Better City, Better Life
Shanghai hat sich herausgeputzt. Die Stadt leuchtet, glitzert und blüht. Und überall – wirklich überall – winkt uns HAIBAO, das Maskottchen, entgegen. Jeder soll sofort merken, dass dies eine Expo der Superlative ist. Im gesamten Stadtgebiet wurden rund 30 Milliarden Euro verbaut, 300 neue Hotels und 100 neue U-Bahnstationen sind entstanden. Und das Motto „Better City, Better Life“ soll durch unzählige neue Grünanlagen bis hin zu Blumenkästen an Rampen von bis zu 5-geschossigen Verkehrsknotenpunkten unterstrichen werden. Gleich hinter den herausgeputzten Boulevards von der Innenstadt bis zum Expogelände kann man jedoch noch das alte, unrenovierte Shanghai der vergangenen Jahre entdecken.
Ob mit U-Bahn, Bus oder Taxi, das Expogelände ist schnell und unkompliziert zu erreichen. Und wer den Eingang 1 (Zone D) an der Luban Road nimmt, kommt auch noch in den Genuss einer Fahrt mit der Fähre über den Huangpu und wird mit einem Blick auf das Hauptareal der Expo mit allen Länder- und einigen Themenpavillons belohnt.
Unser erster Weg führt uns zum chinesischen Pavillon, der die Expo mit seinen gigantischen Ausmaßen dominiert. Nur mit einem Besuch sollte es nichts werden. An keinem der Besuchstage war es möglich, eine Reservierung zu bekommen und so bleibt dieser Bericht in einem entscheidenden Punkt schlicht unvollständig. Ob es sich um eine tatsächliche Überlastung wegen des großen Interesses handelt oder doch aus Marketinggründen ein wenig nachgeholfen wurde, sei einmal dahingestellt. Die Chinesen haben zum Zeitpunkt unserer Abreise angekündigt, dass sie das Ticketsystem verbessern wollen. Späteren Besuchern sei also geraten, es unbedingt zu versuchen, und gleich in der Früh an den Buchungsautomaten Tickets mit Eintrittszeiten zu ziehen.
In Anbetracht der Größe dieser Expo ist es natürlich unmöglich, auch nur ansatzweise alle Pavillons zu besuchen. So haben wir eine Liste mit einem persönlichen Pflichtprogramm gemacht, ergänzt durch Besuche in Pavillons, die auf dem Weg lagen oder an denen man nicht anstehen musste. Ein Muss waren für uns neben dem chinesischen Pavillon alle Pavillons der deutschsprachigen Länder und einiger europäischer Nachbarn sowie die Themenpavillons „Pavilion of Urban Planet“ und „Urbanian Pavilion“.
Die Themenpavillons
Als thematischer Einstieg in die Expo bietet sich der „Pavilion of Urban Planet“ des Berliner Studios Triad und der in derselben Halle befindliche „Urbanian Pavilion“ von Kossman Dejong aus Amsterdam an. Die Namen sind etwas irreführend, denn es handelt sich in Wirklichkeit um zwei große Ausstellungen in einer riesigen Messehalle in der Zone B, direkt an der „Expo Axis“ gelegen.
Triads Konzept basiert auf den 5 chinesischen Elementen (Holz, Feuer, Wasser, Erde und Metall) und dem Ansatz, dass Stadt auch immer beides ist – Ort für Innovationen und Umweltzerstörer. So folgt in der Ausstellungsdramaturgie der „Road of Crisis“ die „Road of Solutions“. Zwischenglied dieser beiden Hauptstränge ist der mit 30 Metern Durchmesser sehr beeindruckende „Blue Planet“, der es mittels Videoinstallation ermöglicht, einen räumlich spürbaren Blick von außen auf unseren (sich scheinbar langsam drehenden) Planeten zu werfen. Ein echtes Highlight, das in seiner poetischen Ruhe für sich spricht und ohne angestrengte Animateure auskommt, wie das im deutschen Pavillon mit der „Energiezentrale“ (ebenfalls Bild des Planeten) der Fall ist.
