Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung.
Das Ende vom Mythos der gewachsenen Stadt
Klaus Humpert/Martin Schenk
Stuttgart 2001, € 39,90Klaus Humpert ist emeritierter Professor für Städtebau an der Fakultät Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart. Er hat sich mit der Vorstellung der so genannten gewachsenen Städte auseinander gesetzt und in jahrelanger Forschungsarbeit Hinweise zusammengetragen, dass die im Mittelalter sehr zahlreich gegründeten Städte – allein in Böhmen waren es zwischen 1253 und 1278 über 60! – genau geplant waren.
Humpert zog sich damit den Spott vieler seiner Kollegen zu. Planen, meinten die, setze Messen und damit Messinstrumente voraus, und die hätte es nicht gegeben. Alles falsch, sagt Humpert: „Die Seilvermessung hat eine lange Tradition und war bereits in Mesopotamien und vor allem in Ägypten bekannt“, das altägyptische Schriftzeichen für die Zahl 100 bedeutete zugleich „Seil“. Über Griechenland und Rom hätten die in internationalen Bauhütten organisierten mittelalterlichen Stadtplaner das Know-how, im Speziellen jenes der Architekten, rezipiert.
Humpert hat zahlreiche romanische Stadtpläne wie jene von Freiburg, Villingen, Rottweil, Speyer, München, Siena digitalisiert, nachgemessen, mit einander verglichen und auf Kreisbögen, parallele Kanten und rechte Winkel analysiert. Seine Erkenntnis, grob vereinfacht dargestellt: In einen Kreis wurde ein so genannter rechteckigen Campus initialis einschrieben, von dessen Zentrum aus dann die zukünftigen Erschließungen der Stadt bestimmt wurden. Die Neugründungen erfolgten entweder unmittelbar neben bereits bestehenden Siedlungen, wie im Falle von Villingen, Rottweil und Kenzingen, oder als „Investorenstädte“, die möglichst viele Siedler anlocken sollten. Freiburg sollte solche eine werden und wurde in bestehende große Fernwege eingepasst und auf ältere Siedlungen ausgerichtet.
Humperts und Schenks Buch fasziniert nicht nur durch die Fülle von Informationen, sondern auch, weil es bis in die Antike zurückführt und Kontinuitäten und Kontexte postuliert, die zum Träumen anregen. Mit CD zum Nachmessen und Nachvollziehen.
- Verfasser/in:
- Maria Nievoll, Buchempfehlung

