Eröffnungsrede steirischer herbst 2008

Veronica Kaup-Hasler eröffnet den steirischen herbst 2008 im „Volksbad Waagner-Biro-Straße“, einer begehbaren Installation von Christoph Steinbrener und Rainer Dempf.

02/10/2008

Veronica Kaup-Hasler

BEGRÜSSUNG (...)

Wir befinden uns im „Volksbad Waagner-Biro-Straße“, einer Installation von Christoph Steinbrener und Rainer Dempf. Seit einigen Jahren arbeiten der Bildhauer Christoph Steinbrener und der Typograph und Fotograph Rainer Dempf an künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum. Das Künstlerduo thematisiert in seiner Arbeit visuelle Strukturen in der Öffentlichkeit wie auch soziale Interaktionen – wie zum Beispiel im Projekt „Delete“, bei dem in der Wiener Neubaugasse für vierzehn Tage alle Logos und Werbeanzeigen verhüllt wurden.

Für die Eröffnung des steirischen herbst haben die Künstler diese große begehbare Installation entwickelt, die – wie Sie bereits bemerkt haben werden – zu Eigeninitiative und Zusammenarbeit einlädt. Sie muss von Ihnen als Publikum erobert und für die jeweils eigenen Bedürfnisse adaptiert werden. Sie befinden sich also in einer Situation, die Sie vielleicht nicht so geplant, gewollt haben, eine Situation mit Hindernissen, die Sie herausfordert. Jeder einzelne, jede einzelne von uns muss sich fragen, wie er/sie sich verhält. Welche Strategien finden wir, um mit dieser Situation umzugehen? Sind wir wagemutig, verbünden wir uns, kapitulieren wir? Wer wird schummeln, flüchten, teilen? Geben wir auf einander Acht, sind wir erfinderisch, verschwören wir uns gegen ein vorgegebenes „Programm“? Gleichzeitig wird in diesem „Volksbad“ auch die Frage nach der Konvention von gesellschaftlichen Ereignissen, nach Ritualen und gewohnten Abläufen von Eröffnungen gestellt – und der steirische herbst gehört zweifellos zu den großen Ereignissen in diesem Land. Im „Volksbad Waagner-Biro-Straße“ werden künstlerische Arbeit und Eröffnungsfest nicht wie üblich voneinander getrennt, sondern sind beides in einem.

Heute Nacht, wenn wir alle schon wieder zuhause sind – oder noch draußen im Foyer tanzen – wird das Volksbad bereits wieder verschwinden und in extrem kurzer Zeit und mit großem Engagement bereits ein ganz anderer Raum geschaffen: Die Bühne für die morgige Premiere von „Bleib opus #3“, einer Arbeit des französischen Choreographen Michel

Schweizer, die ebenfalls hier in der List-Halle zu sehen sein wird. Wie so oft haben Entdeckungen mit Zufällen und mit Risikobereitschaft zu tun. Als ich von Michel Schweizer gehört hatte - einem im deutschsprachigen Raum bis dato unbekannten Künstler, war meine Neugierde geweckt: Denn es hieß, er stellt zwei in Frankreich bekannte, hochseriöse Philosophen (und Lacan-Schüler) mitten zwischen fünf hochtrainierte Schäferhunde und lässt sie dort über Grundfragen der Gesellschaft diskutieren. Und wie Sie morgen sehen können: Meine sehr kurzfristige und ziemlich haarsträubende Reise von Graz über Paris, nach Bordeaux und dann noch ins 200 km entfernte Boulazac hat sich gelohnt: Das Theater, das Michel Schweizer macht, ist wahrlich keines, das man kennt. Der Choreograph hat in der Tat eigenartige und gleichermaßen faszinierende Bilder für das Unbehagen in der Kultur gefunden. Ausgehend von den Themen des Weltwirtschaftsgipfel von Davos, erörtern auf der Bühne der Philosoph und der Psychoanalytiker, wie wir in Frieden zusammenleben könnten, oder: wo unsere Gesellschaft zwischen Markt und staatlicher Kontrolle steht. Was ist Erziehung, was ist Dressur, wo beginnt die Deformation, wie viel Kontrolle brauchen wir? Dies alles vor dem Hintergrund latenter Bedrohung, die von den Hunden ausgeht. Ein Bild, das die gefährdete Gesellschaft, in der ein Kippen jederzeit möglich ist, faszinierend und irritierend zugleich auf den Punkt bringt. Im Programmieren gibt es also solche Momente der "Liebe auf den ersten Blick" wie bei Michel Schweizer oder dem Nature Theater of Oklahoma, die wir im letzten Jahr entdeckt hatten und dieses Jahr mit einer anderen Arbeit wieder eingeladen haben.

