Am Dienstag, den 10. Mai 2005 wurde das vom amerikanischen Architekten Peter Eisenman gestaltete Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin mit einem politischen Festakt eröffnet und seiner Bestimmung übergeben.
Eine lang währende Diskussion um ein angemessenes Gedenken des Undenkbaren und eine Darstellung des Nicht-Darstellbaren, die 1988, also noch vor dem Fall der Berliner Mauer, ihren Anfang nahm, hat dann einen vorläufigen, zumindest baulichen Abschluss gefunden. Auf dem Weg vom Potsdamer Platz zum stark frequentierten Brandenburger Tor gelegen, ist das Denkmal ein weiteres gebautes Zeichen der Gedenk- und Erinnerungskultur der Berliner Republik.
Nach gut zweijähriger Bauzeit, zwei durchgeführten Architektenwettbewerben und Entwürfen, die mit viel Polemik von Siegern und Verlierern begleitet wurden, kann nun endlich über das konkrete Denkmal gesprochen werden. Die widersprüchlichen inhaltlichen Diskussionen und die schwierige Planungsgeschichte sind dem Denkmal nicht anzusehen, vielmehr präsentiert es sich als eine schöne und stringente, begehbare Skulptur. Konzeptionell hat Peter Eisenman die 19.000 Quadratmeter große Fläche des Grundstücks, die in etwa der eines typischen Berliner Blockes entspricht, durch ein regelmäßiges Raster von 95 Zentimetern strukturiert. 2711 rechteckige Betonstelen mit einer Breite von 95 und einer Länge von 237,5 Zentimetern sind auf dieser orthogonalen Partitur gleichmäßig verteilt. Die Ausrichtung der Volumen nach Ost-West schafft eine subtile Offenheit zum Grünraum des angrenzenden Tiergartens und kann gleichzeitig als eine städtebauliche Referenz an Berlins Geschichte als geteilte Stadt, und deren Überwindung, gedeutet werden. Als „offenes Kunstwerk“, wie der Herausgeber der „Zeit“, Michael Naumann, die programmatische Zielsetzung formulierte, bewegt sich das Denkmal im ästhetischen Spannungsfeld von Landart und Skulptur. Ohne erkennbaren Eingang, von allen Seiten gleichermaßen zugänglich, schwingt sich von den niedrigen Rändern eine sanft modellierte Landschaft aus grauen Betonstelen in wellenförmigen Bewegungen bis zu einer Höhe von fast fünf Metern auf und lässt keinerlei Ordnung und Zentralität erkennen. Der dieses Spiel kontrastierende, in Senken und Erhebungen verlaufende Boden und die unregelmäßigen vertikalen Verkippungen der Stelen geben der Landschaft eine Dramatik der Unruhe und Beklommenheit des aus dem Lot Geratenen. Die schmalen Gassen aus dunkelgrauem Betonpflaster, in denen man fast den Boden unter den Füßen zu verlieren scheint, sind alles andere als gemütlich und führen zu keinem erkennbaren Ausgang oder Ziel. Sie verstärken nur das intensive Gefühl eines „Terrors der Einsamkeit“, was Jürgen Habermas als die geeignete Sprache einer kompromisslosen Kunst für eine solche Aufgabe genannt hat. Orientierung können dem Besucher nur die Landmarken der in der Ferne angrenzenden Architekturen verschaffen, ansonsten befindet man sich isoliert in einem dunklen und aufgewühlten Meer unter der Weite des Berliner Himmels. Die monochrome Erscheinung des Denkmals lässt in seinem Inneren die einzelnen Elemente zu einem monolithischen Ganzen verschmelzen und paraphrasiert auf diese Weise die Dialektik von Individuum und Kollektiv. Zu den Rändern an den angrenzenden Straßen löst sich diese emotionale Spannung und räumliche Dichte auf, Figur und Grund werden wieder voneinander unterscheidbare Bezugssysteme.
Als historische und intellektuelle Hilfestellung wird den Besuchern im Südosten der Landschaft der unterirdisch errichtete „Ort der Information“ zur Verfügung gestellt. Eine einläufige Treppe führt bis zu 250 Besucher gleichzeitig herab in einen gut 1600 Quadratmeter großen Ausstellungsraum, in dem grundlegende Informationen zum Holocaust vermittelt werden. Mit dem Stelenfeld ist der Raum architektonisch auf vielfältige Weise verknüpft, die Rasterung des Feldes wird als Gestaltungsmerkmal auch darunter wiederholt, sei es in der Decke, in der Positionierung der Wände oder im Boden, teilweise scheinen sich die Stelen auch in die Unterwelt durchzudrücken und werden zu Ausstellungskästen oder Vitrinen. Inhaltlich ist die Ausstellung in vier Räume unterteilt, die sich auf verschiedene Arten dem Phänomen des Holocausts annähern. Der Raum der Dimensionen präsentiert dabei Zahlen aber auch Zeugnisse der Ermordeten, wie Abschiedsbriefe und Tagebücher, der Raum der Namen benennt dann die Opfer. Auf die glatten, schwarzen Wände wird jeweils ein Name projiziert, während eine Stimme in deutscher und englischer Sprache den dazugehörigen Lebenslauf erzählt. Der Raum der Orte verknüpft die Schicksale mit den Stätten der Vernichtung und der vierte Raum schließlich erzählt stellvertretend die persönliche Leidensgeschichte von sechs exemplarischen jüdischen Familien.
Eine enge Kooperation mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, die unter anderem ihre Datenbanken für die Namensrecherche zur Verfügung stellt, sowie Hinweise auf weiterführende Informationen durch andere, ergänzen die Ausstellung und vernetzen das Berliner Denkmal mit anderen Gedenkstätten weltweit. Das Changieren zwischen Oben und Unten, Körper und Gewissen, Emotion und Intellekt entwickelt eine bedingungslose sinnliche Kraft und gibt diesem Ort der Erinnerung eine Aura der sich wohl kaum ein Besucher zu entziehen vermag.
Das Denkmal ist ab dem 12. Mai 2005 täglich 24 Stunden zugänglich, der "Ort der Information" täglich von 10.00 bis 20.00 UhrZUR INFORMATION (Anm. d. Red.)
Noch bis 22. Mai 2005 ist im MAK Museum für angewandte Kunst in Wien die Peter-Eisenman-Ausstellung "Barfuß auf weiß glühenden Mauern" zu sehen. Die Ausstellung, die den historischen Raum der MAK-Ausstellungshalle mit einem temporären Bauwerk überlagert, zeigt noch knappe zwei Wochen Peter Eisenman als Architekt, Theoretiker, Autor und Lehrenden.
Begleitet wird das Finale dieser bedeutenden
Architektur-Ausstellung im MAK von zwei Höhepunkten:
_ Dienstag, 17. Mai 2005, 19.00 Uhr:
VORTRAG
Andrew Benjamin, Professor, Critical Theory in Design and Architecture, University of Technology, Sydney
"Displaying Architecture: Eisenman’s Exhibition"
_ Samstag, 21. Mai 2005, 14.00-17.00 Uhr:
SYMPOSIUM
"Twelve Years of Folding - Deleuze and the IT-Revolution in Architecture"
Fotonachweis:
ARD, Süddeutsche Zeitung, Art
- Verfasser/in:
- Christian Dengler, Kommentar







