Der Name Gilles Ebersolt sagt hierzulande vielleicht nur Eingeweihten etwas. Bilder seiner bekanntesten Kreation "La Ballule" haben aber die meisten schon einmal gesehen. Am 11. Jänner 2010 bot sich an der TU Graz die Möglichkeit, den französischen Architekten und Künstler kennenzulernen. Der Vortrag fand im Rahmen der Master Lectures statt, die Teil des neuen Architektur-Masterstudiums sind und zu denen jeweils ein Institut der Architekturfakultät einlädt. Nach einer kurzen Einführung durch Hans Kupelwieser, Vorstand des Instituts für Zeitgenössische Kunst, begann Gilles Ebersolt seinen, großteils auf Französisch gehaltenen - aber übersetzten - Vortrag.
Die Reise durch über 30 Jahre des Experiments mit pneumatischen Objekten beginnt im Jahr 1974, als er - siebzehnjährig - die Idee fasste, ein aufblasbares, geländetaugliches Fortbewegungsmittel zu entwickeln, mit dem er sich den Cadélioque in Vébron hinunterstürzen wollte. Nur ein Jahr später hatte er die erste „Ballule“ in der Garage seiner Eltern realisiert. „La Ballule“ besteht aus zwei konzentrischen Sphären aus transparentem Polyurethan. Über einen Tunnel durch den mit Helium gefüllten Zwischenraum gelangt man in die innere Kugel. Indem man im Inneren läuft, kann man sich mit der „Ballule“ rollend fortbewegen, aber auch, geschützt durch den zwei Meter dicken „Panzer“, Hänge hinabrollen, in Seen schwimmen oder Stürze von bis zu zehn Metern überstehen. Ebersolt testete die Prototypen der immer weiterentwickelten „Ballules“ selbst, unter anderem rollte er 1985 vom Gipfel des Mount Fuji in Japan ins Tal.
Experimentelle Formen von Bewegung und Mobilität beschäftigten Ebersolt auch während seines Architekturstudiums und führten zu einer weiteren Serie von Prototypen. Die Frage, der er nachgehen wollte, war: Kann man auch auf oder in etwas anderem schwimmen als Wasser? Seine Antwort war „ja“, und so entwickelte er Ende der 80er Jahre ein „Baumkronenfloß“, dessen erste Version zugleich seine Diplomarbeit war. Der Zweck eines solchen Floßes ist es, Naturforschern den ansonsten schwierigen Zugang zu den Baumkronen in Tropenwäldern zu ermöglichen. Mit einem Luftschiff wird die Struktur mit einem Durchmesser von 25 Metern über den Regenwald geflogen und auf das dichte Blätterdach abgesetzt. Die Struktur basiert auf Dreiecken aus aufblasbaren, stabförmigen Elementen, zwischen denen Netze oder Planen gespannt werden. Mit komplexeren, dreidimensionalen Strukturen aus diesem Grundelement hatte Ebersolt schon zuvor unterschiedlichste Objekte kreiert und durch deren kommerzielle Nutzung seine Experimente finanziert. Verschiedene seiner „Baumkronenflöße“ werden bis heute in Tropenwäldern rund um den Erdball eingesetzt. Meist begleitet Ebersolt die Expeditionen selbst, da er, in enger Zusammenarbeit mit den Forschern, immer wieder neue Varianten entwickelt und mit Materialien und Konstruktionen experimentiert. So entstanden die „Brezel“, eine aufblasbare, geschwungene und sich mehrfach kreuzende Struktur, deren Linearität eine höhere Stabilität als die gelenkig verbundene Konstruktion aus Dreiecken bietet, der „Ikos“, ein offener Raum, der sich zwischen den Ästen verkeilt und für längeres Arbeiten geeignet ist, sowie andere Prototypen mit klingenden Namen wie „Baumkronenschlitten“ oder „Baumkronenanker“. Diese Wortschöpfungen, die laut Ebersolt dem experimentellen Arbeiten immanent sind, stellten eine Herausforderung für die Übersetzerin dar, die zur Veranschaulichung der Formen sogar Kärntner Kasnudeln bemühen musste.
Auch wenn die Arbeit mit Kunststoffen zunächst Gegenteiliges vermuten ließe, findet sich in vielen Arbeiten von Gilles Ebersolt ein ökologischer Ansatz. In seiner Interpretation von vergleichsweise klassischen Architekturaufgaben wie Umbauten und Innenraumlösungen spielen der sparsame und effiziente Umgang mit Raum sowie ein enges Verhältnis zur Natur eine wichtige Rolle. Seine künstlerischen Arbeiten spiegeln noch deutlicher sein Engagement für den Umweltschutz wider. So packte er bei dem Festival „Le Défilé du Siècle“ in Paris für die EdF Elektrofahrzeuge in transparente PVC-Kugeln, um deren Abgasfreiheit zu thematisieren. Dieselben Kugeln fanden sich kurze Zeit später mit sauberem Wasser und Fischen gefüllt in der Marne, einem besonders stark verschmutzten Zufluss der Seine. In den „künstlerisch recycelten“ Kugeln konnte man sogar schwimmen.
Zum Abschluss des Vortrags zeigte Ebersolt Videos, in denen er in einer seiner „Ballule“ zum Staunen der Passanten Wasserfälle und Schipisten hinabrollt und unterstrich damit seinen humorvollen und unkonventionellen Zugang zur Architektur. Er zählt zu Recht zu einer künstlerisch-architektonischen Avantgarde im Umgang mit neuen Strukturen und Materialien, die grundsätzliche Fragen zum Aufbrechen konventioneller Muster der Nutzung von Raum und Mobilität stellt, die bis heute ihre Wirkung entfalten.
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Bericht
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