„Ideenwettbewerb Eisenerz 2021“
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Plattform – EisenHERZ
Einleitung
Eisen abbauen ist eine archaische Tätigkeit. Der Erzberg ist ein mythischer, vielleicht sogar ein mystischer Ort. Vermutlich ist er in seiner Bedeutung für Eisenerz ein verklärter Ort. Ein Ort kultischer Verehrung der Arbeit und ihres täglichen Rituals. Über viele Generationen hat er das Leben in Eisenerz strukturiert. Unter Umständen wird er deshalb in Zukunft ein Ziel für nostalgische „Wallfahrten“ sein.
Der Erzberg war einst der Magnet um den sich alle scharten. Seine Bedeutung und Anziehungskraft für den lokalen Arbeitsmarkt hat nachgelassen. Diese verringerte Anziehungskraft ist nicht verwunderlich, da Teile von ihm in der ganzen Welt verstreut sind. Jedes Blech, jede Schraube, alles was je aus Eisenerzer Eisenerz gemacht wurde, lässt sich hierher zurückverfolgen. All diese Partikel können nach Eisenerz zurückgedacht werden und temporär zurückkehren.
Der Erzberg verstellt als eine österreichische Ikone den Blick auf die Möglichkeiten. Denn es gibt neben, hinter, unter ihm ein anderes Eisenerz, welches es zu bergen gilt. Eisenerz gleicht heute einem Vexierbild – man muss es eingehend betrachten, um mehr zu sehen als nur den Erzberg. Bisher wurde Erz am Erzberg abgebaut, nun ist es an der Zeit, das Bild vom Erzberg abzubauen und daraus Profit zu schlagen.
Ein schrumpfender Erzberg bedeutete einst Wohlstand für Eisenerz. Heute bedeutet Schrumpfen vor allem Verlust – Verlust an Fähigkeiten, an Kraft, an Ansehen, an Gestaltungsmöglichkeiten, an Potentialen. Es verschwindet etwas, das für eine Stadt aber nicht verloren gehen muss. So sonderbar es zunächst klingen mag, für uns stellt dieser Verlust eines der wesentlichen Potentiale des Ortes dar.
Verlust als Potential
Mit unserem Projektvorschlag thematisieren wir den Verlust, also genau jene Elemente, die durch Personen repräsentiert werden, die Eisenerz zumeist mehr oder weniger freiwillig verlassen haben, um ihr Glück andernorts zu suchen. Ihre Wege führten und führen sie unterschiedlich weit von Eisenerz weg: in andere Gemeinden und Bundesländer, nach Europa, Amerika, Afrika ... . Für die zurückbleibenden Menschen und die Stadt hat diese Abwanderung umfassende Auswirkungen, die sich auch längerfristig verstärken, da AuswanderInnen zum Zeitpunkt ihrer Migration tendenziell jüngere, oft auch gut ausgebildet Menschen sind.
Irgendwann geben diese AuswanderInnen ihre möglicherweise noch bestehenden Rückkehrabsichten auf, ohne sich von ihrer ursprünglichen Heimat ganz lösen zu können. Ihr Herz bleibt mit Eisenerz verbunden – ein EisenHERZ.
Die AuswanderInnen haben durch ihre persönlichen Schicksale Erfahrungen gesammelt, die sie in Eisenerz nicht hätten machen können. Sie häufen Fähigkeiten und Wissen an, die so in Eisenerz nicht existieren. Betrachtet Eisenerz all diese AuswanderInnen als potentielles Kompetenznetzwerk, resultiert daraus auch die Erweiterung der eigenen Möglichkeiten. Dieser Erfahrungsschatz soll nun für Eisenerz und seine Region geborgen werden.
„EisenHERZ – Stadt-Alumni“
Wir schlagen mit „EisenHERZ“ ein Netzwerk bestehend aus allen ehemaligen und heutigen EisenerzerInnen vor: eine translokale Gemeinschaft aller „Herzenseisenerzer“ mit der Stadt Eisenerz als Zentrum.
Mit „EisenHERZ“ entsteht ein Kompetenznetzwerk, das mit seinen vielfältigen Ressourcen – Wissen, PR, finanzielle Mittel, Kontakte ... – Eisenerz dabei hilft, mit den Folgen des Schrumpfens erfolgreicher zu agieren. Das kann von der Vermittlung von Praktikantenstellen für MaturantInnen über Spenden für Kulturveranstaltungen („Friendraising“ kommt vor „Fundraising“) bis zur Bewerbung Eisenerz’ als Reiseziel reichen. Jeder AbwanderInnen ist auch ein potentieller Botschafter für Eisenerz!
