„Exterritories“ und „Resize“ -

Die preisgekrönten österreichischen Beiträge zum internationalen Ideenwettbewerb Schrumpfende Städte/Shrinking Cities, die von Grazer Architekten/innen und Künstler/innen

08/02/2005

Im Rahmen des Forschungsprojektes Schrumpfende Städte, dessen Ergebnisse in der Ausstellung Schrumpfende Städte / Shrinking Cities vergangenes Jahr von 4. September bis 7. November im KW Institute for Contemporary Art in Berlin zu sehen waren, wurden Ursache und Folge schrumpfender Städte in den USA, Europa und Russland untersucht.

Es handelte sich hier um ein dreijähriges Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, der Stiftung Bauhaus und der Zeitschrift archplus.

Beispielgebend für das Phänomen „schrumpfende Stadt“ wurden von Philipp Oswald als leitender Kurator, seinem Team und von lokalen Kuratoren und Projektpartnern die Standorte Detroit und Detroit Suburbia / USA, Manchester und Liverpool / England, Ivanovo und Yuzha / Russland und exemplarisch für Deutschland, Halle und Leipzig untersucht.

Einen Teil des Projektes stellt der im Januar 2004 ausgelobte internationale Ideenwettbewerb „Schrumpfende Städte - Die Stadt neu denken / Shrinking Cities – Reinventing Urbanism“ dar. Die Aufgabe war, neue Handlungsansätze zum Thema Schrumpfung für einen der oben erwähnten Untersuchungsstandorte zu entwickeln.

Im Juni 2004 wählte eine Jury aus 312 Wettbewerbsbeiträgen von Teams aus 23 Ländern zunächst 36 Arbeiten aus, welche in der Folge von deren Verfassern weiter ausgearbeitet wurden. Nach der zweiten Jurysitzung im Oktober 2004 standen die neun Siegerteams fest, darunter das Team der Grazer Architekten Johannes Fiedler & Jördis Tornquist mit dem Projekt „Exterritories“ (Halle/Leipzig) und das Österreichisch-Niederländische Team Eva Grubbauer, Pia Grubbauer, Joost Meuwissen und Wouter Vanstiphout mit ihrem Projekt „Resize“(Halle/Leipzig).

Alle 36 ausgewählten Projekte wurden vom 26.01. bis 30.01.2005 im DAZ (Deutsches Architekturzentrum) in Berlin mehr schlecht als recht der Öffentlichkeit vorgestellt. In einem ehemaligen Lager im Hinterhof der Köpenicker Strasse 48/49, und auf eher ungeeigneten semitransparenten Plexiglas-Stegplatten, die, man kann es ruhig sagen, irgendwie die Präsentationsräume des DAZ okkupierten. Ausgeleuchtet von zu wenig oder zu viel Licht, wurden die Arbeiten, lieblos mit Tixostreifen montiert, ausgestellt. Die Lust zu bleiben verging vielen sehr schnell, vermutlich auch wegen des schlechten und für Berliner Verhältnisse teuren Weines, der hier kredenzt wurde.

Doch nun zu den beiden Projekten „Exterritories“ und „Resize“, die von Grazer Architekten/innen Künstler/innen beziehungsweise Wissenschaftler/innen mit entwickelt wurden.

Mittels eines Essays, welcher 2010 fiktiv im renommierten Magazin Foreign Affairs erscheint, resümieren Johannes Fiedler und Jördis Tornquist, Architekten, Yueshin Lin, Graphikdesignerin, James Jolly, Ökonom und Lea Titz, Fotografin, ökonomische, politische und soziale Entwicklungen, die zur Gründung neuer auf zwischenstaatlicher Vereinbarung basierender so genannter Exterritories führen.

So wird beispielsweise Halle als Raumeinheit aus dem deutschen Rechtsstaat herausgelöst und unter die Souveränität Chinas gestellt, Teile Detroits unter afrikanische und Manchester unter indische Verwaltung, Ivanova wird türkisch.

„Wenn ein Standort mit China konkurrieren will, muss er wie China werden.“ Dieser, Peter Hartz bei der Eröffnungsfeier eines VW Werkes in Guanghzou 2005 fiktiv zugeschriebene, Satz ist der Leitgedanke, der zur Bildung von Exterritories führt.

Ökonomische Aktivität in Form von Globalisierung verursacht Investition ohne geographische Kriterien. Weder natürliche Ressourcen, noch bereits vorhandene Märkte, stellen Kriterien dar, vielmehr sind Arbeitsgesetzgebung, Besteuerung, Lizenzierung und Regierung des jeweiligen Landes von Bedeutung. Diese Entwicklung und das mit der Globalisierung zusammenhängende Unterlaufen der politischen Figur des Nationalstaates werden als Grundlage zur Entwicklung von Exterritories in der ganzen (westlichen) Welt beschrieben.

Dem Prozess des Implantierens eines fremden Gesellschaftssystems innerhalb eines Rechtsstaates durch Gründung von Exterritories soll ein genau formulierter Vertrag vorausgehen, der Balance zwischen den Wertvorstellungen und Gesetzen des Gastlandes und den Reglements des Gastes darstellt.

