„Es ist ein toller Beruf, ein großartiges Studium.“ Bernhard Hafner zum 70er

"Mein letztes Projekt war die Lackierhalle in St. Peter hinter dem dm-Markt in der Plüddemanngasse. Das ist mein schönstes Gebäude - auch, weil es so gebaut wurde, wie es

26/01/2010

Er erzählt:

Ich habe in Graz studiert, u.a. bei Lorenz, war aber nicht sehr von der TH beeinflusst. Eher beeinflusst haben mich Le Corbusier, die gesamte Moderne, und die Projekte der Konstruktivisten, bspw. das Völkerbundprojekt von Hannes Mayer – es dürfte aus dem Jahr 1927 sein. Mayer war am Bauhaus. Ich muss auch sagen, dass ich Richard Neutra sehr studiert habe. Nach dem 4. Semester war ich in Deutschland bei einem Architekten arbeiten, der ein Neutra-Buch hatte, das mich sehr beschäftigt hat. Aus den Fotos hab ich versucht, die Grundrisse zu rekonstruieren.

In dem, was ich dann gemacht hab, war ich allerdings von dem gar nicht beeinflusst. 1965 habe ich diplomiert. In der Zeit, 1961 habe ich mich immer mit ein paar Kollegen in einem Dachbodenzimmer getroffen, einmal die Woche, ein Semester lang. Wir haben Kirkegaard und Ortega y Gasset gelesen. Ich hatte am Lichtenfelsgymnasium eine gute Ausbildung aus Literatur erhalten. Zu dieser Zeit am Dachboden las ich William Grey Walter, der das Buch „Das lebende Gehirn“ geschrieben hat. Der Umschlag des Buches war vorne mit einem Gehirn und mit Kreisen illustriert, in denen Hirnwellen in Sektoren eingetragen waren. Das blieb mir immer in Erinnerung, ich hab das Buch jetzt noch.

In der Schule haben wir Broch, Böll, Kafka, die Expressionisten gelesen. Über Kafka habe ich maturiert, für das Schloss bin ich einmal drei Wochen auf der Bibliothek gesessen – das waren richtige Literaturkritiken! Wir lasen auch Rimbaud, Verlaine, Mallarmé, Trakl, Benn. Eine Metapher von Mallarmé hat mich besonders fasziniert: „Die Regenmähne, die über die Fensterscheibe wischt.“ Das war wie eine Erleuchtung für mich, weil mich an der Architektur eher die Abstraktion interessierte. Sie hat meine Arbeit dann sehr geprägt. Für mich war immer das Strukturelle wichtig – ich hab damals in der Architektur Fassaden nicht für das Entscheidende gehalten.

1961, 62 habe ich die Archigramme entwickelt. 1962 war ich auf der Sommerakademie bei Rainer, im Frühjahr 1965 bei einem Studentensymposium in Delft und im gleichen Jahr im Herbst bei einem Studentensymposium in Berlin. Damals lernte ich Aldo van Eyck, Sterling, Bakema, Van den Broek kennen, und bin zum ersten Mal auf die holländischen Architekten gestoßen. 1961 sind wir zu viert in einem VW-Käfer im Sommer nach Frankreich gefahren, haben alle Corbusierbauten besichtigt, sind nach Lascaux gefahren. Ich hab die Höhlen noch besichtigt, nachdem wir herausbekommen hatten, wer in der Dordogne für die Höhlen zuständig ist. Wir kamen an einem Sonntag dort an und der Zuständige hat uns noch am Sonntag geführt. Ronchamp war der Anfang. Wir hatten eine gute Baukunstvorlesung bei Zotter, Laggner, bei Riehl Kunstgeschichte. Die Villa von Garches besichtigten wir, nachdem wir zufällig den Hausmeister der Villa getroffen hatten! Über das Périgord sind wir dann nach Moissac gefahren. Ich erinnere mich an wunderschöne Marienskulpturen dort, eine davon mit einem Esel, und ich erinnere mich, dass ich die genommen und ins Licht gestellt habe, um sie zu fotografieren.

