Europan bauen!

Nachlese zum EUROPAN-Symposium „Steiermark heute – Prime Time für Innovationen im Steirischen Wohnbau?“ vom 09. Juni 2005 an der Fachhochschule Joanneum in Graz.

21/06/2005

Der Wohnungsmarkt ist in Bewegung geraten. Angesichts einer stetig wachsenden Bandbreite neuer Lebensformen ist das normierte, auf alten Erfahrungen beruhende Angebot der Wohnbauträger heute nur mehr bedingt in der Lage, die tatsächliche Wunschpalette des Wohnens einer individualisierten Gesellschaft zufriedenstellend abzudecken. Neue Wohnprojekte wie etwa eine eben erst fertig gestellte Siedlungsanlage in der Cité Manifeste in Mülhausen/Frankreich, wo sozial geförderte Wohnungen mit Nutzflächen von bis zu 175 Quadratmetern(!) verwirklicht wurden, aber auch die teilweise noch in Bau befindliche Siedlungsanlage Alpha-Wolf der Gruppe Pentaplan in Graz/Andritz, deren bislang fertig gestellte Bauabschnitte bereits ausverkauft sind, belegen, dass Pilotprojekte, die sich von den üblichen Standards im Wohnbau freispielen, die neuen Zielgruppen am Wohnungsmarkt durchaus erfolgreich erreichen können.

Europan, der europaweit größte Wohn- und Städtebauwettbewerb, hat seit 1989 ein eindrucksvolles Reservoir an innovativen Strategien und Lösungsansätzen entstehen lassen, die Möglichkeiten für eine Aktualisierung des Wohnangebots in Hinblick auf sich wandelnde gesellschaftliche Bedürfnisse skizzieren. Wie relevant dieser Pool an Ideen sein kann, beweisen Standorte wie beispielsweise Wien, wo bislang drei abgehaltene Europan-Wettbewerbe in allen Fällen in eine Realisierung des im Wettbewerb siegreichen Projekts mündeten. In Graz wurden nach sieben Europan-Wettbewerben erst zwei Preisträgerprojekte realisiert. Zentrales Thema des Symposiums „Steiermark heute – Prime Time für Innovationen im Steirischen Wohnbau?“ waren daher vor allem Strategien für die zukünftige bauliche Umsetzung von Preisträgerprojekten am Europan-Standort Graz.

Das letztjährig in Graz gekürte Siegerprojekt belegt die innovative Kraft von Europan auf beste Weise. Andrea Benze und Anuschka Kutz alias OFFSEA konnten mit ihrem Projekt „Das permutierte Einfamilienhaus“ nicht nur den Wettbewerb in Graz für sich entscheiden, sondern brillierten auch im Ranking der Gewinnerprojekte aller europäischen Standorte. Ausgehend von der Problematik der Bevölkerungsabwanderung aus den Städten in die Umlandgemeinden entwickelten sie das freistehende Einfamilienhaus als beliebteste Wohnform Österreichs zum zukunftsweisenden urbanen Wohntypus weiter. Skaliert auf doppelte Größe, kann das Gebäude von mehreren Parteien genützt und nach individuellen Vorstellungen umgebaut werden. Hierbei steht dem Heimwerker ein Sortiment an Raumelementen zur Verfügung, die nicht nur vielfältige Nutzungen erlauben, sondern auch neue Wohnformen stimulieren. In intelligenter Weise kombinieren OFFSEA damit die Notwendigkeit der Verdichtung und Standardisierung im Wohnbau mit dem Wunsch des Häuslbauers nach Selbstentfaltung und Individualität.