Viel häufiger gibt es aber Beziehungen zu Künstlern, die über Jahre hinweg entstanden sind, wo in vielen Gesprächen überlegt wurde, wann man zusammen kommt, was der richtige Ort, die richtigen Arbeitsbedingungen sind. Wie zum Beispiel Meg Stuart, die international heftig umworbene Choreographin, die eigens für die List-Halle eine neue Arbeit macht, die Fragen stellt: Welche Rituale gibt es, die uns helfen Gemeinschaften zu bilden und die uns helfen mit dem Unglück und dem Glück umzugehen, das zum Leben gehört? Meg Stuart wird in der riesigen Halle Momente der Intimität und der Begegnung schaffen – und stellt dabei sehr elementare Fragen nach unserem Leben und unserem Tod. Aber das sind nur einige Beispiele aus einem reichen Programm des diesjährigen steirischen herbst und wie viele andere sind sie eng verwoben mit dem Leitmotiv, das wir für heuer vorgegeben haben: „STRATEGIEN ZUR UNGLÜCKSVERMEIDUNG“: Lange haben wir uns mit diesem Thema beschäftigt – das, wie man spätestens seit der letzten Neuwahl vermuten darf, offensichtlich leider nicht auf der Agenda der bis dato regierenden Großparteien unseres Landes gestanden ist.

„STRATEGIEN ZUR UNGLÜCKSVERMEIDUNG“: Als wir das dieses Leitmotiv des steirischen herbst bekannt gegeben haben, gab es immer wieder Fragen wie: Ist das nicht zu negativ? Warum vom Unglück ausgehen, warum nicht stattdessen die Frage nach dem Glück stellen? Aber genau darum geht es uns: nicht um den verzagten, deprimierten Blick auf die Welt – sondern darum, wie wir aktiv sein können: Handeln und die Welt, - und sei es im Detail - verändern. Wir fragen, was das heißt, handelnd, selbstbestimmt das Leben in die Hand zu nehmen? Welche Strategien entwickeln wir, um Unglück zu verhindern? Es gilt da wohl, einmal mehr die großen gesellschaftlichen Utopien zu hinterfragen, den einfachen plakativen Lösungen zu misstrauen. Natürlich ist der Titel spielerisch und ironisch gemeint - Wir sind nicht blind gegenüber der Realität. Wir wissen: Für jeden Handlungsvorschlag gibt es unzählige Gegenvorschläge, jedes Problem ist vernetzt mit so vielen anderen Fragestellungen, dass „Lösungen“ nicht selten uneinschätzbar scheinen. Wir wollen uns aber nicht in einer zynischen Haltung und in pragmatischem „Realismus“ wohlig einrichten. Im Gegenteil: Wir suchen den Ausweg. Und wir suchen nach Handlungsoptionen. Und schreiben Listen. Das tut man, wie jeder und jede von ihnen aus eigener Erfahrung weiß, wenn die Verhältnisse unübersichtlich geworden sind, wenn man Handlungsoptionen sortieren und Ordnung in ein Chaos bringen muss, dessen man nicht mehr Herr zu werden droht. Und so hat die Suche nach den „Strategien zur Unglücksvermeidung“ eine Liste generiert – lachhaft, trickreich, pragmatisch, naiv, überzeugt, den Blick aufs große Ganze ebenso gerichtet wie auf die kleinen privaten Details und Halböffentlichkeiten: Der Bogen von 100 Begriffen spannt sich von A wie Abschalten und B wie Befreien über K wie Kritisieren, S wie Sprengen, W wie Wiederverwenden bis hin zu Z wie Zusammenrücken. Es liegt im Wesen von Listen, dass sie zuweilen paradox erscheinen. Auch diese wirkt zunächst wie einem privaten Kontext entnommen, spontan auf einen Bierdeckel gekritzelt – und ist doch anwendbar auf andere Sphären des Daseins. Sie gelten für private Kontexte ebenso wir für gesellschaftliche, politische.

