jahren danach zerronnen; es wurde verabsäumt, Menschen, die sich geöffnet hatten, abzuholen und ihnen neue Wege anzubieten,“ beschreibt Projektinitiator Werner Tessmar-Pfohl, Vorsitzender des Verbands selbständig Wirtschaftstreibender, die aus Sicht der Initiative unbefriedigende Entwicklung der Stadt seit dem Kulturhauptstadtjahr: „Das kann es nicht gewesen sein.“ Zur Erstellung eines Masterplans für Graz wurden daher seit vergangenem Sommer von den 70 Promotoren der Initiative in mehreren Workshops eine Reihe „prototypischer Ideen“ erarbeitet. Sie reichen von einem Innovationsbezirk auf dem Gelände der Reininghausgründe über ein Herbstfestival für die internationale High-Tech-Community bis zu einer Kunstuniversität für Graz. Weitere Ziele sind die Zusammenarbeit der Stadt mit den Umlandgemeinden und die Etablierung von Graz als Bildungs-, Forschungs- und Wirtschaftszentrum des südosteuropäischen Raums.
Das Vorhaben soll, so der Wunsch seiner Initiatoren, in weiterer Folge öffentlich finanziert und dann weiter ausgearbeitet werden – was mit ein Grund dafür sein mag, dass die im Kunsthaus präsentierten Programmpunkte noch eher vage blieben. Vorrangiges Ziel des Abends war es sichtbar, die Politik an Bord zu holen und deren Vertreter zu einem Bekenntnis zur Initiative selbst zu bewegen. Angesichts der geballten Ladung der versammelten geistigen und ökonomischen Elite der Stadt fiel dies den anwesenden Herren Nagl, Ferk, Miedl und Riedler auch nicht sonderlich schwer. „Graz darf alles“, gab sich der Bürgermeister optimistisch; „parteiübergreifenden Konsens“ für das Projekt forderte Vize Ferk; „beinhartes Management“ für die Umsetzung versprach Stadtrat Miedl. Kollege Riedler stellte die Präsentation der Initiative im Gemeinderat in Aussicht. Dort soll noch im Juni eine Absichtserklärung zur Umsetzung des Projekts beschlossen und erste konkrete Programmpunkte zur Realisierung bis 2012 auf Schiene gebracht werden. Ebenso gilt es, bis dahin die Projektfinanzierung mit Land und Bund zu abklären. Und auch ein neuer Name soll für das Projekt gefunden werden – zumal der Begriff „Innovation“ in letzter Zeit eben doch nicht unbeträchtliche Abnützungserscheinungen erlitten hat. Es bleibt zu wünschen, dass nicht nur Name, sondern auch Programm weiter an Profil gewinnen.
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller, Bericht

