Architektonische Visionen für die „Schule der Zukunft“: Die Ausstellung im Kunsthaus Mürz stellt „Schule auf den Kopf“ und zeigt, dass Architektur und Pädagogik verschwistert sind.
Derzeit läuft die Ausstellung „Fliegende Klassenzimmer“ im Kunsthaus Mürz. Schule soll auf den „Kopf gestellt werden“, heißt es. Und das beginnt mit dem Infragestellen der bestehenden Ordnung. Eine Metapher dafür ist vielleicht der Kaugummi-Automat, der für die BesucherInnen am Eingang bereit steht. Bubble Gum, Juicy Fruit, Huba-Huba und Co., halten immer öfter Einzug in die Klassenzimmer, da Kaugummikauen angeblich schlau macht. Die Überreste der großen, bunten Kügelchen dürfen nach dem Genuss auf einen eigens dafür vorgesehenen Tisch geklebt werden. Der Akt des auf den Tisch Klebens neben den vielen anderen Überresten hat etwas Subversives, Lustvolles und manch einer fühlt sich in die eigene Schulzeit zurückversetzt. Mit dem Unterschied: Hier ist kein erboster Schulwart, der die Reste wegkratzen muss, und keine Pädagogin oder kein Pädagoge, die/der einen Sittenzerfall befürchtet.
„Raum als 3. Pädagoge“
Zunächst wird ein Blick in die Vergangenheit geworfen. Schulräume haben sich kaum verändert. Seit über hundert Jahren ist das Klassenzimmer im Format von neun mal sieben Meter der vorherrschende Ort eines im Stundenrhythmus getakteten Unterrichts. „Obwohl sich PädagogInnen und ArchitektInnen einig sind, dass zeitgemäße Unterrichtsprinzipien vielfältiger sind und entsprechende Raumformen brauchen“, erklärt Christian Kühn, Professor an der TU Wien und Kurator der Ausstellung, die Idee dahinter. Der österreichische Schulbau ist freilich bunt geworden, allerdings gehen architektonische Innovationen nicht mit funktionalen Hand in Hand. Kühn ist aber überzeugt davon, dass eine Schulreform nur unter Einbeziehung der Architektur in das pädagogische Konzept möglich ist. Denn: Der Raum beeinflusst das Lehren und Lernen. Gesamtschul-Konzepte, die den „Raum als 3. Pädagogen“ (Loris Malaguzzi) berücksichtigen, haben sich bereits in vielen Ländern etabliert. Die dänische Hellerup-Schule oder die schwedische „Futurum Skola“ (GAT berichtete) setzen auf Lernen und Lehren in offenen und flexibel gestaltbaren Lernlandschaften anstelle von Unterricht in Klassenzimmern.
Eigene Visionen entwickeln
Im Zentrum der Ausstellung stehen visionäre und etablierte Raumformen, die mit der Pädagogik korrespondieren. So gibt eine Reihe von ExpertInnen-Interviews in einem eigenen dafür vorgesehenen Bereich Aufschluss darüber, was NutzerInnen über ihre Bedürfnisse und ArchitektInnen über neue Lernräume erzählen. Eine „Grundriss-Revue“ zeigt die Entwicklungen „vom Haus des Lehrers zur Stadtteilschule“ auf. Die 1:1 Installationen regen dazu an, den Umgang mit dem Raum spielerisch zu erforschen und eigene Visionen für die „Schule der Zukunft“ zu entwickeln. Wie das Lernen im Raum anstatt im Klassenzimmer funktioniert, zeigt die dänische Hellerup-Schule. Dass der „offene Lernraum ein Experiment mit Geschichte“ ist, führt das Gymnasium Völkermarkt vor Augen. Wie Kinder mit Räumen experimentieren, wird in dem „Schulraum zum Ausprobieren“ eindrucksvoll vorgeführt. Hier sind dehnbare Raumschläuche und ein Wald mit „leuchtenden Bäumen“ zu sehen.
Die Ausstellung wurde so konzipiert, dass SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern zu Wort kommen. „Die Schule lebt und wächst mit den Menschen, die sie benutzen“, so Christian Kühn. Dabei geht es um die Frage, was dürfen sich in der heutigen Zeit die befragten SchülerInnen, PädagogInnen und Eltern von ihrem Schulraum wünschen.
Idee: Christian Kühn, Institut für Architektur und Entwerfen, TU Wien
Konzept und Gestaltung: Renate Stuefer, Institut für Kunst und Gestaltung, TU Wien;
Antje Lehn, Institut für Kunst und Architektur, Akademie der bildenden Künste, Wien
Wissenschaftliche Assistenz: Ulrike Pitro
Technische Assistenz: Thomas Amman, TU Wien
Kooperation Möbel: Johannes Hoffmann
Kooperation Vermittlung: Johanna Reiner, Thomas Fundneider, Franz Markus Peschl
Mit Beiträgen von Studierenden der beiden Universitäten
kunsthaus muerz: „Fliegende Klassenzimmer“ bis 21. Februar 2010
- Verfasser/in:
- Gerlinde Knaus, Bericht
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