(Anm. d. Red.: der LINK am Ende der Seite führt zu einer umfassenden Werkschau des Künstlers Walter Pichler)
Auf einer Fotografie von Christian Skrein, einem Plakatentwurf zur Ausstellung „Pichler zeigt 8 Prototypen“, 1967 in der Galerie nächst St. Stephan, trägt eine Person im Anzug – nach Skreins Beschreibung ist es Walter Pichler – ein merkwürdiges weißes Objekt über Kopf und Schultern gestülpt von dem ein Elektrokabel wegführt, dessen Ende diese Person – wir wollen glauben, dass es sich um Walter Pichler handelt – in Händen hält. Das in seiner Form an eine bauchige Acht erinnernde Ding mit perforierter, wenngleich von außen undurchsichtiger Fläche in Höhe des Gesichts könnte man durchaus für einen Heizlüfter oder eine Lautsprecherbox im Kugeldesign der 60er Jahre halten. Tatsächlich handelt es sich aber um „Kleiner Raum (Prototyp 4)“, den man mit sich tragen konnte und in dem es wer weiß was zu erleben gab, jedenfalls anderes als in der ihn umgebenden Außenwelt.
Schon 1963 stellten Walter Pichler und Hans Hollein in der Galerie nächst St. Stephan utopische Architekturmodelle aus. Im Ausstellungskatalog veröffentlichten sie ihr Manifest „Architektur“, worin es heißt, Architektur sei „elementar, sinnlich, primitiv, schrecklich, gewaltig, herrschend … Architektur ist eine Angelegenheit der Eliten.“ Für die Biennale de Paris 1965 entstand in Zusammenarbeit mit Hans Hollein und Ernst Graf das Projekt „Minimalumwelt“, eine Telefonzelle mit verschiedenen zusätzlichen Lebensfunktionen. Ein Jahr darauf produzierte Pichler seine ersten "Prototypen", eine legendäre Werkgruppe, die damals wie heute nicht allein bei Architekten und bildenden Künstlern Resonanz findet. Oswald Wiener, vormals Mitglied der Wiener Gruppe, Professor für Ästhetik an der Düsseldorfer Kunstakademie, Automatentheoretiker und jüngster Manuskripte-Preisträger, widmete Walter Pichler den „appendix A“ seines 1969 erschienenen Dekonstruktionsromans „Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman“. Den „Denkanstoß“ zum dort beschriebenen „bio-adapter“, des lange vor dem Begriff des Cyberspace entwickelten Prinzips einer Simulationsmembran zwischen Subjekt und äußerer Wirklichkeit, habe er Walter Pichler zu verdanken, erzählte mir Oswald Wiener vor kurzem in einem Gespräch (siehe www.korso.at, Oktober 06).
Nach einem Grafikstudium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, verbrachte der in Deutschnofen, Südtirol, geborene Walter Pichler mehrere Jahre im Ausland: 1959 in Paris, wo er Skulptur studierte, 1963 bis 1964 in New York, von wo aus er auch Mexiko bereiste. 1966 war er „Visiting Critic“ an der Rhode Island School of Design in New York. Die Disziplinen ergänzen einander seither mit deutlicher Tendenz zur Raumgestaltung: Mit Ernst Graf, Max Peintner und Heinz Geretsegger arbeitete er 1963 am Buch „Otto Wagner 1841-1918“ und er begann seine Zusammenarbeit als Buchgestalter mit dem Salzburger Residenz-Verlag, wo auch die meisten seiner Bücher erschienen. 1965 bis 1967 war Pichler mit Sokratis Dimitriou, Günther Feuerstein, Hans Hollein und Gustav Peichl Gestalter und Herausgeber der Architekturzeitschrift „Bau. Schrift für Architektur und Städtebau“. 1966 entwickelte er den inzwischen berühmten „Galaxy Chair“. 1967 zeigte das Museum of Modern Art in New York Arbeiten von Raimund Abraham, Hans Hollein und Walter Pichler. Im Jahr darauf wurden die „Prototypen“ auf der Documenta 4 präsentiert. Seit 1972 lebt Walter Pichler auf einem ehemaligen Bauernhof in St. Martin im Südburgenland und arbeitet seither an Um- und Zubauten für seine archaisch anmutenden, handwerklich äußerst präzise ausgearbeiteten Plastiken in von ihm entworfenen Schreinen. 1982 wurde Pichler der Große Österreichische Staatspreis für bildende Kunst verliehen.
Nachdem sein Cousin ihn 1994, nach einer Ausstellung in Bozen, fragte, ob er nicht einen Raum an eine alte Schmiede im Eggental anbauen möchte, in der beider Vorfahren gearbeitet hatten, begann Walter Pichler mit der Konzeption eines Gebäudes als „Haus neben der Schmiede“. Vergleichbar den Schreinen in St. Martin, aber auch in Fortführung grundlegender Prinzipien seiner Prototypen stand zu Anfang die Idee eines kleinen, fensterlosen Raumes, der sich nach oben nur in einem Glasdach öffnet. Im 2002 fertig gestellten Haus entstand so eine Lichtsituation wie unter freiem Himmel. Der als Wein- und Specklager genutzte unterirdische Raum ist über eine abgedeckte Treppe unter dem Hauszugang erschlossen, außen von einem schmalen Gang umfasst, auf dessen Betonwänden die gleichen Flusssteine postiert sind, auf denen auch die Erdgeschossmauern basieren. Einrichtung, Ofen und Möbel sind Einzelanfertigungen nach Pichlers Entwürfen. – Ein weiter Raum liegt zwischen frühen Utopien und den vielen manifestierten Wirklichkeiten im Schaffen von Walter Pichler, der gestern, am 01. Oktober 2006, seinen 70. Geburtstag feierte. Respekt und alles Gute „für w. pichler“.
(1) Oswald Wiener: Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman. Reinbek bei Hamburg 1985 (1. Aufl. 1969), S. CLXXV.
> > DEMNÄCHST IM RADIO:
Ö 1 bringt am Samstag, den 14. Oktober 2006 um 17.07 Uhr in der Sendung Diagonal - Radio für Zeitgenossen "Zur Person: Walter Pichler, Bildhauer".
- Verfasser/in:
- Wenzel Mracek, Kommentar