Die Liste war Inspiration und Ausgangspunkt für viele Gespräche mit Künstlern und Kollegen, die mit ihren Fragen und Ergänzungen eben diese Liste ihrerseits verändert und ihre je eigenen Prioritäten gesetzt und somit wieder neue Ordnungssysteme erstellt haben. Die Suche nach Strategien zur Unglücksvermeidung werden Sie in diesem herbst in allen Bereichen der Kunst immer wieder finden – mal offensichtlicher, mal versteckter. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang aus der Fülle an Ereignissen, die dieser steirische herbst für Sie bereithält, noch ein letztes Bild herausgreifen: Seit einigen Wochen bereits zum Anziehungspunkt geworden, steht vor dem Joanneum, das das Architekten- und Künstlerteam raumlaborberlin zu einem Festivalzentrum umgebaut haben, eine riesige Skulptur, die eine Explosion darstellt. Inspiriert wurden die Architekten durch die in der Filmgeschichte legendär gewordene Explosion am Ende von Zabriskie Point. Zabriskie Point ist ein Roadmovie des italienischen Regisseurs Michelangelo Antonioni. Vor dem Hintergrund der Studentenrevolten von 1968 erzählt der in Amerika entstandene Film in zum Teil allegorisch-visionären Bildern vom Mythos eines Wunderlandes, von der Faszination seiner unbegrenzten Möglichkeiten und von den Symptomen seines Zerfalls, wobei utopische Wunschträume unvermittelt in tödliche Alpträume umschlagen. Der Film endet mit einer über mehrere Minuten dauernden wiederholten Explosion eines Hauses, wobei alles in slow motion gefilmt wird – man sieht überall Hausrat, Kleidungsgegenstände, Bücher, Nahrungsmittel, Blech- und Holzteile, die in dieser Langsamkeit plötzlich anfangen zu schweben und eine eigentümliche Poesie des Chaos vermitteln. Das Bild der Zerstörung – eben nicht dunkel und staubig, sondern lichtdurchflutet - kippt in etwas anderes, das zugleich den Keim des Neuanfangs in sich trägt. Für raumlaborberlin ist diese gebaute, in der Zeit festgehaltene Explosion auch das Bannen einer Angst: Das was man fürchtet, wird gezähmt und umfunktioniert – ein Möglichkeitsraum. Ab morgen, wenn das Zentrum eröffnet wird, sind Sie herzlich eingeladen, diese Skulptur auch zu begehen und von innen zu sehen – Sie können also erfahren, wie es ist, mitten in der Katastrophe zu stehen – die dann so bedrohlich nicht wirkt. Und Sie können dieses Festivalzentrum erleben, in dem sich Künstler, Kollegen und das Publikum treffen.

In den nächsten vier Wochen haben Sie die Möglichkeit in rund 100 Einzelveranstaltungen eine Fülle von künstlerischen Arbeiten mitzuerleben – und wir sind stolz, dass es gelungen ist, fast ausschließlich neue Arbeiten zu zeigen, die für oder durch den steirischen herbst entstanden sind. Wie immer mit großem Risiko – schließlich weiß man vorher nicht genau, wo der künstlerische Prozess hinführen wird. Aber wir müssen darauf bestehen, diese Tradition zu wahren: Kunst zu ermöglichen, nicht nur vorzuführen. So entstehen wieder zahlreiche Arbeiten, die anschließend in Europa und darüber hinaus weiter zu sehen sein werden. Für den heutigen Abend darf ich Sie nur noch auf das Konzert von People Press Play aus Dänemark hinweisen, das um 22 Uhr beginnen wird. Hier trifft Electronica auf Songwriting, Jazz auf feingliedrigen Sound – und mischt sich mit der wunderbaren Stimme von Sarah Savary.

Mein Dank gilt allen Ermöglichern und Unterstützern aus Politik und Wirtschaft – wir haben Ihnen wieder einen eigenen Trailer gewidmet, den wir jetzt sehen werden. Und danach freue ich mich, mit Ihnen weiter den Auftakt des steirischen herbst im „Volksbad Waagner-Biro-Straße“ begehen zu können und hoffe, dass wir weiterhin nicht nur lustvoll über den eigenen Schatten, sondern auch über andere Hindernisse springen werden. Auch nach diesem Abend.

Verfasser/in:
Veronica Kaup-Hasler, Intendantin steirischer herbst
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Veronika Kaup-Hasler, Intendantin steirischer herbst

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