Going Global

Architekt Thomas Pucher spricht im Interview über seine Wettbewerbserfolge im Ausland, das Reininghaus-Projekt und den 1. Preis in Tianjin.

08/06/2011

Thomas Puchers frischer Ansatz bei der architektonischen Gestaltung hat sich als äußerst erfolgreich erwiesen. Beim Interview mit Kate Howlett-Jones spricht der Architekt über Going Global, das Reininghaus-Projekt und seinen jüngsten Erfolg, den 1. Preis beim internationalen Wettbewerb "China North City Development in Tianjin".

Kate-Howlett-Jones: Sie haben in letzter Zeit einige Wettbewerbe u.a. in China, Estland, Saudi-Arabien und Polen gewonnen. Warum so weit weg von zu Hause?

Thomas Pucher: Es geht grundsätzlich darum, wie man als Architekt arbeitet: Wir müssen in die Gesellschaft eintauchen, um wirklich zu begreifen, wie sie sich verändert. Stammt man aus einem konservativen Land wie Österreich, muss man hinaus in die Welt und die neue, andere Dynamik in anderen Ländern erleben. Außerdem leben wir in einer globalisierten Welt – man darf nicht einfach nur zu Hause hocken. Das gilt nicht nur für österreichische, sondern für alle Architekten weltweit. Dazu kommt noch, dass der Markt in Österreich sehr klein ist und in Graz besonders klein.

KHJ: Wie nähern Sie sich den kulturellen Bedürfnisse dieser Länder? Passen Sie Ihre Architektur an sie an?

Thomas Pucher: Ja, das tun wir. Wenn Sie heute vor einem Opernhaus von Zaha Hadid stehen würden, hätten Sie keine Ahnung, an welchem Ort Sie sich gerade befinden – das sind einfach Zaha Hadid-Versatzstücke, eingeflogen und irgendwo abgesetzt. Unsere Vorgehensweise ist sensibler - wir versuchen den Geist eines Standorts und des Landes zu begreifen und daraus ein frisches Icon zu schaffen. Jeder Entwurf wird durch seine Lage extrem individuell. Dies ist meiner Meinung nach die Zukunft der Architektur. Ein Beispiel dafür ist der von uns entworfene OIC (die Organisation der Islamischen Konferenz in Saudi-Arabien) Hauptsitz in Saudi-Arabien. Die um 600 bis 900 nach Christus gebauten Minarette in Saudi-Arabien waren die ersten Hochhäuser, sie waren auf dem neuesten Stand der damaligen Technologie. Dann, vor 150 Jahren entstanden in den USA die Wolkenkratzer und alle dachten, die wären von den Amerikanern erfunden worden. Dabei waren diese Wolkenkratzer nicht einmal so hoch wie die vor Jahrhunderten in Saudi-Arabien gebauten Strukturen. Wir verweisen darauf und auf die Wurzeln der großen islamischen Kultur mit dem Ziel, Selbstachtung in einer Zeit wieder herzustellen, in der es der islamischen Kultur an Selbstvertrauen mangelt. Der OIC-Hauptsitz wird eine äußerst prominente Stellung einnehmen - in der islamischen Welt entspricht der OIC der UNO, er ist die zweitgrößte Organisation der Welt. Das Gebäude wird eine extreme Symbolkraft haben.

KHJ: Wie wäre es mit Minaretten in Graz?

Thomas Pucher: Wieso denn nicht? Die Globalisierung ist unvermeidlich und birgt beträchtliche Vorteile. Wenn wir die Augen davor verschließen, vergeben wir eine Riesengelegenheit: Das ist die Zukunft. Graz sollte auch davon profitieren.

KHJ: Sie waren Berater beim Masterplan für das Reininghau-Areal in Graz. Glauben sie, es könnten wegen der enormen Projektgröße soziale Probleme entstehen?