Gastland und Gast sind hier sicherlich die richtigen Bezeichnungen, denn so wird das Projekt auch verstanden. Das Gastland, beispielsweise Deutschland, vermietet an den Gast China, dessen Land und Infrastruktur. CT Halle entsteht und sieht bald „jeder anderen Nachbarschaft in China sehr ähnlich“.

Der sehr gekonnt formulierte Essay, der die Idee des Wiederfüllens von städtischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Leere durch Implantieren von fremden Gesellschaftsformen artikuliert und die schöne und eindrucksvolle Photographie, die zwei hübsche und zufrieden lächelnde Chinesinnen vor dem zweisprachigen Stadtplan von Halle darstellt, machen das Projekt interessant und reizvoll.

Es bleibt die Frage, ob mit diesem Beitrag die Kernproblematik von Halle, also hohe Arbeitslosigkeit und die daraus folgende Emigration Arbeit suchender Menschen und Überalterung der Gesellschaftsstruktur, getroffen wird. Das hier beschriebene Projekt könnte, so scheint es auch, zum Katalysator von Emigration der ansässigen Bevölkerung führen. Ist diese Entwicklung Konzept?

Diese und wohl viele andere Fragen werden in der von der Projektgruppe geplanten Talk Show zwischen Experten und Politikern, die als Teil der 2. Ausstellung Schrumpfende Städte /Shrinking Cities von 16. September bis 6. November 2005 in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig stattfinden wird, zu spannenden Diskussionen und Beiträgen führen.

Einen ganz anderen Ansatz als das oben beschriebene Projekt verfolgen Eva Grubbauer, Architektin, Pia Grubbauer, Biologin, Joost Meuwissen, Architekt und Stadtplaner und Wouter Vanstiphout, Architekturtheoretiker mit ihrem Projekt „Resize“ für Halle.

Negative statistische Auswertungen über Leerstand von Wohnungen, Arbeitslosigkeit, Überalterung, Abwanderung und Armut in Halle, die in der Ausstellung Schrumpfende Städte / Shrinking Cities gezeigt wurden und auch Teil der Ausschreibungsunterlagen waren, werden hier zum Anlass genommen, positive Erhebungen entgegenzuhalten.

Die in Halle verbliebenen Restidentitäten, das heißt Umstände oder Phänomene die identitätsstiftend sind, werden statistisch erhoben und musealisiert. Es entstehen also, von Interessensvertretern, Gruppierungen und Vereinen initiiert, unzählige kleine Museen. Sie zeigen Phänomene auf, die im Alltag normal erscheinen, übersehen und nicht wahrgenommen werden.

Da wäre beispielsweise das Mauerseglermuseum als Forschungsprojekt zur Rettung der Mauersegler, oder das Krankenhausmuseum, das Osterhasenmuseum, das Landnahmemuseum, eine Interessensgemeinschaft ehemaliger arbeitsloser Landvermesser, die nun durch einfaches Fähnchenstecken Land vereinnahmen können, nicht zu vergessen das Singvogelmuseum und viele andere.

Die Sammlung von scheinbar Unscheinbarem mit dem Mittel der Statistik und deren Musealisierung soll Katalysator für Entwicklung in Halle sein, eine Idee, die von den Projektverfassern als Dynamisierung durch Statistik bezeichnet wird.

Mit diesem Projekt liegt ein konstruktives Konzept zur Einbeziehung von Menschen in Planungszusammenhänge vor, es gefällt der Umgang des Projekts mit dem vor Ort vorhandenen Potential.

Die Arbeit „Resize“ wird mittels Text, einer einfachen Skizze, die den Prozess der Musealisierung und Dynamisierung sehr verständlich erklärt, und mittels eines schönen Übersichtsplans, der das vorhandene Potential von Halle imaginiert, dargestellt.

Dieses sehr positive Projekt sowie das Projekt „Exterritories“ und die sieben weiteren von der Jury ausgewählten Projekte werden in weiterentwickelter Form in der bereits erwähnten 2. Ausstellung Schrumpfende Städte / Shrinking Cities vom 16. September bis zum 6. November 2005 in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig präsentiert und zudem in der kommenden Ausgabe von archplus veröffentlicht.

Verfasser/in:
Elisabeth Krammer "freie Meinung"

Weiterführende Links

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DAZ, das Deutsche Architekturzentrum. Foto: ek
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Party im DAZ Berlin anlässlich der Ausstellungseröffnung am 26.01.2005. Foto: ek
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"Exterritories", der preisgekröte Beitrag des Grazer Architektenteams Johannes Fiedler und Jördis Tornquist
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Ausstellungseröffnung im DAZ Berlin. Foto: ek
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"Exterritories", der preisgekrönte Beitrag des Grazer Architektenteam Johannes Fiedler und Jördis Tornquist
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"Resize", der preisgekrönte Beitrag an dem u. a. die Grazer Architektin Eva Grubbauer entscheidend beteiligt war.
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"Resize", der preisgekrönte Beitrag an dem u. a. die Grazer Architektin Eva Grubbauer entscheidend beteiligt war.

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