Toulouse, Marseille, die römischen Anlagen von Orange und Nîmes, und weiter nach La Tourette. Wir sind vor Sonnenuntergang nach einem Regen hinuntergekommen, da stand das vor uns; das war 1961.

Dann Rainer und die zwei Studentensymposien – ich war dadurch an Graz nicht gebunden. Ich kann nicht sagen, dass ich in der Architektur von den Professoren viel gelernt hätte, eher von den Bauingenieuren.

1966 stellte ich im Sommer innerhalb von zwei Monaten nach Einladung durch Wilfried Skreiner eine Personalausstellung in Graz, „Struktureller Städtebau“, zusammen. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu den Studenten und auch zur Hochschule. Ich nahm beispielsweise auf Einladung Gottwalds an einer Diskussion über eine Studienreform Teil. Im Ausland war ich insgesamt 13 Jahre. Einen Tag vor der Eröffnung meiner Ausstellung hier bin ich mit Repolusk durch den Stadtpark gegangen, und der sagte, „Die Architekten bauen deshalb nicht mit Ziegeln, weil der LH eine Ziegelfabrik hat.“ Ich übernahm das und sagte das bei der Eröffnung in meiner Rede. Da wurde der Hofrat B.-K. ganz blass, Skreiner ebenfalls. Die Ausstellung sollte geschlossen werden, der Hofrat meinte, der LH würde mir ein Gerichtsverfahren anhängen. Ich aber hatte die Fahrkarte nach Amerika bereits in der Tasche, und später erfuhr ich, dass Krainer mir niemals mit einem Verfahren gedroht hatte, ja, meine Arbeit schätzte, sondern der Hofrat in seinem Eifer das so gesagt hatte.

1979 war ich also in Amerika und studierte ein Jahr lang an der Harvard Urban Design. Ich hatte Seckler, Zoltan, Jose-Lluis Sert war der Dekan, sonst war die Schule nichts Besonderes. Ich hörte David Riesman, der damals das Buch The Lonely Crowd geschrieben hatte, das ihn berühmt gemacht hatte, hörte Galbraith u.A. Anschließend ging ich an die UCLA Los Angeles zum Unterrichten. Die Schule war neu und im Aufbau. Mit Richter, Hönig, Capra und Gerngroß waren wir zu fünft, eine kleine Grazer Enklave, ich habe Städtebau unterrichtet. Zum Schluss an Harvard hatte ich die Idee, bestimmte sozioökonomische Größen graphisch darzustellen. Ich bin auf den US Census gestoßen. Im UCLA hatte IBM für das Medical Center einen Mainframe Computer, ein 360er Modell, bereitgestellt - man zeichnete auf der CRT mittels Programmen ohne Maus, die damals bei SDC und der Rand Corp. gerade in Entwicklung war. Das war 1968. Ich hatte Programme, mit denen man programmieren konnte, man musste damals noch alle Befehle eingeben, z.B. „zeichne eine Linie“ etc.

Das waren theoretische Arbeiten, denn die Stadtplanung ist ja dort wie bei uns untergeordnet. Als ich wegging, war ich ein Semester an der Cornell University, von dort ging ich nach Köln, wo ich um die Architektenlizenz ansuchte und Wettbewerbe machte. Ich habe aber dann gesehen, dass diese Jurien und diese Architekturpraxis wenig Interesse an substanzieller Arbeit hatten. Ich kriegte das Angebot aus Texas, die Leitung der Architekturschule, das Graduate Programm, zu übernehmen. Ich war zwei Jahre in Texas, aber meine Frau und mein kleiner Sohn waren in Köln geblieben. Während dieser Zeit war ich bei Huth in Graz angestellt und kriegte daher die Befugnis.

Nach Graz gegangen bin ich, weil ich als Architekt auch etwas bauen wollte. Willkommen wurde ich nicht geheißen: Einmal wechselte ein Kollege die Straßenseite, als er mich sah. 1970 hatte sich das Rechenzentrum Graz an mich gewandt, man wolle das Rechenzentrum im UCLA Medical Center besuchen, ob ich behilflich sein könne. Ich arrangierte die Besichtigung durch die Delegation unter Leitung von Dr. Raimann. Als ich mich nach meiner Rückkehr nach Graz mit der Frage an ihn wandte, ob er mir bei der Fortführung meiner wissenschaftlichen Arbeit mit dem Computer behilflich sein könnte, erhielt ich nicht einmal eine Antwort.

