Wie wahr, was da im anGedacht 045 zu lesen stand. Und vernichtend für jemanden, der diese Entwicklung kommen sehen und dagegen zu steuern versucht hat!
Drei Tatsachen zuerst:
Verantwortungen verlaufen hierarchisch, d. h. sie beginnen oder enden im Kopf bzw. auf hoher Ebene.
Was man wirklich will, kann man auch erreichen (gehört zu oben)
Kultur lässt sich nicht verordnen (gehört zu beidem)
Ein Raumordnungsgesetz gibt es bei uns seit über 30 Jahren (die Steiermark bekam es als letztes Bundesland) und ebenso lang werden seine Bestimmungen unterschiedlich interpretiert – von Verantwortungsträgern und deren Beauftragten gleichermaßen (neuerdings unterstützt durch beste Anwälte).
Einschlägige Gesetze (Raumordnungs-, Naturschutz- und Baugesetz) werden mit jeder Novellierung auch entschärft und der jeweilige Ist-Zustand, entstanden in der Zeit davor, wird dem Neuen als Bezugsebene zugrunde gelegt. Leider.
Jüngstes Beispiel: das Naturschutzgesetz, dessen Inhalte seit November 2004 nicht mehr auf Landesebene, sondern ausschließlich (bis auf die wenigen Natura 2000 Gebiete und die Berufungsverfahren) von den Bezirksbehörden vollzogen werden. Das betrifft auch sämtliche Bebauungspläne in Schutzgebieten (Wohn-, Tourismus- und Gewerbeanlagen, Erholungs- und Ferienwohngebiete).
Die Problematik solcher politischer Entscheidungen liegt auf der Hand. Es werden damit in Gestaltungsangelegenheiten unterschiedliche Sicht- und Vorgangsweisen Platz greifen, das heißt, entsprechend der Anzahl der zuständigen Behörden (es gibt 11 BHs) und abhängig von der Ausbildung ihrer jeweils tätigen Amtssachverständigen wird es verschiedene Sicht- und Vorgangsweisen für ein und dasselbe Wissensgebiet (Baugestaltung, Architektur) geben.
In Fachbereichen der „exakten Wissenschaften“ (Strassen-, Wasserbautechnik usw) denen ein Regelwerk zugrunde liegt, wirkt sich eine solche Organisation sicherlich positiv, weil vereinfachend aus, nicht aber in Angelegenheiten der Baugestaltung und der Architektur. Dazu kommt, dass immer weniger Außenstellen über fachlich entsprechend ausgebildetes Personal verfügen (im Fall des baulichen Natur- und Landschaftsschutzes wären das Architekten).
Die zentralen Stellen entledigen sich, so scheint es jedenfalls, zunehmend eines Teils ihrer Verantwortung und damit auch der Verantwortung als „Ressourcenhalter“ der Landschaft für nachkommende Generationen.
Aber: Würde man es anderes wollen, würde man wohl anders handeln - auch als Gesetzgeber und Vollzieher!
Es ist zwar spät - aber besser als gar nicht - um Baukultur wieder stärker zu thematisieren, so geschehend auf Landesebene, von Seiten der Kammer und wie stets im GAT (Thema war zwar hier die Architektur per se - aber ohne Bau-Kultur hat es auch die Architektur schwer!!).
Viele „Plattformen“ und Papiere über Baukultur sind im Entstehen, so viele, dass sie nun Gefahr laufen, aufgrund ihrer Zahl und Vielfalt, aber auch wegen des komplizierten Sprachgebrauchs babylonisch zu verwirren.
Eines scheint mir jedoch wesentlich: Ohne Förderungsmittel und ohne breite, allgemein verständliche mediale Aufbereitung nützt das alles wenig.
Auch in den Schulen ist BauKultur im Sinn von Raumordnung, Gestaltungsanspruch und Nachhaltigkeit immer noch kein Thema, oder doch?
Fabian Wallmüller schreibt in seinem Kommentar auf anGedacht 045, kompliziert aber zutreffend, dass die Gestaltung von Einzelobjekten im Zuge einer neuen Herausforderung an die Architektur möglicherweise eine untergeordnete Rolle spielt.
Dem wäre höchstens entgegenzuhalten, dass der ungebremste steirische Drang nach gebauter Individualität die Wahrnehmbarkeit der fortgeschrittenen Zersiedelung beträchtlich verstärkt, ganz einfach wegen der aufdringlich-protzigen oder anders gesagt wegen der hässlichen, jedenfalls umgebungsfeindlichen Gestaltungsweisen, die überall, auch in unserer Kulturhauptstadt Graz, nicht nur problemlos genehmigt, sondern auch mehr oder weniger widerspruchslos hingenommen werden.
Deutschland, Holland, England, Schottland – keiner dort will von weitem erkennbar anders sein als sein Nachbar. Die Unterschiede zeigen sich höchstens in der Art der Bepflanzung von Gärten, im übrigen aber stets im Inneren der Häuser.
Eine Frage der Kultur eben. Und BauKultur muss Zeit haben, um in Diskussion wachsen zu können.
Auch die Pflege von Außenbereichen ist eine Frage von Kultur, was in einem der Kommentare offenbar nicht verstanden wurde und - wie Karin Tschavgova zutreffend feststellt - ist es leider auch nicht die Obersteiermark allein, deren gebietsweise fehlende Raumordnung sich im späten Herbst und in schneelosen Wintermonaten entlarvt!
Nur den schönen Süden der Steiermark konnte sie noch auslassen. Noch.
Gerda Missoni
- Verfasser/in:
- Gerda Missoni, Gastkommentar
