Feuer am Dach der Gemeindestuben

Ein Kommentar anlässlich der zunehmenden Schließungen öffentlicher Einrichtungen, wie Gerichte, Gendarmerieposten, Postämter und Schulen, in steirischen Gemeinden.

24/08/2005

Ein Kommentar anlässlich der zunehmenden Schließungen öffentlicher Einrichtungen, wie Gerichte, Gendarmerieposten, Postämter und Schulen, in steirischen Gemeinden.

Wenn es brennt, die Flammen hochschlagen, ist alles in der Gemeinde da. Die Feuerwehren sind mit ihren neuesten Gerätschaften bestens gerüstet, sogar die Feuerwehrjugend wird in Übungen und Wettbewerben erlebnisreich an die Aufgaben herangeführt. Die Steiermark hat, wie eine jüngste Fernsehsendung zeigte, den größten Nachwuchs an jungen Feuerwehrmännern- und -fräulein. Gut so. Wenn landauf, landab jedoch wegen zahlreicher Schließungen von öffentlichen Einrichtungen Feuer am Dach der Gemeinden ist, macht sich neben Protest große Ratlosigkeit breit. Da helfen auch schwungvolle Blasmusikertreffen nicht aus der Patsche.

Tatsächlich sind die Gemeinden in unserer föderalistischen staatlichen Struktur nicht nur Verwaltungseinheiten, sondern Identifikationsräume. Neben den Florianijüngern erfüllen Sportvereine, Kulturvereine, Bibliotheken, Traditions- und Festveranstaltungen sowie neuerdings Jugendtreffs (Internetcafes etc.) solche gemeinschaftsfördernden Aufgaben.

Realität ist, dass mit der zunehmenden Schließung öffentlicher Einrichtungen wie Gerichte, Gendarmerieposten, Postämter und schließlich Schulen, viel vom Verständnis von Gemeinde verloren geht. Darüber hinaus werden den Bürgern Lasten auferlegt, da sie meist viel längere Wege und die dafür aufzuwendende Zeit opfern müssen. Drohend eine Zeitungsschlagzeile: „Wenn alles zusperrt, stirbt auch das Dorf!“ Die Sorgen, Ängste und Unsicherheiten bei vielen Menschen über die Zukunft des „natürlich gewachsenen Gemeinwesens Gemeinde“ ist verständlich.

Ein Szenarium mit realem Hintergrund

In den Siebzigerjahren hat eine Landgemeinde ein Gemeindehaus mit Gemeindeamt errichtet, um ihren Bürgern nahe zu sein und die kommunalen Aufgaben, die anwuchsen, zu erfüllen. Damit es ein stattliches Haus wird, wurde ein Postamt mit eingeplant, nach Möglichkeit fand der Gendarmerieposten seinen Platz. In Nachbarschaft zur Volksschule errichtet, bot sich ein Saal zur gemeinsamen Benützung an, in seltenen Fällen auch ein Hallenbad. Die Gemeinde bekam ein vitales Zentrum. Wenn nun der Großteil der Zusatzfunktionen verloren geht, steht es schlecht um das „große Haus“ Gemeinde.

Dennoch muss man den Tatsachen ins Auge sehen. Längst ist viel Kaufkraft von der Gemeinde zu den großen Einkaufszentren abgewandert, was den Bewohnern offensichtlich wirtschaftliche Vorteile bringt. Der Arbeitsmarkt ist mobil geworden und führt zu Verteilungen, die durch die Verkehrsströme gelenkt werden. Das gestiegene Bildungsangebot fördert die Entstehung neuer zentraler Orte, die geänderte räumliche Beziehungen aufbauen. Die audiovisuellen Medien bieten Netze, die nicht auf festen Standorten beruhen. Was für die Wirtschaft gilt, kann nicht an der Bereitstellung öffentlicher Einrichtungen vorübergehen.

Das entscheidende Kriterium aber ist wohl die demografische Entwicklung. Der Rückgang der Kinder- und Schülerzahlen in Österreich macht für viele Gemeinden den Erhalt der Volkschule zu einem Problem. Die Statistiken belegen, dass von den 538 Volksschulen in der Steiermark 14 Schulen nur mehr einklassig (4 Jahrgänge in einer Klasse) geführt werden können, 150 Schulen sind weniger als 4-klassig geführt und der verbleibende Rest von 374 Schulen zeigt die Normalform der 4-Klassigkeit. Wenn Schule auf Kontinuität ausgelegt ist, um beste Voraussetzungen für ein weiterführendes Schulsystem zu schaffen, sind 30 % der Volksschulen außerhalb der Norm. Bestehen durch Einsatz der Lehrer auch keine Benachteiligungen für die Schüler, zwingt dieser Umstand dennoch im Hinblick auf den ausgeglichenen Bildungsstandard zum Umdenken. Wir können nicht internationale Normen wie „Pisa-Studien“ diskutieren, zugleich aber selbst gemachte Strukturschwächen verschweigen.