Nach meiner Rückkehr hatte ich den ersten Auftrag: die Regionalplanung in Voitsberg. Dann machte ich den ersten Wettbewerb, die Grabenstraße, und hatte ein paar private Aufträge. Es kam die Wohnanlage Rettenbach und 1996, zuletzt, die Landesberufsschule.

In Wettbewerben allerdings kann man nur mit großen Schwierigkeiten Architektur machen.

Drei Mal habe ich dann noch in New Jersey unterrichtet, das vorletzte Mal nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme.

Mein letztes Projekt war die Lackierhalle in St. Peter hinter dem dm-Markt in der Plüddemanngasse. Das ist mein schönstes Gebäude - auch, weil es so gebaut wurde, wie es entworfen worden war.

In der Architektur mache ich nichts mehr. 1996 hatte ich meinen letzten Auftrag; ich bin irgendwie von der EU-Sache überrollt worden. Danach, 2003, habe ich einen Wettbewerb von der Kammer gewonnen, den sie mir aber kaputt gemacht haben, den sie mir abgedreht haben. Jetzt mache ich wieder Städtebau-Simulation. Ich programmiere mit Fortran Dateien, die man mit Autocad einlesen kann. Das möchte ich noch fertig machen – eine abstrakte Arbeit. Zweitens befasse ich mich mit Fotovoltaik. Zum Lesen komme ich nicht mehr so viel. Ich habe selbst ein Buch mit Zeichnungen herausgegeben, im Büro am Hauptplatz habe ich am Wochenende immer gezeichnet, mit Kohle.

Ich bin stolz auf meine Arbeiten, ich habe mit Studierenden ein paar tolle Projekte gemacht, darunter ein Stadtmodellprojekt. Ich bin auch eingeladen, in diesem Sommer ein Studio an der TU zu führen, auf Basis meiner utopischen Arbeiten.

In einer Ausstellung, die wir 1965 gemacht haben – Ferdinand Schuster war gerade Professor geworden und Gemeinderat in Kapfenberg – haben wir im Volkshaus Kapfenberg das Hochhaus am Schlossberg von Gartler gezeigt, wo die Mur aufgestaut war. Ich habe eine Flussüberbauung als Stadtzelle entworfen, mit Fluss, Restaurant, Freilufttheater, Goldschmied. Die Brücke ist ins Wasser hinuntergegangen, der Fluss war die Ljubljanica, die beiden Projekte eigentlich zwei gegensätzliche Modelle. Schuster hatte die Ausstellung eigentlich mit der „Blutgruppe“ vorgehabt, aber die waren nicht fertig geworden, und so hatte er mich am Gang angesprochen, ob wir Studenten nicht eine Ausstellung machen wollten. U.a. hat Gunther Falk in der Tagespost darüber geschrieben, und gerade diesen Artikel habe ich verloren! Ich kannte ja „die ganze Blase“, also Falk, Handke und die anderen, wir haben uns damals bei Gerry im Keller getroffen.

Gottwald war wegen der Ausstellung ang‘rührt. Er war damals der Dekan, und es war keine Ausstellung, die die TH organisiert hatte. Es war etwas Neues für Graz, obwohl damals gute Projekte entstanden sind, von der Werkgruppe, oder von Ilgerl, Peneff, Walch und dann von Huth-Domenig. Die Straßenmeisterei in Liebenau entstand damals und die Eishalle, die eine Revolution für Graz war.

Ich habe schon gewisse Aversionen gegen vieles, von dem kann ich mich gar nicht retten. Von der Politik gar nicht zu reden.

Aber es ist ein toller Beruf, ein großartiges Studium.Danke für das Gespräch!

Verfasser/in:
Eva Mohringer, Maria Nievoll; Gespräch

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Fotos: Eva Mohringer-Milowiz

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