Mit seiner Ausstellungsfläche von 12.000(!) qm ist die Ausstellung ähnlich dimensioniert wie der „Urbanian Pavilion“, der eine ganz andere gestalterische Sprache spricht. Er fokussiert auf die Bedürfnisse von Menschen und erzählt Geschichten von sechs Familien auf fünf Kontinenten. Anhand von Video- und Rauminstallationen zeigt er, wie diese leben, arbeiten, lernen, ihre Freizeit verbringen oder sich um ihre Gesundheit kümmern. Komplexe Zusammenhänge werden einfach, eindrücklich und gestalterisch höchst überzeugend dargestellt.
Pavillons der deutschsprachigen Länder
China brachte uns das Porzellan und jetzt bringen wir es wieder nach China zurück. Das ist, kurz gesagt, die optische Botschaft des österreichischen Pavillons. Den expressiven Baukörper haben die Wiener Architekten SPAN & Zeytinoglu mit unzähligen kleinen Porzellanmosaiken verkleiden lassen. Eine sehr schöne Idee, die dann leider doch an den handwerklichen Fähigkeiten der ortsansässigen Firmen leidet. Dennoch ist der österreichische Pavillon architektonisch überzeugend und bietet eine Ausstellung, bei der man (Thank God) nicht nur echte Schneebälle auf unechte Berghänge werfen, sondern auch interaktiv typische Landschaften an Wänden und Böden entstehen und verschwinden lassen kann. Das macht Spaß – aber man fragt sich doch, weshalb sich Österreich aus eigenem Antrieb heraus auf reine Tourismusthemen beschränkt.
Der große Bruder Deutschland, der sich mit dem Pavillon „Balancity“ auf einer Fläche von 6000 qm ausbreiten kann, spielt auch mit Klischees, treibt diese aber auf die Spitze. Besucher können sich vor einem Foto von Schloss Neuschwanstein, links einen echten König Ludwig II und rechts eine echte Sissi, fotografieren lassen und die Chinesen lieben es. „Germany in Seven Minutes“ sozusagen. Lennart Wiechell von „Schmidhuber + Partner“ aus München ist ein Pavillon gelungen, der auf den ersten Blick trotz expressiver Formensprache etwas schwerfällig wirkt. Er gewinnt allerdings im Begehen. Der Architekt hatte eine dreidimensionale begehbare Skulptur im Sinn, die keinen Innen- und Außenraum definiert. Vielmehr gehen die Außenbereiche fließend in den Pavillon über. Besucher werden auf Rampen und inmitten von bepflanzten Flächen langsam in das Innere geleitet und erleben dabei ständig wechselnde Perspektiven auf das Gebäude und die umliegenden Pavillons. Das Ausstellungskonzept des Stuttgarter Ateliers „Milla + Partner“ befasst sich mit den Themen „Erneuern und Bewahren“, „Gemeinschaft und Individuum“ und „Globalisierung und Nationalität“. Trotz guter Inhalte und Gestaltung wirkt das Ganze aber etwas erdrückend. Das mag am Besucherandrang liegen und/oder an der schlichten Masse am Dargebotenen. Jedenfalls empfiehlt sich, natürlich erst nach dem Besuch der finalen Show in der „Energiezentrale“, eine Pause oder der Besuch eines Pavillons, in dem so gut wie gar nichts passiert (zum Beispiel der ungarische). Die „Energiezentrale“ ist offensichtlich beliebt bei den chinesischen Besuchern, weil dabei eine riesige Kugel mittels akustischer Impulse (lautes Schreien) im dreigeschossigen Raum bewegt werden kann. Durch das Spektakel führen deutsche und chinesische Animateure, die uns weismachen wollen, dass sich die Kugel tatsächlich interaktiv bewegen lässt. So richtig glauben können wir das aber nicht.
Direkt gegenüber dem deutschen Pavillon liegt der schweizerische und die Fahrt mit der Skigondel sollte man sich nicht entgehen lassen, denn das ist eine der ganz wenigen Gelegenheiten, sich die Expo einmal von oben anzuschauen. (Wobei an dieser Stelle ein Besuch des Shanghaier Stadtplanungsamtes am Peoples Square in der Innenstadt empfohlen sei, wo ein aktuelles Stadtmodell zu sehen ist.)
