Förderungspreis 2006 für experimentelle Tendenzen in der Architektur

Der mit 5.500 Euro und einem dreimonatigen Auslandsstipendium dotierte Preis erging an Bernhard Sommer aus Wien für sein Projekt „Transformer“. Zusätzlich wurden 3 Anerke

08/10/2006

Was Experimentieren in der Architektur bedeutet, darauf geben die 46 Wettbewerbsteilnehmer des Förderungspreises für experimentelle Tendenzen in der Architektur 2006 eine Vielzahl von, zum Teil interdisziplinären Antworten. Der Preis wird seit 1988 vom Bundeskanzleramt – Staatssekretariat für Kunst und Medien – ausgeschrieben. Er soll architektonisch anspruchsvolle, inhaltlich wagemutige und disziplinär vorausschauende Positionen aufspüren. Alle zwei Jahre wird er in jeweils einem anderen Bundesland durch das dort ansässige Haus der Architektur organisiert. Heuer wurde er erstmals von der Initiative Architektur durchgeführt und am Mittwoch, den 4. Oktober verliehen. Der mit 5.500.- € und einem dreimonatigen Auslandsstipendium dotierte Preis erging an Bernhard Sommer aus Wien für sein Projekt „Transformer“. Zusätzlich wurden 3 Anerkennungspreise vergeben.

Die Ausstellung aller Einreichungen ist bis Sonntag, den 22. Oktober 2006 im Schüttkasten der Salzburger Festspiele, Herbert-von-Karajan-Platz 11 zu sehen. Öffnungszeiten: Mi 12.00 bis 21.00 Uhr, Do – So 12.00 bis 18.00 UhrDie inhaltliche Streuung der diesjährigen Wettbewerbsbeiträge ist groß und spannt sich von realisierten Umbauten bestehender Gebäude unter neuen nutzerbezogenen Gesichtspunkten, über didaktische Vermittlungsstrategien für den Unterricht in Schulen bis zu städtebaulichen Visionen für Ballungsräume und aktionistischen Projekten. Die Arbeiten mit interdisziplinärer Herangehensweise beschäftigen sich hingegen mit der sozialen oder auch linguistischen Komponente von Architektur, wie auch mit dem Zusammenspiel derselben mit Musik und Bewegung. Auch die diesjährigen ausgezeichneten Arbeiten spiegeln diese breite Auseinandersetzung von Architektur wieder:

_ Bernhard Sommer/Wien: „Transformer“ (Preisträger)

_ Petra Maier/Wien: „AWWA – Ein Projekt mit sechs Audiowalks zu ausgewählten Wien-

Ambientes“ in Zusammenarbeit mit Kenn Mouritzen (Klang) und Johanne Loegstrup (Produktionsvorbereitung)

_ Ambros Spiluttini/St. Johann i.P.: „Experimentelle Architektur in der Schule“

_ Kristina Schinegger/Wien: „Sonic Tower“

Dem Besucher bietet die Ausstellung dabei neben den im Wettbewerb geforderten planlichen Darstellungen, auch audiovisuelle Möglichkeiten, die einzelnen Projekte näher kennen zu lernen. Weiters kann zu verschiedenen Projekten noch zusätzliches Material, wie Modelle, theoretische Stellungnahmen und Texte eingesehen werden.

Die Jury 2006

Zur Beurteilung der eingereichten Arbeiten wurden folgende Jurymitglieder bestellt:

_ Julian Löffler (Feldkirch/Basel), Preisträger des Jahres 2004

_ Christian Knechtl (Wien), Fachbeirat Bundeskanzleramt

_ Paul Raspotnig (Salzburg), Initiative Architektur Salzburg

(nachnominiert für Helena Paver Njiric, Zagreb/Graz/Berlin)

PROJEKTBESCHREIBUNGEN

PREISTRÄGER > „Transformer“ Bernhard Sommer, Wien

Die Jury würdigt mit dem Förderpreis die kontinuierliche und schrittweise Beschäftigung des Verfassers mit den Themen Form und Veränderung, die Grundlagen seiner „Transformer“- Konstruktionen bilden. Ausgehend von der rechnerischen Durcharbeitung und Modell-Simulation, über die Umsetzung als pneumatische Konstruktion bis hin zu einer mehrmaligen Realisierung mit möglichst geringem Aufwand auf Basis pneumatischer Bälle ist letztendlich die Anwendung dieser veränderlichen Konstruktion für die Freiraum- und Stadtgestaltung angedacht. Sympathisch erscheint an dieser Formenvielfalt aus einer einzigen Konstruktion die konsequente und klare Überlegung, welche komplexen Möglichkeiten eine simple Gebrauchsanweisung einzuschreiben versucht.

