Ansprache von Gunter Hasewend, Landesbaudirektor und Obmann des Vereins BAUKULTUR STEIERMARK anlässlich der Verleihung des „GERAMB-DANKZEICHEN für GUTES BAUEN 2004“ in der K & Ö - Tiefgarage in Graz am Donnerstag, den 1. Juli 2004.
Sehr geehrte Damen und Herren Bauherren,
insbesondere sehr geehrte Hausherren,
sehr geehrte Architekten und Bauschaffende,
liebe Gäste unserer Feierstunde, Freunde unseres Verbandes und herzlichen Gruß an die Musikanten und Wirtsleute!
Die jährliche Verleihung des GERAMB-DANKZEICHENS gehört zu den Höhepunkten unserer Verbandsarbeit; die Klausur zur Präsentation der auszuzeichnenden Bauwerke vor dem Sommer ist unsere interne Feierstunde – zur Verleihung gehen wir seit 1992 in eines der ausgezeichneten Gebäude mit dem geeigneten Ambiente – 3 Jahre waren wir auf der TU zu Graz – heuer wieder in einem ausgezeichneten Bauwerk.
Im Jahr 2000 war der Anlass die neue „Hofüberbauung der Alten Technik“ zu Graz; der Anlass 2001 für unsere Feierstunde in der Aula der TUG war die Neuorientierung unseres bisherigen Vereins „Heimatschutz in der Steiermark“ mit Umbenennung in „BauKultur Steiermark“.
Anlass 2002 in der TUG war die Ausstellung „Neues Bauen in den Alpen“, die Ausstellung zum bekannten Sexten-Preis in Südtirol. Sie verfolgt dieselbe baukulturelle Zielrichtung, wie unser Verein und die GERAMB-DANKZEICHEN, nämlich die Würdigung des Guten Bauens in der Region – d.h. in der Peripherie mit ihren Subzentren.
Wir haben heuer erstmals keinen Festvortragenden eingeladen, weil wir uns sozusagen als „Nachwehe“ zu unserer Umbenennung von vormals „Heimatschutz in der Steiermark“ auf „BAUKULTUR STEIERMARK“ etwas intensiver mit dem Begriff „Baukultur“ befassen wollen.
Dazu gibt die heurige Liste der auszuzeichnenden Bauwerke das beste Anschauungsmaterial: eine solche Breite an Gebäude-Funktionen und Bauaufgaben hatten wir noch selten und ich darf gleich zu Beginn der Jury für Ihre fundierte Arbeit danken; - ich bin sehr stolz auf dieses Ergebnis.
Zu den vielen Definitionsmöglichkeiten zur BAUKULTUR habe ich das DUDEN-Bedeutungswörterbuch herangezogen:
„Unter Baukultur ist die Gesamtheit der baukünstlerischen und bautechnischen Äußerungen einer Gemeinschaft, eines Volkes zu verstehen, sowie deren allgemeine Wertschätzung.“
Bei jeder Definitionsvariante zur Baukultur treten zwei Elemente auf:
- Erstens der Prozess der Herstellung und Erhaltung unserer gebauten Umwelt und
- Zweitens die Wertschätzung und der Anspruch im Bewusstsein der Bürger.
Bewertungs-Kriterien der beiden Elemente sind seit Vitruvius (28 v. Chr. Geb.) zumindest:
(1) Firmitas (Festigkeit)
(2) Utilitas (Tauglichkeit) und
(3) Venustas (Anmut)
Die heuer intensivere Befassung mit dem Begriff BAUKULTUR – in unserem Fall getrennt und mit Rufzeichen dazwischen zu sprechen – hat mehrere Wurzeln:
Zum einen hatten wir im Vorjahr durch eine vereinsinterne zu geringe Abklärung des Begriffs BAUKULTUR und der damit verbundenen Vergabe-Regeln zur GERAMBROSE den „Betriebsunfall“ der Nichtverleihung der GERAMBROSE 2003; und das genau im Jahr der Kulturhauptstadt Graz!
Zum Zweiten hat sich durch diverse Entwicklungen in unserem Baugeschehen seit langem wieder die politische Ebene gerührt:
- Ende März gab es eine Enquete-Kommission im Nationalrat!
- Anfang Mai gab es ein Architektur - Open House bei Frau LH!
- Die Stadt Graz sucht neue Wege der Entscheidungsfindung zum Bauen,
sowohl im Altstadt - als auch im übrigen Stadtgebiet.
Zum Dritten sind folgende Entwicklungen im Baugeschehen als baukulturelle Gefährdung anzusehen:
• Auslagerung der Hochbau-Abteilungen aus der Verwaltung in teilprivate Einrichtungen und damit Erschwernis für „Anwälte des guten Bauens“ im öffentlichen Bereich
• Zunahme der Vorfertigung im Bauwesen – die Architektur aus der Fabrik.
