Experten unter sich

Welche Rolle spielt Architektur in der Entwicklung ländlichen Raums? Das Architektur Laboratorium Steiermark fragte nach.

15/03/2006

Welche Rolle spielt Architektur in der Entwicklung ländlichen Raums? Das Architektur Laboratorium Steiermark fragte nach.

Urbane Ländlichkeit": Zu diesem Thema lud das Architektur Laboratorium Steiermark vergangene Woche ins Literaturhaus Graz, um im Rahmen seines mittlerweile dritten Architekturdialogs über Chancen regionaler Entwicklung in der Steiermark zu diskutieren. Ein nicht ganz unwesentliches Detail vorweg: Die Politik in Person von Kulturlandesrat Kurt Flecker war aus terminlichen Gründen nicht erschienen. So blieben die geladenen Architektinnen und Architekten unter sich - um ein ländliches Thema aus einer einigermaßen bequemen städtischen Perspektive zu diskutieren.

Anlass zur Debatte ist jedenfalls geboten, zumal sich der ländliche Raum hierorts in einem rasanten Umstrukturierungsprozess befindet. "Nach dem Rückzug der Landwirtschaft und der Auflassung einiger Industriezweige gilt es, den gegenwärtigen strukturellen Prozess als Chance zu begreifen", war im Ankündigungstext zur Veranstaltung zu lesen. Wie in den unterschiedlichen Einführungsreferaten zu erfahren war, ist der ländliche Raum in der Steiermark bedeutenden demografischen Veränderungen unterworfen. Während die Zahl der Einwohner in Regionen wie Graz-Umgebung oder Leibnitz überproportional zugenommen hat, sind weite Gebiete der Obersteiermark vom Phänomen der Entvölkerung betroffen. Die Einwohnerzahl von Eisenerz beispielsweise sei seit 1945 von 18.000 auf 5000 gefallen, wusste Architekt Werner Nussmüller zu berichten, der gegenwärtig eine Studie zum Abriss von über 500 Eisenerzer Wohnungen erstellt. Parallel zu demografischen Schrumpfungsprozessen sei eine Überalterung der Bevölkerung zu beobachten: So ist Eisenerz heute auch die Stadt mit dem höchsten Altersdurchschnitt Österreichs.

Aber auch die Zusammensetzung der Bewohner des ländlichen Raums ändert sich. Neben der ursprünglich ansässigen Bevölkerung leben heute vermehrt Städter und Touristen am Land. Land ist urban: Seine Bewohner sind nicht nur via Fernsehen, Telefon und Internet an sämtliche Kommunikationsnetze angeschlossen, sondern leben auch allgemein mobil. Im Schnitt würden fünfzig Kilometer Wegstrecke pro Kopf und Tag zurückgelegt, berichtete Regionalplaner Günter Tischler: "Ohne das Auto wären die Leute im wahrsten Sinn des Wortes aufgeschmissen."

Kann Architektur eine aktive Rolle für eine zukunftsweisende Entwicklung im ländlichen Raum übernehmen? Obwohl ein produktiver Diskurs der unterschiedlichen Standpunkte von Kuratorin Charlotte

Pöchhacker eingangs gewünscht war, taten sich in der Podiumsdiskussion erhebliche ideologische Gräben auf. Während von den Architekten Volker Giencke und Gernot Ritter - Letzterer realisiert gerade das neue Zielstadion Planai - die eher heroische These vertreten wurde, dass engagierte Architektur nicht nur identitätsstiftend für einen Ort, sondern auch als Magnet für Bewohner und Besucher gleichermaßen wirken könne, hoben die Architekten Werner Nussmüller und Paul Rajakovics die taktisch-kommunikative Rolle des Architekten hervor. Nach dem Prinzip des "Planens vor dem Planen" könnten Architekten vor allem moderierend Entwicklungsprozesse begleiten, da wesentliche Entscheidungen fernab der Architekturbüros in politischen Gremien fielen.

Vertreter aus der Politik waren wie erwähnt an jenem Abend nicht zugegen. Gegen Ende stellte sich daher die Frage nach dem Sinn einer derart akademisch geführten Debatte. Architekt Konrad Frey, im Publikum anwesend, brachte es auf den Punkt: "Ich frage mich, ob es Zufall ist, dass der geladene Politiker keine Zeit hatte zu kommen. Wir reden hier - für wen?"

Der Falter Steiermark erscheint wöchentlich, jeweils am Mittwoch.

Verfasser/in:
Fabian Wallmüller, Kommentar; erschienen im Falter 11/06 Steiermark
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