Gamlitz, Spielfeld und St. Johann, drei Gemeinden des Naturparks Südsteirisches Weinland, zeigen wie man Nägel mit Köpfen macht: Sie leisten sich seit März 2006 für ihre Region einen Gestaltungsbeirat - den ersten in der Steiermark - und nehmen damit eine Vorreiterrolle ein.
Der Landschaftsraum als höchstes Gut der Region
Vor allem im Herbst lockt das südsteirische Weinland mit seinen landschaftlichen Reizen zahlreiche Urlauber aus dem In- und Ausland an. Die Frage ist allerdings, wie lange sich die Tourismusbranche noch über eine hohe Auslastung der Beherbergungsbetriebe freuen darf, da die Südsteiermark in den letzten Jahrzehnten aufgrund von Bausünden, Zersiedelung und groben Eingriffen in die Landschaft viel von ihrer Schönheit eingebüßt hat. Noch ist es nicht zu spät, um die Bevölkerung für qualitätsvolle Baukultur und Landschaftsschutz zu sensibilisieren, aber höchst an der Zeit, „eine zeitgemäße Art des Gestaltens und Bauens zu entwickeln, damit dieser einmalige Landschaftsraum mit all seinen Besonderheiten auch unseren Nachfahren erhalten bleibt“ (Zitat aus „Bauen in der Steiermark“, 2005; HG. Naturpark Steirische Weinland).
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Angesichts des dringenden Handlungsbedarfs wurde auf Initiative der Baubezirksleitung Leibnitz und mit finanzieller Unterstützung der steirischen Landesregierung in den Gemeinden Gamlitz, Spielfeld und St. Johann ein Gestaltungsbeirat für Bau- und Planungskultur installiert (GAT berichtete, 25.01.2006). Als Vorbild dienten dem südsteirischen Modell die Gestaltungsbeiräte Vorarlbergs, die sich aus fachlich geschulten und erfahrenen, nicht ortsansässigen Mitgliedern zusammensetzen. Sie unterstützen die Bürgermeister der Gemeinden, von Rechts wegen Baubehörden erster Instanz, bei der Entscheidung über Gestaltungsfragen und versuchen mit ihrer fachlichen Beurteilung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt korrigierend in den Planungsprozess einzugreifen.
Das südsteirische Modell
Von März bis Ende August 2006 beurteilte der südsteirische Gestaltungsbeirat, dem die Architekten DI Hans Hohenfellner aus Feldkirch in Vorarlberg, DI Norbert Grabensteiner aus Wien und DI Karl Amtmann von der BBL Hartberg angehören, in sechs Sitzungen insgesamt 91 eingereichte Bauvorhaben (Gamlitz: 65, St. Johann: 17, Spielfeld: 6). Unterstützt wurden sie dabei von DI Christian Hofmann (BBL Leibnitz), dem Motor bei der Installierung des Fachbeirates.
Die eintägigen Sitzungen laufen immer in vier Stufen ab: Am Morgen des jeweiligen Sitzungstages trifft sich das mittlerweile sehr gut eingespielte Team zu einer Vorbesprechung und zur Durchsicht der eingereichten Projekte. Es folgt eine Besichtigungstour, die durch die meist mangelhaften Dokumentationen der Bauvorhaben unverzichtbar ist, aber auch der Kommunikation mit den Bauherren dient und oft erst das tatsächliche Ausmaß des jeweiligen Bauvorhabens vor Augen führt. In der anschließenden Klausur werden die Projekte diskutiert, Verbesserungsvorschläge erarbeitet und Protokolle verfasst. Im Vordergrund steht dabei der Beratungs- und Dienstleistungsgedanke und die Absicht, Bauvorhaben in gestalterischer und letztlich auch in finanzieller Hinsicht zu optimieren, Bauverfahren zu erleichtern und zu beschleunigen. In einer an die Klausur anschließenden Sitzung im Gemeindeamt Gamlitz präsentieren die drei Beiratsmitglieder alle begutachteten Projekte und diskutieren diese mit den anwesenden Planern und Bauwerbern, manchmal nicht gerade reibungslos. In strittigen Fällen greifen die sonst im Hintergrund agierenden Bürgermeister ein, um den Beteiligten zu signalisieren, dass die Entscheidung des Gestaltungsbeirates für die Baubehörde Gültigkeit hat.
Im Rahmen dieser abendlichen Präsentationen werden von den Mitgliedern des Gestaltungsbeirates Planungsfehler aufgezeigt und Lösungen angeboten. Die Empfehlungen, die manchmal sogar den Innenraum betreffen, lösen mitunter bei Bauwerbern oder Planern Aha-Erlebnisse aus, wie man effektiver und besser bauen könnte. Hier leisten die Beiratsmitglieder wertvolle Kleinarbeit, die langfristig gesehen, das Bewusstsein der Bevölkerung für qualitätsvolles Bauen schärfen und die vermehrte Beauftragung von fachlich umfassend geschulten Planern bewirken soll. Großen Zuspruch erfährt der Beirat mittlerweile von den ortsansässigen Baumeistern, die derzeit rund 80-90% der Bauvorhaben planen. Generell ist seit der ersten Sitzung im März die Akzeptanz des Gestaltungsbeirates durch Bauwerber und Planer gestiegen. Seine Empfehlungen werden als Verbesserungsmöglichkeiten erkannt und meist reibungslos umgesetzt.
Bis Ende Dezember 2006 wird der Beirat noch vier Mal zusammentreten, dann geht seine einjährige Pilotphase zu Ende. Schon im Herbst werden die Gemeinden Gamlitz, Spielfeld und St. Johann i. S. entscheiden, ob das südsteirische Modell weitergeführt wird. Die Entscheidungsträger haben den Wert dieses Gremiums bereits erkannt, das in den vergangenen sechs Monaten wertvolle Entwicklungshilfe bei Planungsprozessen geleistet hat. Langfristig eingesetzt, würde es jedenfalls die baukulturell und landschaftlich zufrieden stellende Weiterentwicklung der Region Naturpark Südsteirisches Weinland gewährleisten. (mw)
All jene, die sich für die Arbeit des südsteirischen Gestaltungsbeirates interessieren, sind eingeladen, an einer der nächsten Sitzungen teilzunehmen.
Termine: 25.09., 23.10., 27.11. und 18.12.2006
Anmeldung und Information bei:
DI Christian Hofmann, BBL Leibnitz
christian.hofmann@stmk.gv.at
> > VERANSTALTUNGSHINWEIS:
Ende November 2006 soll in einer Informationsveranstaltung über den südsteirischen Gestaltungsbeirates berichtet werden. Zu dieser Veranstaltung werden Zivilingenieure und Vertreter aller steirischen Gemeinden eingeladen. Das genaue Datum und der Veranstaltungsort werden demnächst auf GAT bekannt gegeben.
- Verfasser/in:
- Redaktion GAT Graz Architektur Täglich







