Als „das schönste GAM, das es je gab“, kündigte Dekan Urs Hirschberg die vor Weihnachten erschienene 6. Edition der erfolgreichen Architekturtheoriezeitschrift an. Tatsächlich verschlägt einem gleich das Umschlagbild beinahe den Atem: So schön ist also die Steiermark dort, wo Klaus K. Loenhart, Landschaftsarchitekt, seinen Murturm gebaut hat, und schichtweise zerfällt dann das Bild in Dargestelltes, also eben diese unglaubliche Landschaft mit dem unglaublichen Turm, in das Umschlagbild und in das anlässlich der Präsentation projizierte, noch viel poetischere, weil größere und kontrastreichere Dia. Drei eigenständige Kunstwerke mit Loenhart als Autor, wie gesagt, einem Landschaftsarchitekten aus Deutschland, der an der TU Graz lehrt. Er erklärt, wie er den Murturm aus einer Ebene herausgefaltet hat, in einer Bewegung, die „den Raum mit der Zeit verbindet und verschraubt“. Das Baukunstwerk wird der Beobachtung des Verhaltens des Murflusses dienen, des Mäanderns, An- und Fortschwemmens – ein ziemlich ruhiger Job, zu dem die abstrahierende Herangehensweise gut passt. Wenn der Architekt den Turm in die Zeit hineinschraubt, dann schraubt er zugleich in einem politischen Akt nun ein Engagement für Natur- und Landschaftsschutz in die Zukunft hinein. Die Bilder mit dem Turm in der Mur-Au rücken darüber hinaus wohltuend die üblichen oft eben in dieser Gegend aufgenommenen klischeehaften Bilder mit Kukuruz, Marterln, Kesten und Weinreben ein wenig zur Seite und konterkarieren endlich einmal die narzisstischen, kaum deklinierten Darstellungen der Südsteiermark: Aussicht auf mehr Aussicht!
Nichtstandardarchitekturen sind das Hauptthema des Hefts: Hybride, Einpflanzungen eines Technoobjekts in eine natürliche Umgebung als Hinweis auf neue Zeiten; die Verbindung, wie Daniel Gethman Bruno Latour zitiert, „zweier vollkommen getrennter ontologischer Zonen, die der Menschen einerseits, die der nicht-menschlichen Wesen andererseits“, in der er eine Reaktion auf die Normierung und Standardisierung der Moderne ortet. Wenn GAM im Interview Bernard Caches dann genau die Beziehung zwischen „non“ und Standard anspricht, dann wird wieder auf „die Herstellung von einzelnen „originalen“ Objekten“ heruntergebrochen, wobei Cache davor warnt, „standardisiert“ und „nicht standardisiert“ als Gut und Böse gegenüberzustellen: „Die wahre Absicht besteht darin, die beiden zu mischen, d.h. Invarianz und Variation“.
Die Begriffe stellen also eine Annäherung zur Definition des Prozesses dar, der derzeit in der Architekturarbeit im Gange ist - ein „längerfristiges Projekt“, wie Cache sagt. Andreas Lechner erprobt die Begriffe ebenfalls an „Formfindungs- und Herstellungsweisen architektonischer Objekte“, die in der Lage sind, verkürzt gesagt, „als über flächenwirtschaftlich/firmenseitig organisierte Kubaturen gestülpte Oberflächen über jene Standards – Lochfassade und Curtain Wall – hinauszuweisen, die als zentrale Kategorie und Gestaltungsaufgabe die Erscheinungs- und Wirkungsweisen von Architektur maßgeblich prägen“. Lechner erkennt ihre romantische, verführerische Seite, „eine gelassene Blasiertheit (...), die auf die Tiefe ihrer Oberflächen vertraut“ und versucht im Beitrag Schicht für Schicht und zuletzt die Askese als ultimatives quasi-modernes Konzept im Gegensatz zum heutigen „Gefallen an der Manier“ abzutragen. Mechanische Systeme, die wie lebende Organismen oder Teile lebender Organismen wirken – was in der Bionik vorangetrieben wird, schafft sich auch in der Architektur Platz. Vielleicht beginnen Architekturen dereinst sich nach Bedarf oder spontan auszubeulen oder gar zu kriechen? Gethman sagt: „Unsere Sprachlosigkeit macht es notwendig, die Verschränkungen und die sich (…) stetig weiter vermehrenden Hybride in all ihren Formen neu zu denken, zu reflektieren und zu analysieren“.
Dieses GAM Nr. 6 mit seinen 21 Autoren aus der ganzen Welt, wie man so sagt, hat auf alle Fälle das Verdienst, die Sprachlosigkeit zu verringern. Evolutionsprozesse, Differenzierungen, Materialitäten, Konkretisierungen, Komplexitäten, Formen und Algorithmen anzusprechen. Es ist ein ausgewogenes GAM, anregend zu lesen, bildend, mit schönen Bildern und Lokalbezug (siehe oben).
GAM.06 "Nonstandard Structures"
TU Graz (Hrsg.)
Broschiert EUR 19,95
2009, Springer Verlag
ISBN: 978-3-211-99209-8
- Verfasser/in:
- Maria Nievoll, Buchbesprechung
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