„Buchner Bründler Architekten“ stellen Stadt und Land gegenüber und setzen dies auf plakative und originelle Weise um. Auf einem mehrgeschossigen Sockel, der an innerstädtische Straßenrampen erinnert, sitzt ein Deckel mit Almwiesen. Die Fassade ist ein transparenter Vorhang aus Aluminiumgeflecht. Darauf angebracht sind intelligente und interaktive rote Leuchtelemente, die Umwelteinflüsse wie Sonne, Blitzlichter oder Wind visuell mittels weißer Blitze signalisieren sollen. Soweit die Theorie, blitzen gesehen haben wir es nicht.
Überraschendes
Der japanische Pavillon war eine große Enttäuschung. Dieses „rosa Kunsthaus“ wirkte von weitem zumindest sehr spannend und Dementsprechendes erwarteten wir vom Inneren. Absolut entsetzt waren wir dann aber über die lieblose Gestaltung und inhaltlich schwache Performance der Japaner. Wer allerdings einen Roboter Geige spielen sehen will, der sollte sich das Anstehen trotzdem antun.
Eine große positive Überraschung war der südkoreanische Pavillon, dessen räumliche Komplexität und gestalterische Frische uns überzeugt haben. Dazu war die spannende Fassade noch bestechend simpel konstruiert.
Eine andere Dimension
Der englische Pavillon spielt schlicht in einer eigenen Liga. Thomas Heatherwick ist ein Bau gelungen, der in allen Kategorien unschlagbar ist. Er ist von einer großen gefalteten Außenanlage umgeben, die vielfältige Blicke auf den Würfelkörper, die „Seed Cathedrale“, ermöglicht und zudem als Relaxzone dient. Atmosphärisch hat das etwas von einer Mittagspause in einem Londoner Park, auch wenn der gesamte Pavillon aus artifiziellen Materialien besteht. Und tatsächlich bezieht sich Heatherwick auf die Tradition der englischen Gärten und Parks und zeigt auf, dass London die grünste Stadt dieser Größe weltweit ist. Daraus wurde die Idee entwickelt, die „Kew Gardens Millenium Seedbank“ zum Mittelpunkt des Pavillons zu machen. Diese Sammlung hat es sich zur Aufgabe gemacht, bis zum Jahr 2020 Samen von 25 % aller weltweit vorhandenen Pflanzenspezien zu sammeln. Der 20 Meter hohe Baukörper besteht aus 60.000 Fiberglasstangen, die tagsüber Licht von außen in den Innenraum leiten und nachts umgekehrt. An den inneren Enden dieser fast acht Meter langen Stangen sind die Samen eingegossen. Betritt man den Innenraum, verändert sich die Atmosphäre schlagartig und tatsächlich hat man das Gefühl, sich in einem sakralen Raum zu befinden.
Wer sich über den Sinn oder Unsinn von Weltausstellungen seine Gedanken macht und angesichts der schieren Größe dieser größten aller Expos ein wenig resigniert, der wird sicherlich durch den Besuch dieses Pavillons entschädigt.
Abschließend sei allen Asthmatikern gesagt: Entgegen allgemeiner Befürchtungen war die Luft in Shanghai erstaunlich klar und sauber. Das allerdings zählt auch zur Rubrik Potemkinsche Dörfer, denn „wie schon bei den Olympischen Spielen in Peking wurde das Wetter beeinflusst und so regnet es regelmäßig sintflutartig, damit die Luft anschließend wieder klar und sauber ist“, so der Restaurantchef des Schweizer Pavillons, der seit einem Jahr in Shanghai lebt und die Stadt auch anders kennt.
Pavillons, an denen man nicht anstehen muss
Nachfolgend eine Sammlung von Kurzbeschreibungen und subjektiven Wertungen von Pavillons, an denen man nicht anstehen muss. Die Wertungen stammen von den Studierenden, die an der Chinaexkursion 2010 der FH Joanneum teilgenommen haben.
Die Skala reicht von 0-10, wobei 10 die höchste Wertung ist.
Australien
Die Geschichte Australiens wird anhand karikaturistischer Darstellungen von Mensch und Tier gezeigt. Show mit Trapezkünstlern.
Wertung: 6
Philippinen
In erster Linie Verkaufsausstellung. Die Hälfte der Fläche bildet ein Restaurant. Animateurinnen klatschen.