Das Projekt

Bei den Transformern handelt es sich um Konstruktionen, die möglichst unterschiedliche Ausformungen in möglichst großer Zahl kontinuierlich hervorbringen können. Über einfache Längenänderungen von Stäben oder Seilen in einem Raumfachwerk kann eine Konstruktion räumlich radikal verändert und kontrolliert werden. Ziel ist es, einen sich permanent verändernden Raum zu schaffen. Man kann zyklische oder sich nicht wiederholende Veränderungen programmieren. Es kann ein Gebäude geben, das mit der Sonne „auf-“ und „untergeht“ oder zu Musik ”tanzt”, ein Gebäude ”leicht und veränderlich wie Wolken”. Der „Transformer“ ist aber auch ein Gebäude, dessen Architekt immer wieder wechseln kann, je nachdem, von wem es programmiert, und damit auch umgeformt wird. Bisher wurden vier „Transformer“-Konstruktionen entwickelt. Der „Transformer 3“ ist der Versuch der Umsetzung mit geringstmöglichem finanziellem Aufwand auf Basis pneumatischer Bälle. Bei dieser Konstruktion werden ausschließlich zugbeanspruchte Elemente benötigt. Sie wurde wiederholt realisiert:

transformer3 im MAK Center LA (September 2002) und für die City of West Hollywood (Santa Monica Boulevard, Oktober 2002 - Jänner 2003).

transformer3 für das Café Leopold im MQ Wien (2003, 2004, 2005).

transformer3 im Rahmen der „Enzyklopädie der wa(h)ren Werte“ im Künstlerhaus (Jänner 2006).

Der „Transformer 4“ ist die geplante Anwendung einer veränderlichen Konstruktion für die Freiraumgestaltung/Stadtgestaltung. Angedacht ist eine „Entrümpelung“ der Plätze durch einen veränderlichen Boden - eine Art Matrix, die durch die Benutzer „in Form“ gebracht werden kann, nach der Nutzung aber der Stadt den Freiraum zurückgibt.

Kurzbiografie > Bernhard Sommer

1969 geboren in Mödling. 1988 - 1999 Architekturstudium TU Wien. Mitarbeit bei Architekten in Berlin und Tokio. Seit 1999 selbständige Tätigkeit als Architekt. 2001 Veröffentlichung des Projekts "transformer 1" in Arch+ 149/150, Arch+Verlag, Aachen 2001. 2002 Aufenthalt in Los Angeles, USA im Rahmen des MAK- Schindlerstipendiums. 2003 - 2007 Univ. Ass. an der Abteilung Hochbau II - Prof. Richter, Institut für Architektur und Entwerfen, TU Wien

ANERKENNUNG > „AWWA – Ein Projekt mit sechs Audiowalks zu ausgewählten Wien-Ambientes“

Petra Maier, Wien; in Zusammenarbeit mit Kenn Mouritzen (Klang) und Johanne Loegstrup

(Produktionsvorbereitung)

Die Jury anerkennt den positiven Ansatz des Projektes, einen Architekturdiskurs auf einer räumlich organisierten Ebene zu führen und dafür aktuelle Phänomene bzw. allen zugängliche Medien (wie iPods) einzubeziehen. Im Vordergrund der interdisziplinären Betrachtungsweise und Vorleistung steht dabei das persönlich erfahrbare Architekturerlebnis.

Das Projekt

Sechs Künstlerinnen (aus den Bereichen Literatur, Architektur, Bildende Kunst, Design und Sound) erarbeiteten zusammen mit einem Audio-Künstler einen je 20 –30 minütigen Audiowalk durch einen von ihnen frei gewählten, öffentlich zugänglichen Bereich von Wien. Diese machen die „Unsichtbarkeit der sozialen Räume“ sichtbar. Die Wahrnehmungsräume der unterschiedlichen Künstlerinnen werden anhand ihrer individuellen Beschreibungen verbunden mit der eigenen Bewegung an jenen ausgewählten Orten. Sie können auch – ohne eigene Bewegung – einfach nachverfolgt werden. So entsteht ein intimer Stadtführer zu Wien, der (eigentlich) der Literatur vorbehaltene Qualitäten des Atmosphärischen

mit dem öffentlichen Raum der Stadt zu verknüpfen sucht. Der für den Audiowalk benötigte MP3-Player kann bei Kooperationspartnern gegen Pfand entliehen werden oder die Audiofiles können als Download in Form von MP3- File direkt von der Website www.awwa.at bezogen werden.