Was ist zu tun? Ich denke, man wird sich von dem natürlich gewachsenen Gemeinwesen „Gemeinde“ als Erfüllungsraum aller Erwartungen verabschieden müssen. Funktionelle Einheiten wie Touristikkooperationen, Infrastrukturverbände und Planungsgemeinschaften sollten ein Beispiel dafür sein, dass das Schulwesen regional geregelt wird. Dann aber müssten klassische Ansprüche an die Planung von Schulstandorten, auch wenn sie für die heutigen notwendigen Zusammenlegungen von Schulen herangezogen werden, berücksichtigt werden. Das bedeutet, dass die Siedlungspolitik sich Gemeinde überschreitend stärker an Schulstandorten orientiert, was heute kaum geschieht. Jede Gemeinde weist dort Bauland aus, wo eine Minimierung der Infrastrukturkosten und leicht verfügbares Bauland zu erwarten sind. Der Schulbehörde wäre nahe zu legen, ihre Entscheidungen in Kooperation mit Gemeindeverbänden zu treffen, um für ihre zweckmäßigsten Standorte Verantwortung mit zu übernehmen. Dann ließen sich lokale Konflikte nicht verhindern, aber im Sinne eines besseren Verständnisses lösen. Wenn die Standorte mit zweckmäßigen Einzugsbereichen übereinstimmen, werden die Bürger hinsichtlich der Zubringung mit öffentlichen oder privaten Verkehrsmitteln Verständnis haben. Dann kann Schule auch ein Identifikationsmerkmal eines Raumes sein, der als lebendige Einheit verstanden wird.

Für jene Zusatzfunktionen, deren die Gemeinden heute verlustig werden, wie Postämter u. a., werden sich sicher Lösungen finden lassen, die mit Strukturveränderungen einhergehen, aber den Ansprüchen der Bürger entsprechen. Schon zeigen Zusammenlegungen mit anderen Versorgungs- oder Dienstleistungseinrichtungen Erfolge, die das Potential synergetischer Wirkungen ausschöpfen.

Vielleicht ließe sich das Feuer am Dach mancher Gemeindestube besser löschen, wenn der Spritzzug der Nachbargemeinde zur Hilfe gerufen würde. Damit wären wir einen Schritt weiter auf dem Weg nach Europa.ZUR INFORMATION

(Anm. d. Red.)

Herr Dr. Aigner von der Fachabteilung 6 B des Landes Steiermark, zuständig für den Betrieb der steirischen Volksschulen, erteilte auf Anfrage von GAT, Ende des Schuljahres 2004/05, folgende Auskunft zu den Volksschulschließungen:

In der Steiermark gibt es derzeit 538 Volksschulen, davon werden 14 Schulen einklassig geführt (Schülerzahl 5-11 pro Schule), rund 150 Schulen werden nicht vierklassig geführt (=nieder organisiert), der Rest verfügt über jeweils 4 Klassenzüge.

SCHULSCHLIESSUNGEN:

_ 2006 werden voraussichtlich keine Volksschulen geschlossen. Allerdings verfügen drei Schulen in der Steiermark derzeit über jeweils nur sieben Kinder: Granitz, Osterwitz und St. Kathrein. Für das kommende Schuljahr wurden hier keine Kinder angemeldet.

_ 2005:

Die VS Graz Wieland und die VS Ries (die Riesschule wurde von der Immorent gekauft, Anm. d. Red.) werden ab dem Schuljahr 2005/06 nicht mehr weitergeführt und somit für den öffentlichen Schulbetrieb geschlossen.

Die beiden Volksschulen Zeltweg I und II werden zu einer Volksschule zusammengelegt.

_ 2004:

In Bruck wurden fünf Volksschulen zu insgesamt drei zusammengefasst.

VS Randling wurde geschlossen

VS Röthelstein wird wegen Schülermangels schon seit 10 Jahren nicht mehr betrieben und wurde 2004 endgültig geschlossen)

_ 2003:

In Knittelfeld wurden zwei Volksschulen zu einer zusammengelegt, ebenso in Gnas. Bei den anderen vier steirischen Schulen handelt es sich um zwei echte Schließungen und eine Zusammenlegung.

Für die Schulschließungen sind lt. Dr. Aigner vor allem die sinkenden Geburtenzahlen und geografische Lagen verantwortlich.

Herr Dr. Aigner ist, sollten Sie Kontakt zu ihm aufnehmen wollen, für diesbezügliche Rückfragen erreichbar unter 0316/877-2100.

Für polit. Belange ist Herr Landesrat Mag. Koren, für pädagogische Belange Frau LI Thoman (T 0664/4619717) zuständig.

Schülerzahlen sind laut Grazer Woche weiter im Sinken begriffen:

97.000 Kinder besuchten 2003/04 steir. Pflichtschulen (VS/HS).

2004/05 waren es noch 95.026, für das nächste Schuljahr sind 92.077 prognostoziert.

Verfasser/in:
Eugen Gross, Kommentar

Weiterführende Links

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