Es ist leider bezeichnend für den bisherigen Realisierungsverlauf fast aller Europan-Preisträger in Graz, dass auch das Projekt von OFFSEA bis dato keine Aussicht auf bauliche Umsetzung besitzt – im Gegenteil: Auf dem im Wettbewerb beplanten Grundstück in Graz/Straßgang wird zur Zeit ein gänzlich anderes Projekt verwirklicht. Angesichts dieser Tatsache hat Europan neue Strategien der Umsetzung in die Wege geleitet und den Preisträgerinnen einen Lehrauftrag an der FH-Joanneum, Studienbereich Architektur und Bauwesen, vermittelt. In dessen Rahmen wird das Permutierte Einfamilienhaus nun auf verschiedenen Ebenen weiter entwickelt, zunächst auf akademischem Niveau: In Varianten haben OFFSEA gemeinsam mit den StudentInnen der Fachhochschule Varianten ihres Projekts bis zur Ausführungsplanung durchdacht. Die dabei entstandenen Arbeiten belegen den vitalen Realisierungsanspruch des Projekts auf eindrucksvolle Weise.

Forschung – und Europan kann als angewandtes Forschungsprojekt bezeichnet werden – bildet auf ganz selbstverständliche Weise einen integralen Bestandteil in der ökonomischen Logik jedes wirtschaftlich denkenden Unternehmens, wenn es gilt, auf veränderliche Nutzerbedürfnisse mit attraktiven Angeboten zu reagieren. Auch die Wohnbauförderung in der Steiermark besitzt in der Wohnbauforschung ein solches Ressort, aus dessen Mitteln unter anderem Europan in der Wettbewerbsphase finanziell unterstützt wird. Wenn öffentliche Gelder solcherart aufgewendet werden, sollte in Hinblick auf den effizienten Einsatz der bereits investierten Mittel ein ebenso vitales öffentliches Interesse daran bestehen, Europans Preisträger auch zu bauen. Denn ein innovatives Konzept wird erst durch seine Umsetzung relevant - mit Architektur, die auf dem Papier bleibt, ist letztendlich niemandem gedient.

Stadtplanung wie Wohnbauförderung sind daher dazu angehalten, in diesem Sinne auf die Umsetzung wie auch die transparente Abwicklung der Realisierung verstärkt zu achten. Darüber hinaus müssen von politischer Seite Voraussetzungen geschaffen werden, die eine Umsetzung nicht vom Goodwill einzelner Entscheidungsträger abhängig machen, sondern die Realisierung innovativer Lösungsstrategien strukturell verankern. Denn es gilt eine Win-Win-Situation zu nützen, da wertvolle Erkenntnisse aus realisierten Projekten als Verbesserung der Lebensqualität an die Allgemeinheit zurückfließen. Damit einher geht die Hebung der Standortqualität in Konkurrenz mit anderen europäischer Regionen.

Graz ist beim diesjährigen Europan-Wettbewerb nicht vertreten und gönnt sich damit eine Nachdenkpause. Diese Auszeit bietet der Stadt nicht nur die Chance, zukünftige Teilnahmen an Europan sorgfältiger in die Wege zu leiten, um realistische Aussichten auf die Umsetzung kommender Preisträger zu bieten. Ebenfalls gilt es Netzwerke zu bilden, in denen durch eine Kooperation von Europan und Politik, Wohnbauträgern und Medien ein wirksames Geflecht an Akteuren entsteht, das den Realisierungsprozess effektiv begleitet. GAT löst diesen Anspruch gerne ein und wird Sie in Sachen Europan auf dem Laufenden halten.Das Symposium war eine Veranstaltung der FH Joanneum Graz in Kooperation mit Europan Österreich, unterstützt vom Land Steiermark, der Stadt Graz und dem Bundeskanzleramt:Kunst.

KONTAKT:

office@europan.at

www.europan.at

Verfasser/in:
Fabian Wallmüller, Kommentar

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Für den Umbau steht dem Heimwerker ein Sortiment an Raumelementen zur Verfügung, die nicht nur vielfältige Nutzungen erlauben, sondern auch neue Wohnformen stimulieren. In intelligenter Weise kombinieren OFFSEA damit die Notwendigkeit der Verdichtung und
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Raumelemente, © OFFSEA
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Raumelemente, © OFFSEA
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Beispielhafte Zusammenstellung von Elementen zum Wohnambiente „Distanzwohnen“. © OFFSEA

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