Kurzbiografie > Petra Maier

Geboren 1973 in Judenburg. Studierte Architektur in Graz und Wien. Arbeitete für das FORUM STADTPARK in Graz. Juni 2001 Diplom „mille fleurs“, Technische Universität Graz, Prof. Joost Meuwissen. Freiberuflich tätig für JAKOB + MACFARLANE, Paris und MAISON MARTIN MARGIELA, Paris 2003. Seit Januar 2005 Creative Director für MOSER Architekten Wien

ANERKENNUNG > „Experimentelle Architektur in der Schule“, Ambros Spiluttini, St. Johann/Pg.

Die Jury anerkennt anhand des vorgelegten Workshopprojektes die darin erkennbare Tendenz in der Architekturvermittlung, an der mittlerweile viele ArchitektInnen, PädagogInnen und SchülerInnen teilhaben. Verfolgt wird ein neuer Zugang zum Verständnis von Raum und Gestaltung mittels Methoden, deren Innovation weniger im Ergebnis als im experimentellen Weg dorthin liegt.

Das Projekt

In dieser Arbeit geht es um das Austauschen von Ideen ohne Worte, um gemeinsam im Team ein Projekt zu bearbeiten und zu entwickeln. Eine Grundlage (ein Grundriss, Schnitt oder Modell) wird konzentriert bearbeitet und nach einer bestimmten Zeiteinheit weitergereicht und ein anderer Schüler bearbeitet sie weiter. Die Gesamtbearbeitungszeit richtet sich nach Größe und Umfang der Grundlagen. Es wird mit den Mitteln der Architektur wie Zeichnung, Collage und Modellbau, gearbeitet. Nach Fertigstellung wird das Geleistete von den Teilnehmern präsentiert und gemeinsam diskutiert.

Kurzbiografie > Ambros Spiluttini

Geboren Schwarzach/Pg. 1970. 1996 Dipl. Ing. TU Wien (Prof. Will Alsop). 1998 M. Arch. in Architectural Design, Bartlett UCL London (Prof. Peter Cook). 1999“spiluttini architecture” mit Architektin Caterina Faggi Spiluttini. Lehrtätigkeit: 2003 Seminar Wiener Kunstschule, 2005 Workshop Gymnasium St. Johann.

ANERKENNUNG > „Sonic Tower“ Kristina Schinegger, Wien

Die Jury anerkennt mit dem Entwurf eines vertikalen Konzertgebäudes für moderne Musik die Beschäftigung mit der selten behandelten Bauaufgabe: Neue Musik braucht neue Räume! Der Bandbreite moderner Kompositionen, die nach flexiblen Auditorien verlangt, bietet der überzeugende Entwurf eine konsequente räumliche Umsetzung. Diese führt weg von Zentralperspektive und passiver Haltung des Publikums.

Das Projekt

Sonic Tower holt die moderne Musik, die derzeit noch keine gebaute Manifestation und keine adäquaten Räume in Wien hat, ins Zentrum der Stadt, auf den Karlsplatz. Aus einem neuen Zugang zu den Positionen von Bühne und Publikum wird eine neue Typologie des Konzerthauses entwickelt. Denn, obwohl man Klang von rundum hört, sind konventionelle Auditorien von der Zentralperspektive bestimmt. Positionen von Bühne und Publikum sind fixiert, der Zuhörer befindet sich in einer passiven Haltung. Die große Bandbreite von modernen Kompositionen aber verlangt nach flexiblen Auditorien, in denen Positionen nicht fixiert sind. Auditorien verschiedener Größe und Eigenschaften sind in einem kontinuierlichen vertikalen Körper übereinander angeordnet. Positionen von Musikern und Zuschauern sind flexibel und können sich während der Vorstellungen durch das 100 Meter hohe Auditorium bewegen. Die Entwicklung dieser Idee wurde von einem umfassenden Research in Kompositionstechniken, experimentellen Aufführungsformen und Akustik begleitet.

Kurzbiografie > Kristina Schinegger

Geboren 1979 in Klagenfurt. 1997 – 2005 Architekturstudium an der Universität für Angewandte Kunst, Studio Prix. 2003 – 2004 Auslandsstudium an der Bartlett School of Architecture, UCL London. Seit 2005 Junior Design Architect bei Coop Himmelb(l)au Wien

RÜCKFRAGEN:

INITIATIVE ARCHITEKTUR salzburg

Hellbrunner Straße 3, 5020 Salzburg

T 0043 (0)662/87 98 67

office@initiativearchitektur.at

Verfasser/in:
INITIATIVE ARCHITEKTUR salzburg
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Von li nach re: Bernd Hartmann, Bundeskanzleramt, Kristina Schinegger/Wien, Anerkennungspreis für ihr Projekt „Sonic Tower“, Bernhard Sommer/Wien, Preisträger 2006, Christian Knechtl, Jurymitglied und Paul Raspotnig, Leiter der Initiative Architektur. Fot

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