Thomas Pucher: Es ist noch immer nicht sicher, wie oder sogar wann die Erschließung beginnen wird. Trotzdem ist es sehr gut, dass wir klare Grundsätze festgelegt haben, bevor es einen Zeitdruck gibt und dass die Sache nicht zu einem Eilauftrag wird. Es ist richtig, das Areal in kleinere Projekte zu filetieren, weil es zu groß für einen einzigen Bauherren ist. Aber in beiden Fällen könnte das Ganze in den falschen Händen dramatisch scheitern. Wir haben im Masterplan festgelegt, was in Graz-Reininghaus nicht passieren sollte: die Bebauung sollte nicht monofunktionell sein, es sollte dort nicht zu 100% Wohnbau entstehen - eine Versuchung für Bauträger, weil das Risiko geringer ist und man schneller die finanzielle Rendite erwirtschaftet. Hauptziel ist eine Mehrspartennutzen, ein Mix aus Arbeitsplätzen und Wohnbau, eine gute Mischung aus Menschen verschiedener Altersgruppen und sozialer Schichten usw. Es soll weder ausschließlich Sozialwohnungen geben, noch ein Luxus-Yuppy-Stadtteil entstehen.

An der Alten Poststraße ist eine Esplanade vorgesehen, ein öffentlicher Platz mit Hochhäusern und dichter Baustruktur. Zusätzlich sollte es eine große Parkanlage geben, eine weite Grünfläche, die von kleineren Vierteln umgeben ist. Es gibt auch genügend Spielraum für das Gebiet, um im Laufe der Zeit organisch und natürlich zu wachsen.

Die Entwicklung wird sehr stark davon abhängen, wie die weiteren Schritte aussehen: In der Vergangenheit wurden in Graz Prozesse in Gang gesetzt, aber nicht richtig bis zum Schluss durchgezogen. Die Stadt hat unter einer Dorfmentalität gelitten, nicht global gedacht. Der neue Stadtplanungschef Heinz Schöttli bringt aber ein extrem umfangreiches Fachwissen ein. Ich bin überzeugt, er wird das Projekt in eine positive Richtung lenken.

KHJ: Wie haben Sie die Problematik der Größe bei einem Riesenprojekt wie der Tianjin China North City gelöst, wo Sie für 10.000 Bewohner bauen werden?

Thomas Pucher: Das mag zwar für uns riesig klingen, für China ist das nicht groß. Es galt jedoch, die sehr strengen chinesischen Bestimmungen hinsichtlich der Wohnungsplanung zu berücksichtigen. Alle Wohnungen müssen nach Süden ausgerichtet sein. Der Abstand zwischen zwei Gebäuden muss mindestens gleich der Gebäudehöhe sein (viel mehr als in Österreich). Das ermöglicht die optimale Nutzung von Sonnenlicht mit dem Nachteil, dass der öffentliche Raum von schlechter Qualität ist, vergleichbar mit dem Ghetto-Strauchzeilen in den europäischen Siedlungen der 50er und 60er-Jahre. Die Flächen zwischen den Gebäuden waren bloß Lücken, zu klein für einen Park, aber zu groß um Identifikation zu ermöglichen oder auf das menschliche Maß zu reagieren.

Unsere Lösung ist, Häuserblocks und Platten zu mischen, um Mini-Wohnviertel mit einer Reihe von jeweils zwei lose gruppierten Wohnhäusern zu bilden. Die Wohnungen sind ausreichend nach Süden orientiert, um die Bestimmungen zu erfüllen; die gekrümmten Grundrisse der Wohnblocks verhindern Windkanäle zwischen den Gebäudezeilen, erlauben aber genügend natürlichen Luftaustausch. Jeder diamantförmige Gebäudeblock enthält im Zentrum einen Garten.

Alles zusammen - die Wohnungen mit Südausrichtung, die natürliche Belüftung und die Wasserflächen, die auf natürliche Weise die Luft kühlen - ist eine Art passives Öko-Design, das vor 300 Jahren ganz selbstverständlicher Bestandteil des Bauens war. Das sind Aspekte, die auf ‚Common Sense’ basieren und heute wie damals funktionieren.

KHJ: Wie nehmen Sie die kulturellen Unterschiede bei solch einem Projekt wahr?

