Gespräch mit Günter Koberg

Günter Koberg von der Plattform Architektur spricht im Falter-Gespräch über Wohnbau, Stadtplanung und das projekt A in Graz.

10/03/2006

Planen für die Gesellschaft

Günter Koberg ist Mitglied der Plattform Architektur, der Vereinigung aller in Graz tätigen Architekturinstitutionen. Damit ist er auch maßgeblich an Planung und Organisation für das projekt A beteiligt. Der Falter sprach mit ihm über Wohnbau, Stadtplanung, die Paradefamilie und Urängste.

Drei Jahre nach der Kulturhauptstadt 2003 kommt die Standortdiskussion wieder. Diesmal unter dem Motto Architektur. Wird diese Debatte von Architekten bewusst betrieben, um die eigene Sache zu promoten?

Einerseits sind die Kassen leer. Und andererseits kann man nicht darin verharren zu sagen die Kassen sind leer, wir tun nichts. Die Stadt Graz weiß genau, dass die Schuldenmisere nicht ausschließlich als Schuldenmisere zu sehen ist, sondern dass das auch mit der Wohnbaumisere, mit der Stadtplanungsmisere und der Frage wo die Menschen wohnen, die nicht hier geboren und zugewandert sind. Letztlich fallen alle diese Themen in den Bereich Architektur. Vor allem, wenn man Architektur auch als Städtebau und als Raumplanung und als vorausschauendes Planen für eine Gesellschaft und für eine Region sieht. Insofern glaube ich nicht, dass das Thema von den Architekten angezettelt ist. Ich sage auch nicht, dass sie ausschließlich mit dem Fachwissen der Architektinnen und Architekten in den Griff zu kriegen sind. Dazu braucht es politische und sonstige Mitspieler. Aber ich glaube schon, dass wir ein Handwerkszeug haben, um behilflich zu sein. Mit so einem Jahr könnten Pilotprojekte in solchen Bereichen losgetreten werden.

Das klingt noch sehr abstrakt. Um das in die Praxis umzusetzten braucht man beispielsweise auch die Wohnbaugenossenschaften mit im Boot.

Das Thema Wohnbau wird von den Wohnbaugenossenschaften heute zum größten Teil noch so behandelt, wie vor zehn, zwanzig Jahren. Dass für die Paradefamilie mit zwei Kindern Wohnungen hingestellt werden. Nur diese soziologische Zusammensetzung gibt es so gut wie nicht mehr. Es werden andere Wohnungen gebraucht. Auch die Stadt Graz ist mittlerweile vom Thema der Imigranten betroffen. Das Thema der Alten, das Thema der Singles und das Thema der Patchworkfamilie und viele andere Themen sind im Wohnen jetzt da, werden aber von den Genossenschaften nicht angeboten und von der Politik dort nicht bestellt. In dem Bereich wäre es spannend etwas zu machen. Das Gleiche gilt für Schulen, die neu oder anders gebaut werden müssten, oder beim der Ghettobildung beim Ausländerwohnen. Es gibt etwa in Wien sehr wohl Beispiele für durchmischtes Wohnen, wo das von der Gemeinde gesteuert wird. In Graz gibt es auch eine große Zahl von Studierenden, die oft Wohnungsnot haben und sicher bereit wären solche und andere Wohnformen einzugehen. Wo es Jungfamilien gibt mit Kindern, die mit den anderen Kindern spielen können. Wo diese diversen Urängste nicht so groß sind, wie in anderen Bevölkerungsgruppen. So etwas muss einfach von der Stadt aktiv initiiert werden.

Können Sie auch noch andere Beispiele für diese Ghettoisierung nennen?

Wir können noch nicht sagen welche Auswirkungen die umgedrehte Alterspyramide in zehn Jahren haben wird. Wenn sich daraus etwas ableitet für die Wohnbauförderung, wäre das super. In anderen Ländern, wie etwa in Dänemark gibt es ein Wohnbauförderungsmodell für diesen dritten Altersabschnitt. Da kriegen die alten Leute noch einmal extra eine Förderung. Sie geben zwar ihre alten Wohnungen auf, wohnen dann aber in Wohngemeinschaften, wo es ein durchmischtes Wohnen gibt. Wo auch jüngere Leute wohnen, wo Pfleger dabei sind.

Verfasser/in:
Fabian Wallmüller, erschienen im Falter Stmk. 10/06

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