Wertung: 1
Indonesien
In traditioneller Bambusbauweise. Räumlich interessanter Rundgang über verschiedene Ebenen. Ausstellungsgestaltung nicht durchgängig. Unguter Materialmix. Für alle, die sich auf Nasi Goreng gefreut haben: das Restaurant konnte nicht fertiggestellt werden. Nett: Für den Schutz von Komodowaranen auf Bildschirm unterschreiben.
Wertung: 4
Vietnam
Im Innenraum großes Wasserbecken mit billig gemachtem Buddha. Rundgang ums Becken. Durchgangszeit 1,5 min.
Wertung: 1
Marokko
Gebäude entspricht ganz dem Klischee Marokkos. Schöner Innenhof mit hübschen Mosaiken. Museum mit historischen Gefäßen und Kleidern.
Wertung: 3
Pakistan
Alles Geld wurde offensichtlich in das Stiegenhaus (mit beigen Fliesen in Marmoroptik ausgekleidet) gesteckt. Ganz schön anzusehen ist der glatte Boden – bei regnerischem Wetter jedoch etwas rutschig. Auf aufsteigenden Dampf werden Hologramme von verschiedenen Kulturgütern projiziert, was eine interessante Wirkung hat. Berühmte männliche und weibliche Persönlichkeiten aus Pakistan werden auf lieblos aufgezogenen Fototapeten dargestellt.
Wertung: 1
Ungarn
Empfehlenswerte Ruhezone. Gute Atmosphäre. Augenentspannung. Poetisch.
Wertung: 7
Portugal
Korkfassade und nix dahinter. Rückwärtsgerichtet und langweilig.
Wertung: 1
Dänemark
Die originale kleine Meerjungfrau wird im Zentrum des radial angeordneten Pavillons präsentiert. Mit Fahrrädern kann das gesamte Gebäude über Rampen befahren werden. Bei unserem Besuch war das gerade verboten, weil die chinesischen Besucher mit den dänischen Bremsen nicht klarkamen und es zu vielen Unfällen kam. Dänemark wollte da nachrüsten. Im Inneren poetische Filme zu Dänemark und zum Thema der nachhaltigen Stadtentwicklung. Vom Dach aus hat man einen ganz guten Überblick über die Expo.
Wertung: 9
Niederlande
Schräge Architektur, die man liebt oder eben nicht. Viele kleine Häuser winden sich an einer „Straße“ hinauf und hinunter. Diese Häuschen sind quasi Vitrinen für die Exponate. Ein absolutes Plus bekommt Holland für die mobilen Schafe auf der Nullebene, die sich die Besucher zum Ausruhen oder Plaudern zu kleinen Herden zusammenstellen können.
Bewertung: 5
Österreich
(siehe deutschsprachige Pavillons)
Wertung: 8
Luxemburg
Außen Rost, innen Holz. Witziger Illustrationenstil. Themen werden auf Holzlatten präsentiert. Schöne Beleuchtung. Ebenfalls gute Rundumsicht auf das angrenzende Areal.
Wertung: 6
Irland
Außen sehr ansprechend. Innen waren offensichtlich verschiedene Gestaltergruppen beteiligt. Anfang und Ende katastrophal schlecht umgesetzt, sowohl in puncto Material als auch Ideen. Der mittlere Teil ist aber höchst professionell und auch mit spannenden Ansätzen und Witz gelöst.
Wertung: 3
Estland
Der Just-for-Fun-Pavillon, in dem man auf einer Karaokebühne zusammen mit einem projizierten Chor ABBA-Songs performen kann. Der Pavillon beherbergt viele bunte überdimensionale Sparschweine, die auch als Sitzgelegenheit dienen.
Wertung: 4
ANKE STRITTMATTER, Architektin und Lehrende an der FH Joanneum Graz, war von 6. bis 20. Mai 2010 mit Studierenden des Masterstudienganges Ausstellungs- und Museumsdesign (Jahrgang AMD 08) auf Chinaexkursion. Der Besuch der Expo in Shanghai war zentraler Programmpunkt.
KONTAKT: anke.strittmatter@fh-joanneum.at
- Verfasser/in:
- Anke Strittmatter, Bericht
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