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Ein Nebeneffekt dieser Vernetzung ist die höhere Bindung der AbwanderInnen an ihre alte Heimatstadt. Damit erhöht sich nicht zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit ihrer Rückkehr. Trotzdem können die AbwanderInnen von heute, die RückkehrerInnen von morgen sein.
Eisenerz als Knoten, der nicht nur eine Verbindung der Ansässigen mit den Abgewanderten her-stellt, sondern über die Verknüpfung mit der Stadt Eisenerz auch eine Verbindung der Abgewanderten untereinander
Plattformen
Eisenerz ist eine Kleinstadt. Allein in Österreich gibt es einige Städte vergleichbarer Größe, die als funktionierend gelten. Das Problem ist nicht der Ist-Zustand an sich, sondern seine fehlende Konvergenz mit den allgegenwärtigen Erinnerungen an die sogenannten „besseren Zeiten“ (Phantomschmerz). Eisenerz wuchs mit den Aktivitäten am Erzberg. Nun nähert es sich wieder einer Größe an, die man als seine eigent-liche, natürliche bezeichnen könnte. Eisenerz ohne Erzberg findet sein endogenes Gleichgewicht. Der Erzberg ist dann nur ein Extra, aus dem sich zusätzliches Kapital schlagen lässt.
Die Plattformen kristallisieren sich unterschiedlich. Wir schlagen sowohl baulich-räumliche Maßnahmen, als auch immaterielle Netzwerke als Plattform vor. Beide existieren nicht unabhängig voneinander. Sie sind miteinander verwoben.
Grundlage unseres Vorschlags bildet die Studie „re-design Eisenserz“. In einem ersten Schritt bauen wir auf den bestehenden Ressourcen auf. Im Mittelpunkt stehen zunächst die AbwanderInnen und ihre Geschichten sowie die ungenutzten urbanen Elemente und Gebäude im Stadtgebiet. Zeitgleich startet ein Kommunikationsprozess, welcher Möglichkeiten der Beteiligung für ehemalige, ansässige und zukünftige StadtbewohnerInnen öffnet. Die vorgeschlagenen Entwicklungsprozesse und die Veränderung der bestehenden Gebäude fordern eine intensive Auseinandersetzung mit den vorhandenen Strukturen und die Einbindung aller beteiligter Personen und Gruppen. Der Prozess findet auf vielen Ebenen und in verschiedenen Maßstäben statt, die von der Initiierung eines „Ehemaligen-Netzwerkes“, bis hin zur Neubesinnung leerstehender Gebäude reicht.
Die Projekte sollen während ihrer Ausarbeitung und Implementierung wissenschaftlich begleitet werden, um so die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung zu schaffen. Eine Kombination sozial-wissenschaftlicher Methoden kann dabei ein vielfältiges Instrumentarium bilden, das die interessierenden Fragestellungen effizient und zielführend untersucht.
Implementierung
Mit fünf bis zehn Beispielen wollen wir den Versuch starten, ein Netzwerk mit dem Netzwerkknoten Eisenerz zu bilden. Menschen, die abgewandert sind, werden angesprochen und interviewt. Grundlage bildet eine Recherche in den lokalen Medien (z.B. im Gästebuch der Seite www.eisenerz-heute.at). Die dabei gesammelten Informationen bilden die Basis, für die Auswahl von Orten, Häusern und Räumen im Stadtgebiet und die Zuordnung von Inhalten. Diese Inhalte können Personen oder Themen bezogen sein.
Die Orte sind der Ausgangspunkt für eine neue Orientierung in der Stadt und der Stadt nach außen. Die ausgewählten Orte sind leer stehende Häuser, Wohnungen oder vielleicht auch öffentliche Räume die auf Grund der Abwanderung nicht mehr frequentiert werden und ihre ursprünglich Nutzung verloren haben. Hier werden die Erfahrungen und Fähigkeiten der Abwanderer in den Alltag inkorporiert.
Die Orte werden neu besetzt und damit zu Botschaften fremder Erfahrungen, zu Vertretungen von Netzwerken. Sie sind damit exterritorial, gehören nicht mehr zu Eisenerz, sie sind dazwischen – zwischen Welt und Stadt. Der Leerstand verschwindet so auf zweierlei Art und Weise – er wird wieder aufgefüllt und er verschwindet aus der lokalen Statistik.
Die Orte sind die Resonanzkörper für die Dinge und Menschen, die Eisenerz verlassen habe. Hier werden die Schwingungen von außen (wieder)aufgenommen, verstärkt und weitergeleitet ... Um diese Resonanzkörper spinnt sich das Netzwerk fester und fester. Gemeint ist damit kein Museum des Schrumpfens, sondern das Sichtbarmachen von Verknüpfungen, Netzwerken und Möglichkeiten.