Thomas Pucher: Was die kulturellen Bedürfnisse betrifft, versuchen wir natürliche Verhaltensmuster in unseren Entwurf zu integrieren. Das ist ein Grund dafür, warum zurzeit eine Architektin aus China bei uns im Grazer Büro arbeitet. Sie achtet beim Tianjin-Projekt genau auf all diese Aspekte.

KHJ: Ist Ihnen der kulturgeschichtliche Aspekt immer wichtig?

Thomas Pucher: Beim Entwurf für den Konzertsaal der Sinfonia-Varsovia sollte die Rahmenkonstruktion -17 Meter hoch und 3 Meter über dem Boden - einfach das Gelände öffnen und trotzdem den umgebenden urbanen Raum ausblenden, um die Konzerthalle zu einer Oase in der Stadt zu machen. Beim Betreten des Geländes geht man durch eine Reihe von Zonen, die sukzessive auf ein Konzerterlebnis vorbereiten: es wird auf dem Weg durch den Park, durch das Foyer und in die Konzerthalle zunehmend ruhiger. Im Nachhinein meinten Kritiker, dass wir auf raffinierte Weise auf die polnische Geschichte, auf das Warschauer Ghetto, auf die Berliner Mauer, den Eisernen Vorhang angespielt hätten. Das war für uns doch ziemlich überraschend, denn daran hatten wir nicht im Geringsten gedacht.

KHJ:Es scheint als hätten Sie im Ausland mehr Erfolg als daheim in Österreich. Warum?

Thomas Pucher: Also, das ist teilweise die logische Folge unserer globalen Ausrichtung, es ist einfach das, was wir uns vorgenommen haben. Als wir dann anfingen, die ersten großen Wettbewerbe zu gewinnen, dachten die Leute, wir wären nicht mehr daran interessiert zu Hause Häuser zu bauen. Dabei lieben wir doch solche Projekte auch.

KHJ: Wie fühlt es sich an, gegen Zaha Hadid zu gewinnen? (Wettbewerb für den Konzertsaal der Sinfonia-Varsovia; Anm. d. Red.)

Thomas Pucher: Cool! Es war auch eine große Bestätigung unserer Philosophie gegenüber jener von Hadid. Sie reichte ein typisches Zaha Hadid-Projekt ein. Wir hingegen haben sehr spezifisch auf die Lage und das Programm reagiert. Unsere Planung war maßgeschneidert und geht sensibel auf die Örtlichkeit und die Kultur ein. Die Auftraggeber sind heutzutage überall besser informiert, sie sind nicht mehr so sehr von Weltruhm oder großen Ikonen beeindruckt. Das ist natürlich gut und kann nur eine Qualitätsverbesserung zur Folge haben.

KHJ: Danke für das Gespräch!

VERANSTALTUNGSHINWEIS:

Atelier Thomas Pucher

Werkvortrag in Kooperation mit GRANIT

WANN: 15.06.2011, 19.00 Uhr

WO: HDA im Palais Thinnfeld, Mariahilferstraße 2, 8020 Graz

Verfasser/in:
Kate Howlett-Jones, Interview

Weiterführende Links

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THOMAS PUCHER (* 1969) studierte an der TU Graz Architektur, 1997 Diplom. 2005 gründete er das Architekturbüro ATELIER THOMAS PUCHER in Graz Foto: © Michael Gries
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das Atelier Thomas Pucher ist Gewinner des internationalen Wettbewerbs "China North City Development in Tianjin". Das Projekt besteht aus einer Apartmentanlage (340.000m2) und Shopping Centers (280.000 m2). Projektstart ist voraussichtlich 2012. Alle Scha
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China North City, Schaubild Apartmentanlage. Planung: Atelier Thomas Pucher, Graz
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China North City; jeder Wohnblock enthält in seiner Mitte eine großzügige Gartenanlage. Planung: Atelier Thomas Pucher, Graz
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China North City. Konzept: Alle Apartments sind nach Süden orientiert. Planung: Atelier Thomas Pucher, Graz
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China North City, Lageplan. Planung: Atelier Thomas Pucher, Graz
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China North City, Sonnenstudie. Planung: Atelier Thomas Pucher, Graz
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