Die Anwesenheit von Baulandesrat Johann Seitinger beim 6. Architekturdialog „Kulturen des Wohnens“ bescherte der Veranstaltung eine längst fällige Debatte über die steirische Wohnbaupolitik. Sie sollte fortgesetzt werden.
Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich: Zwei-Zimmer-Wohnungen mit 187 Quadratmetern? Und noch dazu sozialer Wohnbau? Was die Architekten Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal nach dem Motto „Viel Raum für wenig Geld“ im französischen Mulhouse realisiert haben, mag wohl jenseits dessen liegen, was man sich hierzulande unter gefördertem Wohnbau vorstellt. Und dennoch: Jene 12 loftartigen Appartements mit Loggien jenseits der 40m²-Grenze wurden von einer Wohnbaugesellschaft in Auftrag gegeben: der ortsansässigen Simco, die seit 150 Jahren Mietkaufwohnungen für Arbeiter in Mulhouse baut. Um neue Wege im Wohnbau zu gehen und heutigen Bewohnerstrukturen gerecht zu werden, wurden die strenge Regeln des sozialen Wohnbaus infrage gestellt: Sofern der durch die die üblichen Zuschüsse für derartige Bauvorhaben festgelegte Finanzrahmen eingehalten wurde, hatten die Architekten völlig freie Hand.
Freilich: Der räumliche Luxus in Mulhouse hat seinen Preis. Es darf bezweifelt werden, ob Wohnungen mit Estrichböden, Sichtbetonwänden, Aufputzinstallationen oder Badewannen frei im Raum stehend auch hierzulande Interessenten finden würden. Vielleicht aber doch. Zumal die Wohnungen darauf ausgelegt sind, von den Eigentümern fertig gebaut zu werden. Und für derlei Heimwerkeraktivitäten gibt es hier viel, viel Platz.
Dass es einen Markt jenseits vermeintlich bewährter Patentrezepte gibt, zeigen auch aktuelle Wohnprojekte in der Steiermark. Sie wurden allerdings allesamt ohne Wohnbaugenossenschaften realisiert. „Wir wollten in diesem Spiel Architekten-planen-was-die-Genossenschaften-sagen nicht mitspielen und haben unsere eigene Bauträgerfirma gegründet,“ erläutert Architekt Wolfgang Köck den von der Gruppe Pentaplan realisierten Wohnbau „Alphawolf“ in Graz-Andritz. Hier werden Wohnbauscheck-geförderte Wohnungen mit 140m² Wohnfläche angeboten, die ebenso als 4-Zimmer-Wohnung, oder auch – durch Herausnahme der Wände – als Garconnieren genutzt werden können. Dieses Angebot werde vielfach angenommen: „Nicht für den Markt zu produzieren hätte bedeutet, dass wir in Konkurs gehen,“ beschreibt Köck das hohe persönliche Risiko der Architekten. „Man muss wissen, was die Leute wollen. Es gibt heute eine Sehnsucht nach größeren Wohnflächen, nach individuelleren Wohnformen, nach freien Grundrissen. Diese Sehnsüchte können wir wecken.“
Warum wird in der Steiermark vonseiten öffentlicher wie privater Wohnbauträger auf zeitgenössische Nutzerbedürfnisse so gut wie überhaupt nicht reagiert? Und welche Rolle spielen Wettbewerbsausschreibungen, Wohnbauförderung und Politik dabei? Fragestellungen wie diese bildeten das zentrale Thema des 6. Architekturdialogs „Kulturen des Wohnens“ des Architektur Laboratoriums Steiermark, der am vergangenen Mittwoch im Grazer Literaturhaus stattfand. Das Gespräch zwischen dem zur Diskussion erschienenen Baulandesrat Johann Seitinger und der geladenen Architektenschar kann allerdings nur als Anfang einer überfälligen Wiederaufnahme des Dialogs zwischen Architektur und Politik bezeichnet werden. „Ich höre Kritik in dieser Deutlichkeit heute zum ersten Mal“, wunderte sich Seitinger über die bittere Diagnose von Architekt Wolfgang Feyferlik, der abgesehen von Einzelinitiativen seit Mitte der 90er-Jahre keinen innovativen Wohnbau in der Steiermark erkennen kann: „Genossenschaften setzen ihren Einheitsbrei um, jegliche Form von Initialzündungen der Architekten wurde abgestellt.“ Dem konnte Kollege Michael Haberz, selbst lange Jahre für Genossenschaften tätig, nur zustimmen: „Die noch in den 90er-Jahren gültige Maximalgröße für geförderte Wohnungen wurde von 130 auf 90m² eingeschränkt; gleichzeitig wurden durch die – sicherlich nachvollziehbaren – Bestimmungen des barrierefreien Bauens die Allgemeinflächen wie etwa Gänge oder Sanitärräume erhöht. Die aktive Fläche der Wohnungen hat sich dadurch um mehr als die Hälfte reduziert.“ Darüber hinaus gäbe es keine Wettbewerbe, die Grundrisse abseits des üblichen Förderschemas – maximal 60m² für 2-Zimmer-Wohnungen, 75m² für 3- bzw. 90m² für 4-Zimmer-Wohnungen – einforderten: „Dadurch sind ja schon 90% der Wohnmöglichkeiten ausgeschlossen. Einen Raum zum Leben kann ich in diesen Gang-Zimmer-Konstellationen nicht mehr erkennen.“ Ebenso ausgeblendet sei die Frage der Gestaltung öffentlicher Flächen: „Große Wohnanlagen brauchen Allgemeinbereiche: Nicht nur Spielplätze, sondern auch Geschäfte, Gemeinschaftsflächen. Die sind durch die Wohnbauförderung nicht abgedeckt.“ Dennoch: Solange kein politischer Wille zu mehr Wohnkultur bestehe, sei die gewinnorientierte Vorgehensweise der Genossenschaften nur allzu verständlich: „Die Bauträger sind nicht daran interessiert, irgend etwas an dem jetzigen Zustand zu verändern. Denn wenn ich meinen Plan aus der Schublade 700 Mal verkaufen kann, dann ist das sicher rationell.“
„Ich fordere ein, hier aktiver zu werden,“ ging Landesrat Seitinger angesichts der geballten Kritik der Architekten in die Offensive. „Zeigen Sie mir, dass gute Architektur leistbar ist. Führen wir den Dialog – auch mit jenen, die es hören müssen: den Genossenschaften.“
Diese Einladung ist noch nicht viel mehr als ein Wort. Aber auch wenn es schon in den vergangenen Jahren wiederholt Gespräche zwischen Seitinger und der steirischen Architektenkammer gab: Die Aufforderung zum Gespräch sollte nicht ungenützt bleiben, wenn die Architektenschaft im Spiel bleiben will. „Es ist ein bekannter Umstand, dass ein Großteil der Bauten ohne Architekten gemacht wird. Dabei könnten wir gerade im sozialen Wohnbau ein zukunftsträchtiges Betätigungsfeld finden,“ regte Architekt Konrad Frey gegen Ende der Debatte an. Freys Vision vom „Wohnbau für die große Zahl“ blieb allerdings nicht unwidersprochen – Architektin Anna Popelka aus Wien: „Wir glauben heute an ein sehr spezielles Angebot, gerade auch im sozialen Wohnbau. Die Leute werden Druck aufbauen: Sie werden die besseren Wohnungen, die spezifischeren Wohnungen haben wollen – und sie werden sie bekommen müssen.“
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller, Kommentar
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