• Verbreitung des Generalunternehmertums mit versuchter Umgehung der architektonischen Qualitätssicherung
• „Goldgräberstimmung“ in sensiblen Stadt- und Landschaftsbereichen
(siehe Graz Altstadt und etwa Südsteirisches Hügelland)
Architekt und Freund Ernst GISELBRECHT hat beim LH-open house zur Architektur nach Aufzählung obiger Trends unter der Überschrift „Der Mehrwert der Architektur und die Produktionsbedingungen für zeitgemäße Baukultur“ auszugsweise folgende bemerkenswerte Feststellungen/Forderungen an die Politik und an uns selbst gerichtet:
- Baukultur als öffentlichste Kulturform ist besondere Chefsache
- Die Vernachlässigung der Baukultur bedeutet auch die Vernachlässigung unserer Zukunft
- Baukultur ist Lebenskultur und darum so wichtig
- Baukultur darf nicht länger ein Minderheitenprogramm sein, sondern muss zu einem Interessensfeld, zu einer Interessensplattform in unserer Gesellschaft werden.
- Baukultur muss bei jeder Gelegenheit – in der Öffentlichkeit und in politischen Gremien, besonders bei Bürgermeistern von der obersten Ebene - deponiert werden. Dort muss der Mehrwert von Architektur und Baukultur verankert werden als tägliches Programm, als politischer Wille!
- Für die öffentliche Hand besteht eine Verpflichtung zur Baukultur, die immer wieder einzufordern ist.
- Im Zeitalter knapper werdender Mittel müssen wir Initiativen und Energien zum Thema Baukultur bündeln, um so effektiver agieren zu können.
- Vernachlässigen wir unser Gesundheitssystem, wird unsere Gesellschaft aussterben. Vernachlässigen wir die Baukultur, verbauen wir unsere Zukunft.
- Und abschließend:
Die neuen Verhältnisse und anfänglich aufgezeigten Trends im Baugeschehen brauchen neue und professionelle Wege der baukulturellen Bewusstseinspflege.
Unter dem Eindruck dieser Feststellungen wurde von Frau LH Klasnic nach einem prioritären Bekenntnis zur Baukultur die Veranstaltung mit den Worten: „Ich will nicht dauernd von den Leistungen in anderen Bundesländern hören, sondern sehen, was dazu in der Steiermark möglich ist!“ beendet.
Dieser Aufforderung sind wir gerne nachgekommen und es wurde mittlerweile ein Positionskatalog mit 4 Handlungsfeldern erarbeitet:
Pos. 1: BAUHERR LAND STEIERMARK
Pos. 2: REGIONALES BAUBEWUSSTSEIN STEIERMARK
Pos. 3: ÖKO-BAUKUNST STEIERMARK
Pos. 4: STANDORT-FAKTOR ARCHITEKTUR STEIERMARK
Ein Arbeitskreis aus verwaltungsinternen und externen Experten wird die Umsetzung des Positionskatalogs begleiten und evaluieren.
Schließlich hat unser Verein „Baukultur Steiermark“ seine Vergabe-Richtlinien zur Vergabe der GERAMBROSE gründlich überarbeitet (Vorbereitung intensiver -Abwicklung durch selbstständige Jury – Jahresablauf im 1. Halbjahr).
Darüber haben wir heute in der Jahres-Hauptversammlung berichtet.
Damit darf ich abschließend zum heutigen Anlass besonders der Jury danken, die völlig unentgeltlich gearbeitet hat – allen voran dem Vorsitzenden und heutigen Präsentator Karl GLAWISCHNIG sowie den Kollegen aus der Architektenschaft Gerhard KREUTZER und Irmfried WINDBICHLER mit den Vorstandsmitgliedern Architekt Georg MOOSBRUGGER und Georg KANHÄUSER.
Für die administrative Begleitung darf ich unserer regen Geschäftsführung unter Karl AMTMANN und Frau FROSCHAUER herzlich danken. Karl AMTMANN hat etliches an Neuerungen für unseren Verein hinter sich – wir alle wollen ihn weiterhin wirkungsvoll unterstützen.
Abschließend somit nochmals Dank und Glückwunsch den ausgezeichneten Bauherrn für 2004, Architekten und Firmen – sie stehen im Mittelpunkt des heutigen Tages und sind eingeladen, im Geiste der GERAMB-ROSE weiter zu wirken.
Ich darf dem GERAMB-Abend einen schönen Verlauf wünschen und Karl GLAWISCHNIG nach seiner Band-Musik zum Referat bitten.